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Neue Nationalzeitung · 1913-10-31 · Heft 22 (31.10.1913) · p. Seite 170

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 22 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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Seite 170 „Neue National-Zeitung" Nr. 22 Seelenpein, welche Dr. Friedeberger an Verleumdungen und Verdächtigungen der niedrigsten Art zu erdulden hatte. Der Präsident des Kuratoriums, Herr Dr. Kuranda, gleichzeitig auch Kultusvorsteher und Vize-Präsident der Israelitischen Allianz, hat sich in diesem meuchlerischen Kampfe auf Seite der Lehrer gestellt. Ohne jede Disziplinar-Untersuchung. ohne, daß man dem Dr. Friedeberger die Möglichkeit gegeben hätte, sich zu rechtfertigen, ja ohne, daß man ihm bekanntgegeben hätte, was denn eigentlich gegen ihn vorläge, hat Dr- Artur Kuranda den Direktor Dr. Friedeberger von seiner Stellung als Direktor, die nach den Statuten eine pensionsfähige Lebensstellung sein sollte, mit zweimonatlicher Kündigung zu entfernen gesucht. Als Dr. 'Friedeberger im Kampfe um sein Recht und um seine Ehre nach zwei Monaten sich nicht ohne weiteres abschlachten lassen wollte, wurde von ihm die Räumung der Wohnung verlangt und nach Schluß der Ferien mußte er infolge der angedrohten polizeilichen Gewalt seine amtlichen Funktionen niederlegen. Die erfolgte Kündigung bildet jetzt den Gegenstand eines von Dr. Kuranda angestrengten Zivil- Prozesses beim Wiener Landesgericht in Zivilsachen. Der Kultusvorsteher und Vize-Präsident der Israelitischen Allianz lauft zu Gericht, um einen jüdischen Gelehrten und berühmten Pädagogen materiell zu vernichten: wiewohl sich derselbe jedem Schiedsgerichte unterwerfen wollte .... Wir behalten uns vor, das gesamte Prozeßmaterial und insbesondere die merkwürdige Rolle, die Dr. Kuranda in dieser Affäre gespielt hat, nach Beendigung des Prozesses noch eingehender zu besprechen. ■ Es ist aber sehr charakteristisch, und für Herrn Dr. Friedeberger in seinem schwerem Kampfe ums Recht trostreich, daß sämtliche anständigen Elemente in der Gemeinde und die führenden Persönlichkeiten des Kultusvorstandes für ihn und gegen Dr- Kuranda Partei ergriffen haben. Einen eklatanten .Beweis des Vertrauens für Herrn Dr. Friedeberger und ein Mißtrauensvotum für sein eigenes Mitglied, Dr. Kuranda, bildet der Beschluß des Vertreter- Kollegiums des Kultusvorstandes, die aushilfsweise als Religionslehrer beschäftigten Taubstmiimenlehrer sofort zu entlassen. Dr. Kuranda hat diesen Wink mit dem Zaunpfahl offenbar noch nicht verstanden und es wird nunmehr Sache der Oeffentlichkeit sein, ihm in einer deutlicheren Form zu zeigen, daß in einer Humanitätsanstalt solche Brutalitäten nicht angebracht sind. Nach all' dem Vorhergesagten sind die Taubstummenlehrer gewiß die Allerletzten, die sich über eine Vergewaltigung zu beklagen haben. | Chaim Nathan Reichenberg. Sang- und klanglos ist er vor 14 Tagen am Wiener Friedhof begraben worden. Nur einige Freunde und Verwandte gaben ihm das letzte Geleite. Kein Rabbiner, kein Kantor übte seine „Funktion" aus — der Verstorbene hat nichts hinterlassen, um sein Leichenbegängnis zu bellen. Nun ruht am Friedhof, was sterblich an Htm war. Aber vieles bleibt noch, was ihm in der Nach-; weit einen Namen und ein dauerndes Andenken sichert. Das hier festzuhalten, erschien mir eine, publizistische Pflicht, um so mehr, als die jüdischen- Zeitungen nicht einmal eine Zeile für seine Todesan-: zeige frei hatten. Chaim Nathan Reichenberg wurde im Jahre 1858 als Sohn des Rabbiners von Zaleszczyki geboren. Mit seinem Vater, der von zahlreichen Anhängern als Wunderrabbi nach Krakau berufen tind dort lange Jahre kurzweg als „Zaleszczylte-r Zadik" in den untersten Schichten der jüdischen Bevölkerung ungemein geehrt wurde, übersiedelte;. er nach Krakau und widmete sich dem Kaufmannstande- Ch. N. Reichenberg. Als ich ihn vor 24 Jahren in Wien kennen lernte, war Reichenberg als Vertreter mehrerer Wiener Textilfirmen in Galizien tätig. Auf seinen Geschäftsreisen lernte er das schreckliche Judenelend in den kleinsten Städten kennen und nun beginnt seine eigentliche Lebensaufgabe. Reichenberg wurde zum Fürsprecher des jüdischen Proletariats. Er gründete im Jahre 1892 eine Monatsschrift „Die Gerechtigkeit", in der er seine Pläne ier Industrialisierung Galiziens als Panacee für die Juden mit großer Wärme entwickelte. Gleichzeitig führte er einen heftigen Kampf gegen das korrupte Kahalsystem, der ihn im Jahre 1897 vor die Schranken des Krakauer Schwurgerichtes als -Beschuldigten, aber auch als Sieger brachte. Diese seine agitatorische und publizistische^ Tätigkeit fiel in die Zeit, da Baron Hirsch seine jgroße Schulstiftung für Galizien schuf. Reichenberg vertrat derselben gegenüber den Standpunkt, daß die galrzisehe Judenschaft Brot und Arbeit dringender^benötige. An diesem "Standpunkte hielt er bis zu seinem Tode fest. Ein Erfolg blieb ihm versagt. Die tiausjuden des Polenklubs, .Dr, Byk, Dr.-von Rappqpqtt und

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