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Neue Nationalzeitung · 1913-10-03 · Heft 20 (3.10.1913) · p. Seite 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 20 (3.10.1913)
Date
1913-10-03
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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„Neue National-Zeitung' lieber zu schweigen. Es genügte mir ein Blick auf die Estrade, um mir die Frage aufzuerlegen, gegen wen ich eigentlich kämpfen sollte. Dort saßen einst, abgesehen von Herzl, der den Vorsitz führte. N o r d a u, Mandelstamm, Lazare,Zangwill, Francis Montefiore. Heute führen das Wort K 1 e e, H a n t k e, Stand, Von den „Wiener Führern" allerjüngsten Datums will ich schon gar nicht sprechen." „Gegen wen sollte ich eigentlich kämpfen? Das Herz blutete mir, wenn ich die ersten Kongresse mit den heutigen im Geiste verglich." „Vorerst N o r d a u. Die jetzige Leitung hat ihm das Herkommen absichtlich unmöglich gemacht. Es ist wahr, Nordau ist kein Praktiker; er ist kein Politiker und kein Diplomat von Beruf. Die andern sind es ja auch nicht. Aber Nordau ist ein politischer Kopf, der einzige in der ganzen Partei. Die Politik ist ja sein Metier. Er steht seit Jahrzehnten mit hervorragenden französischen Politikern in engster Verbindung. Er kennt die Geheimnisse der diplomatischen Kulissen und wenn überhaupt in der Partei Diplomatie gemacht werden soll, so ist selbst die Mache ohne Nordau unmöglich. Damit will ich aber keineswegs sagen, daß ich die bisherige Geheimniskrämerei, die hinter einem diplomatischen Deckmantel versteckt wird, billige." „Wer ist nun der Nachfolger Nordaus? N a - h u m S o k o 1 o w. Gewiß ein sehr tüchtiger Journalist, der über alles schreiben und sprechen kann. Aber trotzdem kein Redner, kein Mann der Initiative oder irgend einer selbstständigen Konzeption. Unmittelbar vor dem ersten Kongresse hat er den Zionismus bekämpft. Dann ist er übergegangen. Heute lebt er davon." „Unlängst war in den Blättern zu lesen, daß Sokolow in Washington mit Bryan konferiert hätte." „Wissen Sie, worin diese Konferenz bestand? Zwei junge Leute haben Herrn Sokolow dem Staats- Sekretär Bryan vorgestellt, als denjenigen, der der Vertrauensmann amerikanischer- Juden beim Ankauf von Boden in Palästina sein soll. Bryan drückte Herrn Sokolow die Hand. Das war alles." „Herr Sokolow saß monatelang in London während der dortigen Botschafter-Konferenz. Er wohnte im feinsten Hotel und lebte als Grand-seigneur auf Kosten der Sehekelzahler. Er wurde vom Minister Grey nicht einmal empfangen." „Sokolow und Dr. Sehemarja Levin sind die Träger der hebräischen Kultur-Gedankens im Engeren Aktions-Komitce. Beide mit Jahresgehalt hüben allerdings Zeit, sich mit Kultur-Snobismus zu beschäftigen. Denn ebenso wie Sokolow, der den größten Teil des Jahres auf Reisen zubringt, sitzt Dr. Levin das ganze Jahr in Haifa, als Beamter des Deutschen Heilsverein.es in Berlin. Sie können daraus ermessen, was die beiden Herren, die den Kongreß eröffneten, für den Zionismus geleistet haben. Sie wissen ja bereits, was der Zionismus für sie geleistet hat." „Es ist wohl das Naheliegendste, wenn ich vom zionistischen „Botschafter" in. Konstantinopel spreche. Ingen'eur J a c o b s o h n, der diese Funktion bekleidet, hat alle Eigenschaften, die ihn für dieses Amt untauglich machen. Er beherrscht keine Sprachen, hat einen Sprachfehler und keine Rerjräsentatien, hat weder politische Vorbildung, noch Schulung. - Aber er ist der Schwager des Herrn U s s i s c h k i n, des Führers der russischen Zionisten." „Sie wollen gewiß auch wissen, was ich von Ussischkin halte: ein harter Kopf, energisch, ein Gegner aller Kompromisse, der Bahnbrecher der „Praktischen", vielleicht derjenige, der den Herzlianismus umgebracht hat." — „Wie denken Sie über den kommenden Mann?" „Sie meinen Dr. T s c h i e n o w aus Moskau, der zweiter Präsident des Aktions-Komitees werden soll und nach Berlin übersiedelt, den Mann, den die Wiener und die galizischen Zionisten nebst den russischen zum Präsidenten des Kongresses ausersehen haben." „Ich kenne Tschlenow seit vielen Jahren. Er meint es gewiß gut mit der zionistischen Sache, aber er ist schwach, ohne Energie, ohne Konsequenz. Er war bekanntlich der Führer der Charkower Opposition gegen Herzl; aber er hat sich bald mit ihm versöhnt. Ein kleines Männchen ohne Repräsentation, ohne vollkommene Beherrschung der deutschen Sprache, ohne moderne Bildung. Ein Arzt aus dem jüdischen Milieu in Moskau. Ganz darnach angetan, ein Werkzeug in den Händen der zionistischen Bureaukraten zu werden." — „Wo bleibt denn Professor Warbur g, der Präsident?" „Den kenne ich allerdings wenig. Ich habe keine Gelegenheit gehabt, mit ihm in nähere Berühr"ng v\ kommen. Er ist mehrfacher Millionär, dabei außerordentlicher Professor der Botanik.Einer der glücklichen Präsidenten der zionistischen Partei, die niemand angrc'ft. Selbst Herzl wurde argegpffe". Gegen Warburg hat niemand etwas vorzubringen ... Er ist ein vorzüglicher Botaniker. Als er am vierten Tage des Kongresses verreist ist. da wußte Niemand, daß er da war." —• „Was halten Sie von der Bankfrage?" „Sie ist charakteristisch für den ganzen Kongreß. Denn in dieser Frage hat die P a r t e i 1 e i t u n g ei n e schwere Niederlage erlitten. Sie kam nachWien mit dem Entschlüsse, die Bank an sich zu reißen. In ihrer Begleitung erschien eine kompakte Majorität der deutschen, galizischen. Wiener und russischen Zionisten. lauter Jasager, deren Re\sespesen zum größten Teile von der Parteileitung bestritten waren." „Wolfrsobn kam allein, ohne Anhang. Und er blieb Sieker. Die Majorität gab :-rtm recht: der Appell Dr. Hantkes: „Gibts uns die Bark'.", hat diesmal keine Majorität gefunden. Di.: Methode der Bilanz- Verschleierung und Ziffern-Entstehung, wie sie nach Nordau in den von der Parteileitung verwalteten Fonds üblich ist, wird also vorläufig in der Kolonialbank noch nicht platzgreifen." „Ich glaube, Ihnen schon genug gesagt zu habe::. Daß es nicht sehr Erfreuliche« dafür kam ich nicht. Der Bericht, den Sokolow und Jacobsonn dem Wiener türkischen Botschafter er- Tttei b.ihen wird gewiß anders gelautet habe A-P.in s n;ef: auch einmal die Wahrheit an die OrYrrrchkeit ur.d Gott sei Dank existieren neben den BUttteru, die aus der zionistischen Parteikasse schon e;was haben oder haben wollen, noch Blätter, denen die zionisti-

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