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Neue Nationalzeitung · 1913-09-05 · Heft 18 (5.9.1913) · p. Seite 143

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 18 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 143 (sequence 12)
Language
German
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ftr. ib ,Neue National-Zeitung" Seite 14o PCU1LLETON. Eine hochinteressante wissenschaftliche Publikation.*) In der Tat eine sehr interessante Schrift, eigenartig in Form und Inhalt; umso interessanter und ansprechender, als der Verfasser — ganz entgegen der herrschend gewordenen Mode — hinter 'derselben in völlig selbstloser Bescheidenheit verschwindet, nirgends aufdringlich, nirgends störend hervortritt und dadurch sogar den Anschein erwecken möchte, als ob er kaum ahnte, welche bedeutungsvollen Probleme er aufrollt und zur 'Lösung stellt und welche weitausgreifenden Konsequenzen sich aus seinen Ausführungen ergeben könnten. Es spricht eben aus dieser Arbeit die Naivität des ehrlichen Forschers, dessen Blick auf einen einzigen Zielpunkt gerichtet ist, den er unentwegt im Auge behält, ohne nach rechts oder nach links, oder gar über das Ziel hinaus zu schauen, auf Schritt und Tritt besorgt, ausgleiten und auf andere, ins Unübersehbare führende Geleise geraten zu können. Und er tat wohl daran, sich diese Schranken zu setzen, die Schrift wäre sonst sicherlich ungeschrieben geblieben. Das Problem, an das der Verfasser rührt, ist von solcher Bedeutung, daß, wenn es richtig und erschöpfend gelöst würde, zugleich auch die großen Rätsel in der jüdischen Geschichte, zumal in jenem Teile, wo sie zur Weltgeschichte wird, gelöst wären. Soweit ausholend aber sind, wie gesagt, die Untersuchungen der vorliegenden Schrift allerdings nicht; allein das Problem ist dennoch frisch genug angepackt, daß es die Aufmerksamkeit ernster Forscher auf sich zu lenken und der bescheidene Kreis, in den es eingrenzt, erweitert zu werden verdient. Der Verfasser legt sich die wohlaufzuwerfende Frage vor: wie es in Judäa nach der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil ausgesehen, wie die politische, soziale und insbesondere die religiöse Lage beschaffen war, und welche Einflüsse auf ihre Entwicklung hemmend oder fördernd gewirkt haben. Die glückliche Beantwortung dieser in die Tiefe grer fenden Frage — erstreckte sie sich auf die ganze, bewegimgsschwangere Epoche bis zur Zerstörung des zweiten Tempels — wäre freilich von weltgeschichtlicher Bedeutung. Aber der Verfasser hat in der richtigen Beurteilung der Sachlage sein Forschungsgebiet eingeschränkt, um es beherrschen zu können. Denn einmal liegen die Spezialuntersuchungen noch in chaotischem Durcheinander, einseitig von Forschern verschiedenster religiöser Richtungen angestellt, und ermöglichen noch lange nicht die Darstellung eines einheitlichen Bildes; dann aber ist das zu verarbeitende Quellenmaterial ein so massenhaftes, fast unübersehbares, daß ein Einzelner, und mag er noch so gelehrt, noch so geistig überragend sein, es nicht zu bewältigen vermöchte. Wenn irgendwo, so ist hier Teilung der Arbeit unerläßlich und Doktor Gelbhaus hat sein Teil mit redlichem 'Bemühen geleistet. Er hat den Ausgangspunkt richtig abgesteckt, *) Reljigiöse Strömungen in Judäa während und nach der Zeit des babylonischen Exils. Von Dr. S. Q e 1 b h a u s. Leipzig und Wien 1913. M. Breitenstein. Wien IX, Währingerstraße 5. scharf umgrenzt und darin sein ganzes Können koiv zentriert. Vor allem räumt der Verfasser mit der ebenso irrigen als gangbaren Vorstellung auf, als ob Judäa durch die Exilierung nach Babylon gänzlich von Juden evakuiert worden wäre. Nur die Aristokratie und die Kriegspartei sei exiliert worden, die breiten Massen des Landvolkes blieben zurück. Die von den Exilierten verlassenen Landstrecken seien von benachbarten Edomiten besiedelt worden. Von Haus aus blutverwandt, traten diese bald mit den Juden in engere Beziehungen und wirkten auf diese ein. Wie sich diese gegenseitigen Beziehungen gestalteten, das bildet den Kern der in dieser Schrift angestellten Untersuchungen, die unser Interesse in hohem Maße erregen, zumal der Verfasser uns durch seine scharfsinnige Gelehrsamkeit gefangen nimmt und durch seine gründliche Vertrautheit mit der einschlägigen neuesten Forschung unser Vertrauen zu gewinnen versteht. Selbst da, wo wir entschieden anderer Ansicht sind, lassen wir uns gern unvermerkt in seine berückenden Irrgänge hineinlocken, von den von ihm ausgeworfenen feineren, auf solider Grundlage gesponnenen Fäden in seinen Gesichtskreis bannen, da sie neue, fruchtbare Gedanken, die freilich weit über ihn hinausführen^ in uns anregen. Die religiösen Strömungen, die die Verschmelzung des 'hebräischen und idumäischen Elements hervorrufen, klassifiziert der Verfasser als pannomistische, annomistische und a n t i n o; m i s t i s c h e. Diese Bewegungen bestanden tatsächlich; fragt sich nur, ob die Diagnose richtig gestellt ist; ob die Erreger derselben die Eruierten sind. Tatsache ist, daß diese Strömungen, selbst wenn sie schon so früh, wie sich dies der Verfasser vorstellt, zutage traten, noch keineswegs von dem Zielbewußtsein ausgingen, von welchem sie zwei Jahrhundertespäter, als die hellenistische Flut sich über den Orient zu ergießen anfing, getragen wurden. Also in die durch die Exilierung der „Herren- und Kriegerstämme" nach Babylon verödeten Gegenden Judäas drangen die Edomiten ein, die als Bruderstamm sich rasch mit den zurückgebliebenen Judäern amalgamierten und allmählich über dieselber, deren religiöse Verhältnisse unklar und verworren lagen, geistige Ueberlegenheit gewannen. „Durch ihre geistige, physische und politische Supemrität übten die Edomiter, die nach der schriftlichen und mündlichen Ueberlieferung in gewisser Zeit wenigstens in judäischen Kreisen nicht als minderwertig angesehen wurden, einen großen Einfluß auf die träge Masse der geistig rückständigen und politisch ohnmächtigen judäischen Insassen aus"; zamal ihre Gottesvorstellung eine monotheistische war und sie gleichsam Hebräa „ohne Thora waren, ohne sinaitische Gesetzgebung", A n n o m i s t e n, wie sie der Verfasser nennt. Ihr geistiges Niveau sei eben ein überaus hohes gewesen. Werden doch von einen; Prophet eriedomitische Männer von großer Geisteskraft erwähnt, Weise und Einsichtige unter ihnen mit denselben Ausdrücken gerühmt, wie die Bibel sie von den Israeliten gebrauche. Sei doch der Verfasser eines der erhabensten, in keiner Literatur noch erreichten Bücher der heiligen Schrift, das sich an die

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