Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 21 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 162 „Neue National-Zeitung' Oder gerade deshalb vielleicht durfte niemand mehr sprechen? Weil er vielleicht der versammelten Elite der Wiener Judenschaft zu sagen hätte, daß alle Proteste und P r o t e s t v e r s a m m 1 u ng e n nichts wert sind. Seit Hunderten von Jahren sammeln wir päpstliche Bullen, kaiserliche Aussprüche, bischöfliche und gelehrte Gutachten — und alles nützt nichts. Das 19. Jahrhundert sah Ritualmordprozesse in so fortgeschrittenen Ländern wie Deutschland. Ungarn und Oesterreich; das 20. Jahrhundert steht im Zeichen des Ritualmordprozeses von Kiew. Mit Recht hat es daher der Kultusvorstand von Berlin abgelehnt, gegen die Blutl'üge zu protestieren. Das Judentum, das der Welt den monotheistischen Glauben, die Bibel und die Ideale der Sittlichkeit gegeben hat, muß so viel Stolz und Selbstbewußtsein besitzen, die vergifteten Pfeile des österreichischen Kierikalismus und des russischen Zarismus mit stummer Verachtung zurückzuschlagen. Sie wollen uns entrechten und morden — die Blutlüge ist nichts anderes als ein Mordwerkzeug aus der Inquisitionskammer der Neuzeit. Die glühenden Zangen, Daumenschrauben, Scheiterhaufen sind abgeschafft; sie zerren also einen unschuldigen Juden ins Gefängnis und setzen ihn auf die Anklagebank, um das ganze Judentum zu treffen und zu richten! Proteste sind zwecklos! Gegen die Inquisition der Neuzeit müssen die Waffen der Neuzeit aufgeboten werden. Und die einzige Waffe der unterdrückten, verfolgten jüdischen Minderheit ist das Kapital. Als Rußland nach dem Kriege mit Japan zerschmettert am Boden lag und zu hohen Zinsen auf dem europäischen Markt Geld suchte, da war es ein Wiener jüdischer Kultusvorsteher, Theodor von T a u s s i g, der die Russen-Anleihe in Oesterreich piazierte. Zahlreiche Juden aus den Börsenkreisen legten in „Russen" ihre Kapitalien an. Herr von T a ti s s i g wurde dafür von demselben Zaren, dessen Kabinettsjustiz den unglücklichen Beilis auf die Anklagebank geschleift hat, durch einen hohen Orden ausgezeichnet. Er mußte aber sein Mandat im Kultusvorstand niederlegen. Den Wiener Juden — nicht dem Kultusvorstande — war das schon zu viel. Instinktiv fühlte jeder Jude, daß die finanzielle Hilfeleistung für den Zarismus jedem Juden zur Schmach gereicht. Bald darauf folgten die blutigsten Pogroms- Und nun als deren letzter Ausläufer der Prozeß von Kiew, dessen öffentliche Verhandlung auf Schritt und Tritt den Tiefstand und die Barbarei der russischen Schandjustiz offenbart. e Was kann, was soll die zur Verzweiflung getriebene Judensehaft dem gegenüber unternehmen? Da gibt es nur ein Mittel: Boykott der russischen Wertpapiere. Das Gegenteil von dem, was Taussig zu persönlichem Vorteile unternommen hat, muß im allgemeinen Interesse geschehen. Eine i solche Maßregel solidarisch von der gesamten Ju- ■•j denschaft der ganzen Welt durchgeführt, würde den Koloß auf tönernen Füßen vielleicht zu menschlicher | Einsicht bringen. Die Antisemiten sprechen so viel vom jüdischen Kapitalismus und der jüdischen Börse. Möge sich einmal das jüdische Groß-Kapital, statt den Musikvereinssaal zu stürmen und zu protestieren, im Börsengebäude gegen die russischen Werte organisieren- Der Erfolg wird gewiß ein nachhaltigerer sein. Herr Dr. Güdemann, der den Börsekreise'n sehr nahesteht, könnte durch die Realisierung dieses Gedankens dem Judentum wichtigere Dienste leisten als durch seine Protestrede. L. Die Wiener Protestversammlung gegen die Blutlüge. Für halb 6 Uhr nachmittags hat Präsident Dr. Stern am 6. d. M. eine Protestversammlung in den großen Musikvereinssaal einberufen. Der Saal war voll besetzt. Es erschienen die meisten Mitglieder des Kultusvorstandes, fast alle Rabbiner und zahlreiche Delegierte von Wiener jüdischen Organisationen sowie auswärtigen Kultusgemeinden aus allen Provinzen unserer Monarchie. Viele Gemeinden sandten Zustimmungskundgebungen. In der Versammlung kamen lediglich zwei Redner zum Worte: Präsident Dr. Stern und Oberrabbiner Dr. G u d e m a n n. Zwölf Delegierte hatten noch im Laufe des Nachmittags um das Wort gebeten; es wurde ihnen von Dr. Stern verweigert. Der Herr glaubt selbst das maßloseste Unglück, welches im Prozesse Beilis das Judentum betroffen hat, für seine persönliche Reklame ausnützen zu sollen. Offenbar hat er gefürchtet, daß nach seinem langweiligen, vom Blatte heruntergelesenen, selbst für die Nächststehenden kaum hörbaren Vortrage irgend ein frischerer Zug in die Versammlung kommen und daß nach seinen abgedroschenen Phrasen ein anderer Redner etwas Neues, Packendes — denn das hat gefehlt — sagen könnte. So folgte auf Dr. Stern eine Predigt des Oberrabbiners. Der sprach wenigstens laut und man konnte ihn hören. Warum durfte aber außer diesen beiden Herren sonst Niemand sprechen? Zeit wäre genug vorhanden, wenn die Versammlung um halb sechs Uhr begann. Wenn man schon Laien nicht sprechen lassen wollte (warum?), dann hätten doch wenigstens ein oder z w e i R a b b i n e r s p r e c h e mn ü s s e n l Wenn man protestiert und widerlegt, dann sollte man es doch gründlich tun, dann sollte die Frage des Ritualmordes auch von anderen Fachmännern des Ritus, des Talmuds, der jüdischen Literatur einer gründlichen Erörterung unterzogen werden. Das hat ja Herr Dr. Güdemann gar nicht getan. Er hat bloß g eschimpf t und noch dazu gegen Rußland, das, wie die Manifestationen der Professoren, Studenten und Arbeiter bewiesen haben — mit dem mörderischen Czarismus und in seinem Solde stehenden Huligans nicht identisch ist. Die Delegierten kamen übrigens hierher, um auch selbst im Namen von Hundertausenden zu sprechen und nicht bloß stumm zuzuhören und eine Staffage zu bilden. Sie wurden aber am Sprechen verhindert. Mögen sichs ihre Gemeinden merken und daraus eine Lehre ziehen, unter welchen Kautelen sie nächstens dem Reklamebedürfnis gewisser Wiener Herren Opfer bringen. Nach beiden- Rednern wurde eine entsprechende Resolution angenommen-