Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 21 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hr. 21 „Neue National-Zeitung' Seite 165 Christlicher Protest gegen die Blutlöge. Czechischer Protest. Eine große Anzahl bekannter czechischer Persönlichkeiten erläßt einen Protest gegen die Kiewer B 1 u 11 ü g e, in dem es u. a. heißt: „In Kiew wurde gegen den jüdischen Kleinbürger Beilis der fürchterliche Verdacht ausgesprochen, daß er den christlichen Knaben Justschinsky ermordet habe, um sein Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden. Seit 2 Jahren schon schmachtet Beilis in der Untersuchungshaft, trotz zahlreicher Versuche ehrlicher russischer Männer, sei.ne Unschuld zu erweisen, von der auch der erste Untersuchungsrichter, welcher sich um seine Entlassung eingesetzt hat, überzeugt ist. Alles vergebens! Die Agitation der russischen Reaktionäre hat gesiegt. Die Untersuchung wurde unter dem Einfluß und der Kontrolle der „echten russischen Leute" fortgesetzt, und das Resultat ist: daß gegen Beilis die Anklage wegen Ritualmordes erhoben wurde." „Im Namen der slawischen Humanität, im Lebensinteresse der ungerecht verfolgten russischen Juden protestieren wir dagegen, daß dem fürchterlichen Aberglauben die Unterstützung durch die staatliche Autorität zuteil werde, daß wegen politischer Agitation, aus Rassen- und Glaubenshaß, das Recht vergewaltigt und ein unschuldiger Mensch geopfert werde." Unterzeichnet haben die Kundgebung 37 czecliischc Reichsratsabgeordnete, darunter Dr. Fiedler. Ereßl, Klofac, Dr. Kramarz, Lisy, Masaryk, Mastalka, Anton Nernec für den Klub der czechischen sozialdemokratischen Reichsratsabgeordneten, Karl Praschek, Udrzal, Pater Watzek, dann die beiden Herrenhausmitglieder Hofrat Dr. Hlava und Ritter v. Wohanka, viele gewesene Landtagsabgeordnete, zahlreiche czechische Hochschulprofessoren, czechische Schriftsteller, wie Machar und Jirasek, die Redakteure der „Narodni Listy", des „Cas", der „Samostatnost" und des „Ceske Slovo", der Direktor des czechischen Nationaltlicatcrs Smoranz, der Oberregisseur Kvapil und der größte czechische Schauspieler Vojan, ferner zahlreiche czeclrsche Industrielle und Persönlichkeiten der besten czechischen Gesellschaft. Besonders interessant ist, daß der Bruder des Abgeordneten Dr. Baxa, der die Polnaer Prozesse vertreten hat. ebenfalls auf dem Aufruf unterzeichnet ist. * Proteste ungarischer Bischöfe. Das Budapester Blatt „Egyeulöseg" hat sich anläßlich des bevorstehenden Beilis-Prozesses au die angesehensten christlichen Persönlichkeiten auf politischem, juridischem, wissenschaftlichem- und theologischem Gebiete um Meinungsäußerung zum Falle Beilis gewendet und veröffentlicht in seiner am l. Oktober erschienenen Nummer eine Reihe von Antwortschreiben, denen wir die Gutachten mehrerer Bischöfe entnehmen: Dr. Gabriel A u t a 1, reformierter Bischof: Ich bin der Meinung, daß ich der mir zugefallenen Aufgabe entspreche, wenn ich mich bemühe, mit meiner geringen Kraft und meinen Fähigkeiten gegen die in unserem Vaterlands auftauchenden ähnlichen Vorurteile, Befangenheit und Beschränktheit anzukämpfen. Gerade deshalb und weil ich die Einzelheiten und die Akten des Beilis-Prozesses nicht kenne, möchte i.ch mich in diese Angelegenheit nicht mengen, doch versteht es sich von selbst, daß ich die Beschuldigung selbst vom prinzipiellen Staudpunkte und nach meiner aufrichtigen Uebcrzeugung verurteile und verdamme. Genehmigen Sie usw. Dr. Gabriel A n t a 