Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-10-17 · Heft 21 (17.10.1913) · p. Seite 164

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 21 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425906--2771-2429266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 164 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 Die angesehene englische Zeitschrift „The Christian" hat in ihrer Nummer vom 4. September der iBeilis-tAffäre ©inen Leitartikel gewidmet. In diesem Artikel beklagt das christliche Blatt die Tatsache, 'daß es im XX. Jahrhundert im Norden noch ein so großes Land gibt, in welchem die Anschauungen des finstersten Mittelalters noch fortleben und von den Mächtigen genährt werden. Sollten wir, so schreibt das Blatt, hierbei nicht der Tatsache eingedenk sein, daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die Christen wegen derselben unsinnigen Beschuldigung verfolgt und hingemordet wurden, und daß selbst in den allerletzten Jahren christliche Missionäre in China unter derselben und gleichfalls unbegründeten Anklage in den Tod gejagt wurden? Es sei zu hoffen, daß der Protest so vieler einwandfreier christlicher Gelehrter und 1 heologen, deren Namen jüngst in der Presse veröffentlicht wurden, ihren wohltuenden Einfluß auf die öffentliche Meinung im Reiche des Zaren ausüben werden. Es wäre, so sagt das genannte Blatt, tief beschämend, wenn die Legende des jüdischen Ritualmordes durch den Kiewer Prozeß zu neuem verderbenbringenden Leben erweckt würde. * F i r m a n e der Sultane gegen das R i t u a 1 m o r dmürche n. Im Zeitalter des Beilis-Prozesses liest man nicht ohne Bewegung den Text zweier Firmane (kaiserlicher Schutzbriefe), die von den Sultanen Abdul-Medjid (1840) und Abdul Asis (1860) gegen das von christlichen Fanatikern verbreitete Ritualmordmärchen erlassen ■worden sind. Der genaue Wortlaut der Firmane findet sich in dem Werk „Essai sur UHistoire des Israelites de TEmpire Ottoman'", von;M. Franco (erschienen in Paris 1897 bei Durlacher). In dem ersten Firman heißt es mit Bezug auf die damals gegen die Juden in Damaskus und Rhodus gerichtete Blutbeschuldigung: „Vor nicht langer Zeit sind einige Juden von Rhodus nach Konstantinopel berufen worden, um sich zu verantworten, doch sind sie als unschuldig berunden worden. Außerdem sind alle religiösen Bücher der Juden von sachverständigen Männern geprüft worden, die die hebräische Sprache vollständig beherrschen. Bei dieser Prüfung hat sich ergeben, daß die Juden nicht nur kein Menschenblut, sondern nicht einmal tierisches Blut verwenden. Auf Grunddessen schließen wir, daß die Beschuldigungen gegen die Juden auf reinen Verleumdungen beruhen." Der Firman verbietet dann jede Belästigung der Juden, verbürgt ihnen ihre Gleichberechtigung mit allen anderen Untertanen und die freie Ausübung ihrer religiösen Bräuche. Der Firman des Sultans Abdul Asis vom Jahre 1860 ist an den Polizeiminister gerichtet und bestätigt die Bestimmungen des ersten Firmans. Ein russischer Erzbischof gegen d ,i e B 1 u 11 ü g e . Der russische Erzbischof Sergei sagte, wie „Birschewija Wjedomosti" melden, einem Journalisten folgendes: „Wir wissen, daß die Glaubenslehre der Juden keinen Boden für wilde Verdächtigungen bietet. Auch in der rabbinischen Literatur ist nichts vorhanden, was diese Verdächtigungen bestätigen könnte. S o m i t s t zur B 1 u t b e s c h u 1digung der Juden keine Stütze vorhanden. Man sollte also annehmen, daß jede Grundlage für wilde Legenden, die die Menschheit beschämen, für immer verschwunden sei, leider hat der Be:l;:s-Prozeß diese Annahme zerstört. Man muß aber mit Bedauern