Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 21 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" kelt „das Glück unserer Nachkommen bis in die späteren Geschlechter fördere." „Es sei bloß eine moralische Schwäche, wenn man m einer unfruchtbaren und gefühllosen Abstraktion verharre, dem Judentum anhänglich bleibt und deshalb auf alle bürgerlichen Rechte verzichte." (S. 291, Zeile 1—8). Das Motiv 'des Verbleibens im Judentum' wiegen dessen moralischen Inihaltes wird .i,n 'diesem Aufsatz mit dem Hinweis auf die prophetischen Reden als nichtig bezeichnet. Die Propheten haben dem jüdischen Volke die schlimmste Sitten Verderbnis vorgeworfen „u n d diese Vorwürfe werden auch noch jetzt gegen uns erhoben." (S. 299, vorletzte und letzte Zeile.) Diese Aeußerungen waren keinesfalls Entgleisungen dieses Schriftstellers, denn er kam auf sie in weiteren Artikeln vorgenannter Zeitschrift zurück, in denen er seine „Thesen" mit der äußersten Konsequenz vertrat (Maiheit 1907, Dezemberheft 1911). Dies hielt aber seine zionistischen Mitarbeiter nicht davon ab, ihm die Leitung der Kultur Organisation anzuvertrauen. Vor nicht langer Zeit trat dieser Mann, allerdings nur aus Gründen privater Natur, von der Leitung zurück. Oer Zentral ausschuß der Kultur-Organisation widmete ihm einen warmen Nachruf, in dem sein Scheiden sehr bedauert wurde. Und damit «och nicht genug; es folgte bald darauf eine zweite Erklärung, in der derselbe Zentralausschuß der Behauptung entgegentrat, daß der Rücktritt jenes Herrn ein erzwungener gewesen sei. iMan habe ihn im Gegenteil dringend gebeten, die Leitung zu behalten, was er aber zum lebhaften Bedauern seiner Mitarbeiter abgelehnt hätte. Vor wenigen Wochen veröffentlichte derselbe iM-ann im 5. Heft der hebräischen Zeitschrift „Heatid" (Die Zukunft) einen Artikel, der selbst in der Juden missionarischen Literatur kaum seinesgleichen an Gefährlichkeit kennt. Dem Judentum als religiöser und nationaler Erscheinung wird da mit der größten Schärfe jeder Inhalt, jeder Wert und jede Bedeutung abgesprochen. Es sei nach der Ansicht dieses Apostels der konsequenten Assimilation v ö 11 i g s 1 n <n 1 o s, i m Judentum zu verha r r e n, eines Phantoms wegen uns und unseren Kindern ein schweres Martyrium aufzulegen. Die zionistische Presse fand gegenüber solchen sonderbaren national-jüdischen „Kulturträgern" kein Wort der Abwehr und der Mißbilligung. Eine kleine Gruppe von hebräischen Schriftstellern veröffentlichte eine Protestkundgebung gegen diese Zersetzungsarbeit. Darauf folgte eine Gegenerklärung, daß die Berliner Ortsgruppe der „Histadruth", insbesondere der Leiter der Gesamt-Organisation, Herr Leo Motzkin (Mitglied des Zionistischen Aktions-Komitees), der Protestkundgebung ganz fern stehe. Der zionistische Missionär Nr. 2. Ein Pendant dazu gewährte uns eine Episode des letzten Zionistenkongresses. Der bekannte Künstler, Hermann Struck, trat auf und machte den Kongreß auf die literarischen Leistungen des neuesten Zionismus aufmerksam. Von einer zionistischen Vereinigung, die den stolzen Namen „Bar Kochba" führt, ist eine Sammelschriit herausgegeben worden, in der „ein merkwürdiges Interesse für Jesus von N a z a r e t h h e r v o r t r i 11" und ganz eigenartige Jesus-Legenden erzählt werden — zur Belehrung der jüdisch-akademischen Jugend. Besonders auffällig erschien Herrn Struck der Aufsatz eines Mitgliedes des zionistischen Aktions-Komitees, Herrn Adolf Böhm, in dem der Verfasser die völlige Inhaltslosigkeit des alten Judentums-verkündet und sich auf die Suche nach einem neuen begibt. Er ist sich darüber klar, daß jene Zionisten