Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 20 (3.10.1913)
- Date
- 1913-10-03
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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beite 154 ,Neue National-Zeitung Nr. 20 Felder. Das waren keine Schlachten, ein Schlachten wars zu nennen. Blutigrot ging am Beginne des Jahres 5673 die Sonne über dem Balkan auf, blutigrot verlief dieses Jahr. Alle Schrecken, die der erschütternde „Unessane-Tokef" schildert, scheinen sich, wie ein unheilvolles Gewitter, über den Ländern im Südosten unseres alten Erdteiles entladen zu haben. Ein altes Volk wird aus den Wohnsitzen weggefegt, die es seit mehr als 400 Jahren innegehabt. Man sagte, dieses Volk hätte sich der Kultur Europas verschlossen. Es wurde vom alten Kampfe zwischen Halbmond und Kreuz gesprochen; das Mittelalter mit seinen Glaubenskämpfen wieder heraufbeschworen. Ist es nicht eine Beleidigung der Religion, welche Liebe verkünden soll, wenn wir die Greuel überschauen, in denen sich entmenschte Horden auf dem blutgetränkten Boden des Balkans überboten? Wird Unkultur durch Barbarei beseitigt? Das Menschentum verhüllt sein Antlitz beim Anblicke all der tierischen Wildheit, die der grause Krieg vor unserem, schaudernd sich abwendenden Auge enthüllte. Und siehe, das alte Psalmwort hat sich wieder erfüllt in seiner ganzen strengen Wahrheit. „Der Herr richtet die Völker in Gerechtigkeit." Hannas Wort: „Er tötet und belebt, er macht elend und glücklich, erniedrigt und erhöht," wir konnten es in seiner ganzen Klarheit und Aufrichtigkeit erkennen. Aus dem Sieger wurde der Besiegte und am Ende des Jahres 5673 sehen wir, wie ein Volk, das heldenhaft mit jugendlichem Ungestüm ausging und sich blutige Lorbeeren erwarb, wie „die Japaner des Balkans" die Wandelbarkei.t des Geschickes erfahren. Eine Tragödie entrollt sich vor unseren Augen, wie sie die Weltgeschichte sonst nicht darbietet. Und in diesen Tagen, da die Weltgeschichte wieder einmal zum Weltgerichte geworden, versammeln sich, vom erhabensten Idealismus erfüllte Kinder unseres Volkes, um über die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu beraten. Das Leid des jüdischen Volkes ist groß. Was hat es ihm genützt, daß es in Westeuropa wenigstens bestrebt war, sich zum Europäertum zu bekennen? Man hat es zurückgestoßen. Ein Journalist, der dem Zionismus nicht hold ist — überflüssig zu sagen, daß er sicherlich unserem Volke angehört — spricht von den „Pacemachern" des Zionismus. Diese sind ihm die russischen und polnischen Tyrannen. Er muß nicht nach dem Osten wandern, um diese „Pacemacher" — kein schönes Wort — er hätte ganz gut sagen können Bahnbereiter, Ebner des Zionismus, vielleicht besser jüdischer Nationalismus, zu finden. Ein Blick auf unsere moderne deutsche Literatur zeigt, daß der alte Amalek auch unter uns einherschreitet. Die Erweckung des nationalen Gedankens im Judentum bedarf jedoch der „Pacemacher" weder im Osten noch im Westen. Auch keine Reaktion bedeutet der jüdische Nationalismus. Wie sehr verkennen ihn die getauften „Genossen" die von moderner Orthodoxie und jüdischem Klerikalismus sprechen. Wie weit entfernt von diesen Hirngespinsten derer, denen wir Juden bei den Wahlen — und diese sind doch für sie die Hauptsache — Handlangerdienste leisten, ist doch die Wiedererweckung des nationalen Gedankens im Judentum. Diese Wiedergeburt ist ein Besinnen auf sich selbst, die Erkenntnis, daß dieses jüdische Blut „von unzerstörlicher Eigenheit ist" ist und der Name des Judentums nicht untergehen kann, trotz der Römer im Altertum, der maßlosen Feindseligkeiten im Mittelalter und der Rassen und anderer Kulturnatioruni der Neuzeit, trotz auch der liberalen und — anderen Zeitungsschreiber der Gegenwart. Was der S'äbylonische Jesaias mit triumphierenden Worten verkündete, die Erneuerung des jüdischen Gedankens, das vollzieht sich nun vor den Augen der staunenden Welt. „Eure Nachkommenschaft und euer Name, sie werden fortbestehen," das Wort, es ist zur Wahrheit, zur Tat geworden. Die Nachkommenschaft Judas schart sich um das Banner, das nun wieder aufgerichtet wurde. Nicht nach rückwärts allein ist unser Blick gerichtet, nach vorwärts, einer besseren Zukunft entgegen drängt unser Schritt. Und dieser Fortschritt bedarf keiner „Pacemacher". Ervwird sich vollziehen trotz aller hämischen Bemerkungen von hüben und drüben. Aus den dumpfen Stuben heraus, in denen sich bis nun das Judentum oder'was sich als solches bezeichnete, verkroch, tritt es mit jugendlicher Kraft auf den großen Plan der Oeffentlichkeit. Wie viel Kleinlichkeit und Niedrigkeit umrankte doch, gleich dem Epheu, den Baum des Judentums. Ein großer Gedanke beseelt es nun. Und das ist das Verdienst der Wiedererweckung des nationalen Gedankens. Die Jugend soll das Judentum nicht aus den Schilderungen unserer Gegner kennen lernen, aber auch nicht.aus dem Gesichtswinkel derer, die in ihm nichts anderes als zu Stein gewordene Ueberlieferung erblicken. Der alte Schofar wird nun wieder ertönen. Er rufe die Kinder Israels zum Kampfe und versammle sie um unsere alte Fahne. Die Erneuerung Europas mahne auch uns, endlich mit dem Schutte aufzuräumen, welcher jede Entwicklung hemmt. Und hätte der jüdische Nationalismus nichts anderes bewirkt, als daß er unsere Jugend lehrte, sich des jüdischen Namens nicht zu schämen, jeder denkende Jude müßte seine Bedeutung erkennen, wie sie selbst vom Nichtjuden und strichen, die uns wahrlich nicht sehr geneigt sind, erfaßt wurde. Ein. neues Jahr ist wieder gekommen. Die mannigfachsten Gedanken undi Gefühle erfüllen unseren Geist und. unser Herz. Sie sind noch immer nicht die erfreulichsten. Doch eins tröstet uns, das starke, kräftige Wort unseres Heilsverkünders: Erde und Himmel bestehen fort und so auch Israels Name. Israels Stern kann zeitweilig verdunkelt werden, das Gewölk zerreißt und hell leuchtet er wieder auf. „Fortbestehen wird Eure Nachkommenschaft und Euer Namen." Zu Rosch-Haschanah 5674. Hinter den Kulissen des Zionisten- Kongresses. (Aus einem Gespräche.) „Sie fragen, warum ich beim Kongreß geschwiegen habe. Als einer der ältesten Zionisten, der tagelange Reisen nicht gescheut hat, um nach: Wien zu kommen, hätte ich: meiner Ueberzeugun^ offen am Kongreß Ausdruck leihen sollen." „Sie haben Recht. Allein,, nach tagelangem Nachdenken' bin; ich zum Entschlüsse* gekommen,