Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 22 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 172 ..NeuerNätional-Zeitung' Nr. 22 Jahre hindurch war, und an dessen Seite er an den politischen Kämpfen in Frankreich um die Mitte des; Jahrhunderts teilnahm. Aber Cremieux war nicht allein der hervorragende Führer der Opposition und- 1848 sogar Mitglied der provisorischen Regierung, sondern als Präsident des Zentralkonsistoriums auch anerkanntes. Haupt des Judentums, dem es in seiner glühenden, hinreißenden Beredsamkeit gelungen war, den Juden in ihrem Kampfe um Anerkennung und Gleichberechtigung unschätzbare-. Dienste zu leisten. Aus solcher Schule her-vorgegangen, .ist es kein Wunder, daß schon früh in Narcisse Leven der Entschluß reifte, sein ganzes Leben der jüdischen Sache zu widmen. Und so kam er im Jahre 1860, .als noch nicht 37jährigerr.dazu, in Gemeinschaft mit 16 Gleichgesinnten eine Gesellschaft ins Leben zu rufen, deren Aufgabe darin bestehen .sollte, „überall an. der Emanzipation und dem moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten, und denen, die in ihrer Eigenschaft — als Juden leiden, y>irksamen Be/stand zu leisten." Das ist die A 11 i a n c e Israiilite Universelle, die mit dem: Namen Levens.aufs, innigste verknüpft ist und für. alle Zeiten unzertrennlich bleiben wirdi. Als Schüler und Freund Cremieux war er lange Zeit an dessen Seite und auch in allen allgemeinen, Kämpfen zu finden. Während des französisch-deutschen. Krieges war er unter .Cremieux Generalsekretär im. Justizministerium. Als aber Cremieux ,sejn Ministerportefeuille niederlegte, gab auch Leven seinen -Posten ,auf. und nahm ferner bei der Regierung keine Anstellung, .Seitdem galt seine Tätigkeit ganz dem sozialen .Leben. Eine.kurze Zeit, von .1881) bis, 1887,, war er kommunalpolitisch tätig als. Mi.tgl;e-Ji des Pariser Gemeiiiderates, dessen Vizepräsident er zuletzt wurde. Aber in der Hauptsache kannte . er hinfort doch nur eine einzige Beschäftigung: die Förderung und Ausgestaltung der Aiiiance, in der er nacheinander als Sekretär, Vizepräsident und. zuletzt als Präsident gew irkt hat. In Anerkennung! und Würdigung seinsr großen Verdienste haben jüdische Institutionen iNarcisse Leven durch Verleihung vieler Ehrenämter auszuzeichnen gesucht. So war er 36 Jahre lang Mitglied, und nach dem Tode Michel Erlangers auch Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums von Paris. Außerdem gehört, er dem Kuratorium des Rabbinerseminars und der Ecole de, travail. an.. Und die größte jüdische Organisation, die Ica, hat ihn zu ihrem Präsidenten ernannt. Er selbst freilich ist. in erster Linie „A. 11 i a n c i s t". Mit der Aiiiance, die er mit schaffen 'half, ah deren Wiege er stand und die er groß werden sah, fühlt er sich geradezu organisatorisch verwachsen. Er darf in gewissem Sinne auch als der Historiograph der Aiiiance bezeichnet werden. So hat er erst vor zwei Jahren, aus Anlaß des 50jährigen Jubiläums der Aiiiance, den ersten Band eines großangelegten Werkes „C i n q u a u t e a n s d'histoire" veröffentlicht, das in umfassender und gründlicher Weise die Geschichte der Juden Während der letzten füutzig Jahre behandelt. Gemeinde-u. Vereinsnachrichten. Wien. (Militärgott-esdienst anläßlich der Rekruten-Beeidigung.) Ueber Ersuchen -dos k. u. k. Korpskommandos findet Samsta,g, den 1. November ..1-913, präzise 8 Uhr vormittags, im Leopoldstädter Tempel, II, Tempelgasse 3,< ein feierlicher Gottesdienst anläßlich der Beeidigung der neu eingerückten Rekruten mosaüsc-hen Glaubens jstatt. Der Hauptgottesdienst beginnt um halb 9 Uhr vormittags. ■ Wien. XHausiererversammlung.) Wiede,r droht den Hausierern die Gefahr, durch den-in Verhandlung stehenden