konstatieren, daß der Beilis-Prozeß auf rein politische Motive zurückzuführen ist. Das Wesen der Anklage liegt nicht in der Ritualmordbeschuldigung, sondern im politischen und ökonomischen Hasse zu den Juden. Doch wir .wollen hoffen, daß der Beilis-Prozeß die mittelalterliche Legende einmal für immer zerstören wird." Große Protest-Versammlungen fanden u. a. in Prag, Lemberg, Krakau und Czernowitz statt. Auch die jüdisch-sozialistische Partei „Poale Zion" in Wfen gab in einer Protest-Versammlung ihrer Entrüstung Ausdruck. Zionistische Missionäre? (Das Organ der Pariser Alüancc gegen die zionistischen Führer.) Von den Besprechungen, welche in kleinerem oder größerem Umfange seitens der einzelnen Organe der jüdischen Presse dem letzten Zionistischen Kongresse gewidmet wurden, verdient die im Oktoberheft der Berliner Monatsschrift „Ost und W e s t" ganz besondere Beachtung. Einerseits deshalb, weil diese Monatsschrift das deklarierte Organ der Pariser „Alliance Israelite Universelle" ist und daher in ihren Publikationen die Ansichten der Alliance-Leitung wiedergibt. Anderseits aber sticht der Artikel von allen anderen Berichten dadurch wesentlich ab, daß er bei aller Sympathie für den Zionismus die an der Spitze befindliche „Clique" in der schärfsten Weise kritisiert ' und ihr dem „Gesamtjudentum schädliches Treiben" brandmarkt. Die Warnung des Organes der Allianoe verdient die weiteste Beachtu-ng und wird gewiß die größte Sensation 'hervorrufen. Sie wird aber auch von der zionistischen Presse und all den jüdischen Blättern, die dem zionistischen Preßfonde nachlaufen, totgeschwiegen werden. Wir reproduzieren daher den überaus markanten Schluß dieses Artikels, in dem die merkwürdige a n t i r e 1 i g i ö s e Tendenz gewisser literarischer Erscheinungen auf zionistischem Gebiete deutlich gekennzeichnet wird. „An die 'Rockschösse des Zionismus hat sich eine eigenartige „S e k t e" gehängt, deren auf die Z e r s e t z u n g d e s Judentums gerichtetes T r e ib e,n .um so gefähr liehe r 'ist, als es das Mäntelchen des jüdischen Nationalismus trägt. Zwei besonders typische Fälle kennzeichnen am besten die Art, wie in gewissen zionistischen Kreisen das geschichtlich jüdische Bewußtsein gepflegt wird. Der zionistische Missionär Nr. 1. Vor etwa vier Jahren wurde innerhalb der zionistischen Partei eine besondere Kulturorganisation, die „ittistadruth ibrith" ins Leben gerufen, welche die kulturellen Angelegenheiten des jüdischen Volkes vertreten sollte. An der Spitze dieser Kulturorganisation stand von Anfang an ein Mann, der seit Jahren die äußerste A s s i m i 1 a t i o n predigt, d i e selbst vor der Taufe n ii c h t Halt macht, diese vielmehr als ihr Endziel a n s t r e b t. Im Jahre 1904 debütierte dieser Mann mit einem Artikel in der hebräischen Zeitschrift „rlaschiloach" (Band XHI, Aprilheft 1904, S. 287— 303), 'in dem er dem Judentum jede geschichtliche nnd ethische Daseinsberechtigung absprach. Er redete jenen Männern das Wort, die die Massen taufe propagierten.*) Man dürfe ihr Tun nicht verurteilen, denn da man im Leben auf Schritt und Tritt Unwahrheiten sage, so sei dies umso berechtigter und gebotener, wenn man durch eine Unwahrhaitig- *) Dieser zionistische Propagator der Massentaufen, dessen Namen hier verschwiegen wird, heißt S. Hurwfitz und ist gegenwärtig Herausgeber der hebräischen Zeitschrift „Heatid" in Berlin. Sehr eigentümlich ist es, daß an dieser Zeitschrift auch Rabbiner mitarbeiten, unter anderen Professor Dr. Kraus von der Wiener Israelitisch-theologischen Lehranstalt und Rabbiner Dr. Gutmann -in Breslau. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.