Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 22 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung" schließlich Dr. von Löwenstein, mit denen er behufs Verwirklichung; seiner Pläne in Verbindung trat, ließen ihn im Stich. Zai spät erkannte er, was ihm andere längst vorhersagten, daß das jüdische Proletariat von dieser Seite nichts zu erwarten habe- Seit zehn Jahren wohnte Reichenberg in Wien und hier ließ er seine Zeitung erscheinen. Die Unmöglichkeit seine Pläne zu realisieren, die erlittenen Zurücksetzungen bei der Installierung von mannigfaltigen Hilfsaktionen haben ihn tief verbittert; er litt darunter auch gesundheitlich und starb plötzlich, kaum 55 Jahre alt. Er hinterließ eine Witwe, eine Urenkelin des weiland Prager Oberrabbiners Ezechiel Landau, eine Kampf- und Leidensgenossin. Mit Reichenberg ist ein seltener Typus des jüdischen Journalisten entschwunden: die Feder war ihm nicht Geschäft, sondern Lebensmission. L. Zum Kiewer Prozeß. Seit drei Wochen dauert bereits der schreckliche Prozeß, in dem mit jedem Tage durch neue Zeugen die Unschuld des Beilis mehr und mehr klar zu Tage tritt, dagegen sich die Spuren des Mordes immer mehr auf dem Haupte der Vera Tscheberjak verdichten. Inzwischen dauern die Protestversammlungen der Juden in allen Großstädten fort. In Berlin hat der bekannte Nationalökonom Dr. Fr. Oppenheimer in einer Versammlung die auch von unserem Blatte gegebene Anregung, die russischen Wertpapiere zu boykottieren eingehend besprochen und empfohlen. In London ist der greise Lord Nathaniel Rothschild, auf den Schauplatz getreten und hat durch sein Schreiben eine Enunziation des päpstlichen Staatssekretärs provoziert. Enthält auch diese Antwort Merry del Val nichts anderes als lediglich die Bestätigung der Notorietät päpstlicher Bullen, so ist diese Episode dennoch sehr wichtig durch das Eingreifen des Lord Rothschild selbst. Der Chef des Londoner Hauses und Senior der ganzen Familie wollte damit beweisen, daß auch er an dem Schicksal des Ziegelei-Aufsehers Beilis warmen Anteil nimmt, der nichts anderes verbrochen hat, als daß er Jude ist. Die Verhandlung hat nunmehr den höchsten Grad' des Interesses erreicht, indem sie bis zur Vernehmung der Sachverständigen gediehen ist- Da soll erst die Kraft der Reaktion und der fanatischen Verwirrungen Orgien feiern: Sikorski und Pater Pranaitis, beide als Ignoranten und Charlatans auf ihren Gebieten entlarvt, werden plötzlich zu Koryphäen auf dem Gebiete der gerichtlichen Medizin und Talmudwissenschaft proklamiert und in dieser Maske den Bauern-Geschworenen vorgeführt . . . . Der Zarismus läßt sein Opfer nicht so leicht los ... . KORRESPONDENZEN. Deutsches Reich. Jüdisches Institut für technische Erziehung in Palästina. Berlin (Orig.-Korrespondenz). Am Sonntag, den 26. Oktober, fand unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James Simon 'eine Sitzung des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina statt. In der Sitzung wurde beschlossen, am 26. April 1914 das Institut zu eröffnen. Bis dahin werden die Bauten fertiggestellt seiin, so daß der Unterricht in den folgenden Klassen beginnen kann: 1. In den fünf untersten Klassen der Mittelschule. 2. In der untersten Klasse der Realschule. 3. In der untersten Klasse der Werkstätten. 4. In der untersten Bauklasse. Auch die erforderlichen Lehrkräfte sind bereits engagiert. Das Kuratorium genehmigt bei einer Vertretung von 16 Stimmten mit allen gegen 3 Stimmen das vorgelegte Programm, das in bezug auf den jüdischen Charakter der Anstalt das Folgende besagt: Im Lehrplan nimmt der hebräische Unterricht gemäß der Entwicklung und der Bedeutung der hebräischen Sprache in \::<\i~ tiaa einen breiten Raum ein. Das Hebräische wird -so eingehend gelehrt, daß diie Schüler im Stande sein werden, die hebräische Literatur im Urtexte zu studieren und sich der Sprache als Umgangssprache zu bedienen. Auch für die religiöse Unterweisung.wird-in ausgiebiger Weise gesorgt werden. In bezug auf die Spraeheiiirage wurde mit allen gegen drei Stimmen ein Antrag Dr. L e v i n s abgelehnt, der lautete: 1. In der Mittelschule soll die hebräische Sprache als Unterrichtssprache auch für die allgemein-wissenschaftlichen Fächer eingeführt werden. Die deutsche Sprache erhält damit den Platz der Hauptfremdsprache. 2. Im Technikum ist die deutsche Sprache einstweilen die Unterrichtssprache, eine oder einige allgenrein-w issetischaitliche und obligatorische Disziplinen aber sollen in de.- hebräischen Sprache gelehrt werden. Dagegen wurde nach lebhafter Debattierung eines vermittelnden Vorschlages von Prozessor Philipp'Son, der nicht zur Annahme gelangte, folgende von Herrn Dr. Nathan vorgeschlagene Resolution angenommen. Resolution. Als Richtlinie in bezug auf die Lösung der überaus schwierigen Sprachenfrage wird beschlossen: 1. Eine offizielle Unterrichtssprache, die für alle Fächer der Institute bleibend obligatorisch ist, w i r d nicht eingeführt. 2. Dem Hebräischen wird die eingehendste Pflege zuteil, entsprechend dem jüdischen Charakter des Technikuans. 3. Arabisch und türkisch wird so intensiv getrieben, da!', die Schüler mit der eingesessenen Bevölkerung des Orients und den ottamanischert Behörden in enge bürgerliche und geschäftliche Beziehungen zu treten vermögen. 4. Die naturwissenschaftlich-technischen Unterrichtsgegenstände werden in deutscher Sprache gelehrt, um Jen Schülern so den Anschluß durch eine der großen Kultursprachen an die wissenschaftliche Entwicklung der modernen Zeit zu vermitteln. 5. Englisch und Französisch werden in den höheren Klassen in einem Umfange betrieben, der den Schülern es ermöglicht, ihr späteres Fortkommen auch in Gebieten leicht zu finden, in denen Englisch und Französisch die herrschende europäische Sprache ist. Frankreich. Narcisse Leven. Paris. Am 15. d. M. konnte Herr Narcisse Leven, der jetzige Präsident der Alliance Israelite Universelle, seinen SO. Geburtstag feiern. Geboren am 15. Oktober 1833 in Uerdingen am Rhein, genoß er seine Mittelschulbildung am Lyeee Henry IV. in Paris und widmete sich dann dem Studium der Rechtswissenschaften. Schon früh führte ihn das Schicksal mit Adolphe Cremieux zusammen, dessen Sekretär er iiini