neuen Hausiergese.tzentwurf vernicjitet zu •werdeit Zur Stellungnahme . beruft der. „Erste österreichische- Rechtssohutzverein für Hausierer in Wien" für Dienstag, den 4. November 1. J., um 7 Uhr abends, im „Gate Stein", Wien II, Große Sperlgasse 35, eine allgemeine Hausiererversammlung ein und ladet alle befugten Hausierer sowie alle Fabrikanten und Kaufleute, welche mit dem Hausierhandel in Verbindung stehen, zur Teilnahme höflichst ein. Tagesordnung: Das neue Hausiergesetz und die Lage der Hausierer. Referent: Herr S. A. Freund. Zustimmungskundgebungen sind zu richten und Auskünfte erteilt das Sekretariat des obgenannten Vereines, Wien II/l, Taborstraße 66. /WS ALLEN WELTTEILEN Sir Rufus Isaacs als Lord Chief Justice. Die Ernennung des bisherigen Generalanwaltes Rufus Isaacs zum Justizminister des Vereinigten Königreiches (Lord Chief Justice), hat selbst in England, wo die Juden wiederholt sehr hohe Staatsämter bekleidet haben, große Ueberraschung hervorgerufen. Sie bedeutet aber nicht nur für die Juden Englands, sondern der ganzen Welt, in der Aera des Kiewer BlutJügen-Prozesses, eine um so größere Genugtuung, als das offizielle England seit der internationalen Verbindung mit Rußland alles vermeidet, was einer Favorisierung jüdischer Interessen gleichkäme. Isaacs wird durch die Ernennung auch Mitglied des Hauses der Lords; das Parlaments- Mandat in Reading legt er nieder und kandidiert seinen Sohn. England hat nunmehr einen jüdischen Postminister und Justizminister. Großes Wohltätigkeitslegat. Der vor kurzem verstorbene, in Währing, Gentzgasse 9, wohnhaft gewesene Privatier Herr Moses Rapaport hat, wie bei der gerichtlichen Testamentseröffnung publiziert wurde, eine Stiftung im Betrage von 100.000 Kronen zur Errichtung eines israelitischen Siechenhaus es in seiner Heimatsgemeinde und eine Stiftung im Betrage von 40.000 Kronen zur Vermehrung der Einkünfte des dcrtselbst vor Jahrzehnten zur Erinnerung an seinen Vater von ihm gegründeten Spital es errichtet. Der Erbenvertreter Dr. Maximilan Stieglitz hat bereits die Heimatsgemeinde und Statthalterei als Stiftungsbehörde von diesem großherzigen Legate in Kenntnis gesetzt. Professor Kellner legt sein Landtagsmandat nieder. Die „Volkswehr" berichtet: „Wf.e wir aus verläßlicher Quelle erfahren, trägt sich Prof. Kellner mit der Absicht, sein Landtagsmandat niederzulegen. Er hat seine Absicht in einem Schreiben an seinen Ersatzmann Herrn Hellmann geäußert." Diese Nachricht wird von der „Buk. Post" dementiert. Der Fürstprimas von Ungarn als Gast einer jüdischen Familie. Vorige Woche traf, wie aus Budapest geschrieben wird, Fürstprimas Kardinal Johann Csernoch in der Fabriksstadt Hatvany ein, um der Familie Baron Hatvany- Deutsch einen Besuch abzustatten. Am Eingange des Schlosses wurde der Fürstprimas von der Witwe des Barons Alexander Hatvany mit ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohne und den übrigen dort weilenden Mitgliedern der Familie empfangen. Der Fürstprimas nahm das Diner im Kreise . der Familie Hatvany-Deutsch, besichtigte dann deren weithin berühmte Zuckerfabrik und Musterwirtschaft, und erst nachher stattete er dem katholischen Geistlichen der Stadt den Pflichtbesuch ab. Dieser Besuch hat begreiflicherweise in Ungarn großes Aufsehen erregt, denn es wird dies wohl zum ersten Male der Fall gewesen sein, daß ein Jude den obersten Kirchenfürsten von Ungarn bei sich zum Gastmahle sieht. Besonders auffallend ist dies bei dem jetzigen Fürstprimas Csernoch, dessen Standpunkt gegenüber den Juden durchaus kein absolut freundlicher ist, was ja auch aus seinem Gutachten über den Ritualmord in der „Neuen Freien Presse" hervorgeht. Aus allen diesen Gründen glaubt man in Ungarn die Befürchtung