1. Dr. Desider Balthasar, reformierter Bischof: Die Zeit der Schlußverhandlung des Beilis-Prozesses naht heran. Als der unansehnliche Vertreter der Aufklärung und Menschenbrüderliichkeit halte ich es für meine Pflicht, vor der großen Oerrentlichkeit zu erklären, daß ich die Blutbeschuldigung für eine Schande des Christentums ansehe. Vergebens wird bei der Verhandlung der Ritualmordprozesse das Judentum physisch auf die Anklagebank gezerrt, denn geistig sitzt doch das Christentum auf der Anklagebank. Dasjenige Christentum, das nicht fähig ist, seiner eigenen Wahrheit zu vertrauen, und an Stelle der ehrlichen Waffen, des Kampfes der Geister die Gewalt des Heidentums benützt, um Gegner zu überzeugen. In einem solchen Christentum liegt weder das Licht der Weisheit, noch die Wärme der Liebe. Ohne diesen beiden aber bleibt das Christentum noch hinter dem Heidentume zurück, welches mit diesen Tugenden sich wenigstens nicht gebriistet hat. Das Judentum lebt gemäß jenen weisen Gesetzen, von welchen der Heiland selbst sagte, daß er nicht sie zu beseitigen, sondern zu erfüllen gekommen. Zu erfüllen mit Liebe. Christus selbst beschimpft daher jeden Christ, der den Menschenmord als die Folge des jüdischen Geistes hinstellt. Mit der ganzen Empörung meines sittlichen Gefühles weise ich eine Solidarität zwischen mir und dem gehässigen, entstellten Christentum zurück. Indem ich zurückdenke an jene Bestialitäten, welche die Inquisition an meinen Vorfahren geübt hat, wende ich mich mit dem Klassengefühle des gemeinsamen Schicksales und der Wärme der brüderlichen Liebe dem verfolgten Judentume zu. Und möge die schändliche Kiewer Verhandlung wie immer ausfallen, ich sehe das Judentum als ein moralisches Ganzes in dem intakten Vollbesitze aller ihrer Werte und Verdienste aus dem politischen System der widerwärtigen Hinterhalte hervorgehen. Empfangen Sie usw. Dr. Desider Balthasar. Dr. Alexander Gießwein, Kanonikus. Reichsratsabgeordneter, Präsident der christlichsozialen Part e i: Ich gestehe, daß ich die Einzelheiten, ja selbst das Meritum des Beilis-Prozesses nicht kenne, und weiß daher nicht, ob hier von einer neuen Erscheinung der Ritualmordlegende oder von einem Strafprozesse die Rede ist. Ich kann mich bei solcher Unorientiertheit daher nur allgemein äußern. Ich muß aber für alle Fälle es verurteilen, daß selbst, wenn es sich um ein wirkliches Verbrechen handelt, dieses mit der 'Blu-tbeschuldigung in Zusammenhang gebracht wird und daß man wegen eines eventuellen Verbrechers eine ganze Nation und Konfession anschw ärzen und unter das Volk die Keime des religiösen und Rassenhasses säen möchte. Gegen ein solches Vorgehen müssen wir im Namen des Humanismus auf das Entschiedenste Verwahrung einlegen. Mit aufrichtiger Hochachtung Dr. Alexander G i e ß w e i n. * Englische Proteste. Auf Ersuchen des Chief Rabbi von England, Dr. Hertz, hat der Kardinal-Erzbischof Bourne von London folgende Antwort gegeben: Mit Bedauern höre ich, daß Anklagen auf Ritualmord in Rußland erneuert werden. Die katholische Kirche hat, wie Sie sagen, und soviel ich weiß, stets anerkannt, daß derartige Anklagen weder in dem religiösen Glauben noch in der religiösen Uebung des jüdischen Volkes eine Begründung haben. Ich vertraue darauf, daß dieser Tatbestand allgemein anerkannt wird und daß, wenn ein Verbrechen begangen worden sein sollte, dieses nich/t Beweggründen zugeschrieben werden wird, die in Wirklichkeit nicht bestehen. Ihr ergebener Francis, Kardinal'Bourne. *