vom rechten Wege abgeirrt seien, welche die Rückkehr zum Judentum — von der Herzl einst gesprochen hat — als eine Rückkehr zum alten Judentum aiiifassen. „Was kann dies (das alte Judentum) dem modernen Juden geben? Er hat sich weit von ihm entfernt. Wie weit, das zeigt beispielsweise sein Verhalten zum Christentum. Die traditionelle jüdische Scheu vor dessen Stifter und seinen Lehren kann er nicht mitmachen. Er sieht vielmehr klar den Fortschritt, den es bedeutete, als das Christentum den Quell der religio s e n S i 111 i c h k e i t i n das Innere der M e nschenbrust verlegt e." (!) „Diese (Behauptung — bemerkte Herr Struck dazu — hat n i c h t e i n Missionär aufgestellt, sondern ein z i on i s t i s c h e r führe r." Herr Struck zitierte noch einen weiteren Ausspruch des Herrn Böhm, der es als unzweifelhaft hinstellte, daß „das Gefühl der persönlichen Würde überhaupt nie i m J u d e n t u m vornan d e n gewesen s e i" und fügte hinzu, „diese Worte schrieb nicht ein Antisemit, sondern ein zionistischer Führe r." Während der Rede des Herrn Struck erinnerte der derzeitige Vorsitzende des Kongresses, \Herr Chief-Rabbi Dr. Gaste r (London), daß die Tagesordnung es nicht zulasse, auf •diese Angelegenheit weiter einzugehen, bemerkte aber, daß es sich hier lediglich „um die persönlichen und irreführenden falschen Anschauungen eines Mitgliedes des Aktions-Komitees handelt, v o n d'e m wir uns absolut lossage n". Herr Böhm ist seit dem 9. September d. J. nicht mehr Mitglied des zionistischen Aktions-Komitees. Es fanden sich kindlich-naive Gemüter, die von der zionistischen Leitung annahmen, sie hätte die Wiederwahl des Herrn Böhm infolge dieses Vorfalls verhindert. Darauf veröffentlichte aber Herr Böhm in den Zeitungen eine Erklärung, es sei ihm von der Leitung auch nach der Anklage des Herrn Struck die Wiederwahl in das A k t i o n s - K o m i t e e angeboten worden, was er aber lediglich wegen Meinungsverschiedenheiten in der Bankfrage abgelehnt hätte. Der Leitung der zionistischen Organisation schien es aber, daß sie Herrn Böhm durch die Aufforderung, im Amt zu bleiben, noch nicht genügend rehabilitiert hätte. Sie empfand es daher wohl im Interesse des Ansehens der zionistische;] Bewegung für ersprießlich, eine offizielle Erklärung abzugeben (vergl. „Die Welt" Nr. 29), die ihrer Tendenz nach eher eine Desavouierutig der Herren G a s t e r und Struck als des Herrn Böhm bedeutet." (Es folgt dann eine ausführliche Darlegung, daß Herr Böhm, als Zionistenführer, seinen Sohn nicht beschneiden ließ.) „Eine an Anarchismus grenzende Pietätlosigkeit gegen das geschichtlich gewordene und in der Seele des jüdische!; Volkes tiefwurzelnde Judentum, der Mangel an jedem Respekt vor den Männern der Wissenschaft und der Forschung, eine grenzenlose Selbstüberhebung u n d A n rn aß u n g — dies kennzeichnet einen b e t r ä c h tliehen Teil der zionistischen Wortführer. Und obwohl gering an der Zahl, gelang es ihnen, in der Partei großen Einfluß zu erringen und dem offiziellen Zionismus — wie er sich auf den Kongressen, in den Versammlungen, in der zionistischen Presse und in einem Teil seiner literarischen Frzeugnisse kundgibt — das Gepräge zu geben. Dies bedeutet eine schwere Gefahr für die weitere Entwicklung der zionistischen Bewegung, die aus einem gesunden Volksidealismus hervorgegangen ist und mit ihren Idealen, solang sie in ihrer Reinheit blieben, viel Gutes und Ersprießliches geleistet hat. Die ernsten und ehrlichen Männer in der Leitung müssen s'ch dessen bewußt werden, welche Verantwortung sie auf sich laden, wenn sie zu dem schädlichen Treiben in der Partei