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Neue Nationalzeitung · 1913-09-05 · Heft 18 (5.9.1913) · p. Seite 139

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 18 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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Mr. 18 „Nene National-Zeitung" ______ _ Seite 139 Juden, die alle Pflichten erfüllen, auch alle Rechte zu geben? Nach allem, was wir jetzt aus Rumänien zu hören bekommen, ist dies zweifelhaft. Eine sehr wichtige Tat der Alliance bildet das Zustandebringen einer Organisation der großen jüdischen Wohltätigkeits-Organisationen. Sie hat sich anläßlich der Hilfeleistung auf dem Balkan bereits vorzüglich bewährt, indem sie über eine Million Francs aufgebracht und zum größten Teile den brotlos und heimatlos gewordenen türkischen Juden zugewendet hat. Vom großen alljüdischen Gesichtspunkte aus verdienen daher die Gesamtleistungen der Alliance, wenn man auch bezüglich einzelner Fragen anderer Meinung als ihre Leitung sein mag, Dank und Anerkennung. „Die Zeit" gegen die östlichen Juden. Vor mehreren Jahren haben gewisse j ü d i - sehe Bankiers in Verbindung mit Universitäts-Professoren das Bedürfnis empfunden, ein „anti-korruptionistisches" Tagblatt in Wien zu gründen. Mit großen Geldmitteln wurde damals „Die Zeit" geschaffen; es wurde hiefür ein Aktienkapital von zwei Millionen Kronen aufgebracht. Dieses Geld haben in erster Reihe Juden zur Verfügung gestellt. An die Spitze des Blattes gelangten als Herausgeber zwei Juden, von denen einer aus Ungarn, der zweite aus Galizien stammt. Das Blatt hat inzwischen seinen antikorruptionistischen Ehrgeiz aufgegeben; es war nicht imstande, sich sonst zu erhalten und segelt nun selbst im Fahrwasser der von ihm bis'her bekämpften „korrupten" Presse. Man will ja leben. Allein nicht genug daran: das Blatt beginnt auch schon zu a n t i s e m i t e 1 n. Auch das wäre noch zu begreifen. Es gibt ja leider genug antisemitische Blätter, die von charakterlosen Juden redigiert werden — in Wien und anderswo. Aber diese 'Blätter nehmen von Juden keine Unterstützungen, sie haben keine jüdischen Abonnenten. Anders „Die Zeit". Sie hat den Gründungsfonds zumeist von Juden; sie hat ihre meisten Abonnenten in jüdischen Kreisen, und zwar des Ostens, von wo ihr Herausgeber, Herr Dr. Kanne r, stammt. Ohne die östlichen Juden wäre „Die Zeit" längst eingegangen. Und trotzdem hat das Blatt seine Spalten für die niedrigsten Angriffe gegen die östlichen Juden hergegeben; für Angriffe, wie sie sonst nur im „Deutschen Volksblatt" und in der „Reichspost" zu finden sind. Sie hat nämlich einen Mitarbeiter namens Professor Strzygowski nach der Bukowina geschickt, daß er das Land vom künstlerischen Standpunkte — der Mann ist Kunsthistorieller — durchforsche. Er kam mit reicher Ausbeute zurück, nämlich mit statistischen Daten über die Juden und mit dem Resultate, daß sie „wuchernde Schmarotzer" sind. Im Feuilleton des Herrn Strzygowski lesen wir: „Die Bukowina ist ein Grenzland. Slaven einerseits und Nachkommen latinisierter Dazier und römischer Legionäre anderseits ringen dort um die Vorherrschaft. Griechen und Armenier, die alten Kulturträger des Landes, sind entweder ausgestorben oder im Zurückweichen. Dafür setzt sich überallderJude fest; auf dem flachen Lande ist seine Zahl auf 15 Prozent, in den Städten bereits auf mehr als 80 Prozent gestiegen. Zwar tritt durchaus noch — eine Augenweide für den unvermittelt im Osten anlangenden Großstädter — das Landvolk in seiner weißen, buntbeflickten Tracht mit dem Schafpelz hervor; aber diese bodenständige Schicht droht von wuchernden Schmarotzern erwürgt zu werde n." Am Tage der Publikation dieses Feuilletons müssen die sonstigen antisemitischen Tagblätter vor Geschäftsneid grün und gelb geworden sein. Sie haben bisher alle diese Daten übersehen und erst dem Mitarbeiter eines „Judenblattes" war es vorbehalten, gegen die Uebermacht des Judentums in der Bukowina aufzutreten. Das könnte ihnen doch gefährlich werden. Am Ende werden morgen die Antisemiten von Wien nur „Die Zeit" als das beste Antisemitenblatt abonnieren. Das mögen die antisemitischen Geschäftsmänner befürchten, wir aber nicht. Das Blatt ist zu dumm gemacht, als daß es uns gefährlich werden könnte. Wir gönnen es den Antisemiten, aber wir würden wünschen, daß die Juden endlich seinen wahren „Charakter" kennen lernen. In treffender Weise sagt die Czernowitzer „Volkswehr", nachdem sie genau nachweist, daß Professor Strzygowski, als ein Ignorant auf volkswirtschaftlichem Gebiet, zu seinem Urteil über die Juden nur auf Grund der Entstellung von Tatsachen gelangt: „Worüber wir aber unserer Entrüstung Ausdruck geben müssen, ist, daß dieses Pamphlet gerade in der „Zeit", einem sogenannten liberalen Blatte, erschien. Es ist allerdings bekannt, daß jenes Blatt, so ziemlich das unsympathischeste unter allen Wiener Zeitungen, sich manches leistet, was nicht gerade für ein besenders hohes Niveau spricht; aber wir hätten geglaubt, daß die Herausgeber etwas mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Beiträge walten lassen. Zumindest sollte man glauben, daß ein Blatt, welches fast ausschließlich von Juden gelesen, abonniert und erhalten wird, soviel Takt besitzen wird, ganz plumpe antis e m i t i s c h e Ausfälle zu vermeiden. Herr Strzygowski kennt die Juden der Bukowina nicht. Aber die Herausgeber jenes Blattes, deren Wiege zwischen Brody und Krakau stand, sollten doch etwas von den Juden in der Bukowina wissen. Vor allem sollten sie wissen, daß man einen Strzygowski nicht unbewacht lassen darf, ob er nun über Kunst schreibt, von der er nicht viel versteht oder über die Juden schimpft, die er nicht kennt. Nun, die Herausgeber der „Zeit" sind offenbar nicht dieser Ansicht. Hoffentlich werden sie sich aber auch nicht darüber wundern, wenn die jüdischen Leser es vorziehen werden, fortab e i n B l a 11 zu lesen, das sie etwas anständiger beh a n d e 11."

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