Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 19 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. i\) „Neue National-Zeitung" __SejteJLgl FEUILLETON. Eine hochinteressante wissenschaftliche Publikation.*) Unser Verfasser jedoch, der von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß der Pannenismus auch in der Diaspora zur Herrschaft gelangt war, sieht ihn sogar in dem jüdisch-hellenistischen Schrifttum siegreich das Haupt erheben. Das aber ist eine Entgleisung, die ihn zur Mißdeutung einer ganz hervorragenden, höchst charakteristischen Stelle bei Pseudosalomo führt. Der Verfasser sieht nämlich auch in der den Geist des jüdischen Hellenismus vorzüglich kennzeichnenden Sapientia Salomonis den Pannonismus verherrlicht, was ihn auch verleitet, in dieser modernen Spruchweisheit, die einen anderen Geist als der judäische Pannonismus hat, einen Lobredner desselben zu erblicken. Er liest nämlich aus Sap. 78 bis 20 folgende Worte heraus: „Sorge um Belehrung ist Liebe, Liebe aber ist Beobachtung der Gesetze, Beobachtung der Gesetze ist Sicherheit für Unsterblichkeit, Unsterblichkeit führt in die Nähe Gottes." Das stimmte nun freilich alles, wenn nur nicht e i n Wör.tchen, dabei zu kurz gekommen wäre, dessen Berücksichtigung dem merkwürdigen Spruche einen ganz andern, aber den beabsichtigten Sinn, gibt. Im Texte heißt es nämlich nicht: „Liebe aber ist die Beobachtung 'der Gesetze"; sondern: „Liebe aber ist die Beobachtung ihrer Gesetze" (agape de teresis n<>mon autes); will sagen: sie führt zur Beobachtung der Gesetze der Liebe! — Diese Gesetze haben mit dem Zeremonialgesetz, von welchen schon selbst die nicht mehr zur Nation, sondern zum I n d i v i d u u m sprechenden kanonischen Proverbien, Koheleth, Sirach usw. absehen, absolut nichts zu schaffen, noch weniger mit einem Pannonismus! Wenn nur christliche Bibelforscher sich solche Auslegungen gestatten, so ist dies begreiflich. Denn sie leben einmal der Ueberzeugung, daß die Religion der Liebe ureigenste Schöpfung des Christentums, offenbart zuerst von dem Evangelium Jesu. Wenn aber jüdische Gelehrte kritiklos solche Auslegung hinnehmen und weitergeben, so müssen wir ihnen zurufen: Chachamim hisaharu bedibrechem! Die endliche Erlösung aus all diesen chaotischen, nach Klärung ringenden religiösen Strömungen läßt der Verfasser durch den Rabbinis.mus erfolgt sein, der als eine vermittelnde Richtung auf den Plan getreten sei. Sein Streben sei dahingegangen, bei aller Betonung der Verbindlichkeit der Gesetze für alle Länder und Zeiten, „ihre Ausführung auf das Mögliche und Ausführbare zu begrenzen. Er stellt sich den schroffen Tendenzen aller vorangegangenen Richtungen entgegen. Sowohl gegenüber dem Antincmismus als dem Symbolismus und dem Pannonismus nimmt er eigene genau umschriebene Position ein. Gegenüber der Forderung des Pannonismus, die Gesetze überall und in allen Ländern auszuüben, stellt er den Grundsatz auf: jedes Gebot, das an das heilige Land geknüpft ist. gilt!) Vgl. Nr. 18 dieses Jahrganges. Anm. der Red. bloß für das heilige Land, alle vom heiligen Lande unabhängigen aber bleiben überall zur Geltung." Wir wollen über diese Feststellung des Verfassers kein Wort verlieren. Hierüber hat bereits die Geschichte geurteilt. — Das unentwegte Streben des Ra'bbinismus: die nationale Idee im Judentum im tausendjährigen Ringen mit der unbarmherzigen Außenwelt lebendig zu erhalten, hat seine Früchte getragen; wohin es aber endlich steuert, das liegt im Schöße der Zukunft. Dr. Gelbhaus hat sich, daß muß unumwunden zugestanden werden, mit dieser Arbeit ein großes Verdienst um die jüdische Wissenschaft erworben, wenn sie auch vorerst noch mit ungenügenden, im Verhältnis zur Größe der zu lösenden Aufgabe, primitiven Mitteln in Angriff genommen wurde. Er hat aber den Stein ins Rollen gebracht, der nicht wieder aufzuhalten sein wird, und er und andere werden die Sisyphusarbeit immer wieder von neuem anfangen. Er hat den Mut gehabt, in eine große, für uns aber noch wie ein Buch mit sieben Siegeln verschlossen liegende Zeit hineinleuchten zu wollen, in eine Zeit, in der religiöse Gärungen im Judentum wie zu keiner andern mächtig aufschäumten, welche eine ganze Welt berauschten und für den Monotheismus begeisterten; nachdem der große Mazedonier alle nationalen Schranken niedergerissen und das Füllhorn der griechischen Kultur über alle von ihm eroberten Lande hatte ausströmen lassen, so daß der Geist Japhets in den Hütten Sems zu wohnen kam. In eine Zeit, in der die literarische Produktivität im Judentum so mächtig angeregt war, daß Koteleth sich vor allzuvielem Bücherschreiben zu warnen gedrängt sah, aus der aber auf uns nicht die leiseste Spur literarischer Tätigkeit gekommen zu sein schien. Dr. G. hat seine Aufgabe, so eng er sie auch begrenzte, kräftig angefaßt und wir sind ihm selbst für seine Irr; tümer verpflichtet, da sie uns zu fruchtbaren Ideen anregen. Wie aber verhielt sich die jüdische Kritik zu dieser nach Auseinandersetzung mit ihr förmlich schreienden Publikation? Schweigsam, sehr schweigsam. Mit Ausnahme einer anerkennenden, aber sehr oberflächlichen Besprechung in einem jüdischen Wochenblatte, die mit keinem Wort verriet, daß sie den Kernpunkt der Arbeit auch nur geahnt, war nirgends etwas über sie zu lesen. Und doch liegt sie bereits ein Jahr lang auf dem Büchertisch und kann in einer rechtschaffenen Stunde durchstudiert sein. Nun müssen wir auch fragen, ob nicht der Verfasser selber Anteil an seinem äußerlichen Mißerfolg hat? Zweifeisohne. Er gehört noch der alten Schule an, zählt noch zu den wenigen Rabbinern, denen die alten Meister, wie Abraham Geiger und seine Mitstrebenden, zu deren Füßen sie vor einem Menschenalter gesessen, noch in allen Gliedern stecken, und die nicht merken, daß das wissenschaftliche und rezensierende Publikum von heute ein von grundaus anderes geworden.