Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 18 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 138 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 erprobte jüdische Volksmänner oder Persönlichkeiten von internationalem Ruf heranzuziehen; ihm genügt die dumpfe Masse der Schekelzahler . . . Ist es nicht merkwürdig, daß der einzige zionistische Parlamentarier (Dr. Straucher) gar kein Referat erhält, daß er trotz des erworbenen Delegierten-Mandates überhaupt nicht zum Kongresse kommt? Die Tagesordnung des Kongresses läßt die wichtigsten Probleme des Zionismus und des jüdischen Volkstums beiseite. Das Basler Programm, das Parteiprogramm, ein Programm-Gerippe von provisorischem Charakter, dessen baldigste Ausgestaltung von der Programm-Kommission selbst in Aussicht genommen wurde, besteht seit 16 Jahren unverändert fort. Wohl wird innerhalb der Partei ein heftiger Kampf geführt zwischen „politischem" und „praktischem" Zionismus, zwischen Diplomatie und Palästina- Arbeit, aber eine Klärung dieser fundamentalen Divergenzen im Rahmen des Programms wird von keiner der Parteien angestrebt. Sie fühlen sich beide offenbar nicht fähig, Ziel und Taktik des Zionismus in einer prägnanten, die Wünsche der hinter ihnen stehenden Massen ausdrückenden Form zu fixieren. Und so sehen wir zionistische Kongresse ohne Programm-Debatte. Es wird lediglich um die Macht gekämpft. Diese Macht bestand bisher in der Leitung des Aktionskomitees, womit die Verfügung über die Parteieinnahmen verbunden war. Das jetzige Aktionskomitee geht weiter. Es will auch die Herrschaft über die P a r t e i b a n k e n, die bisher vom Aktionskomitee autonom waren, an sich reißen. Der Wiener Kongreß steht im Zeichen dieses Kampfes! Bleibt da noch Zeit für theoretische Fragen, wie Programm, oder gar für das wichtigste Problem der jüdischen Volksmassen: die Emigration?... Ein jüdischer Schriftsteller hat berechnet, daß in den letzten 30 Jahren aus Rußland nach Amerika zirka 1,500.000 Juden ausgewandert sind; nach Palästina dagegen in demselben Zeitraum bloß 20.000. Und neue Auswanderermassen aus Rußland. Rumänien, ja selbst Qalizien, drängen nach. Sie ziehen fast alle nach Nordamerika und es werden noch Jahrzehnte vergehen, bis Palästina auch nur 10 Prozent des Jahreskontingents aufnehmen wird. Die zionistische Partei ist gerne bereit, diesen ärmsten Emigranten Schekels abzunehmen, um davon ihre Presse zu subventionieren und ihre Reisenden zu erhalten. Die Emigranten erhalten aber nicht einmal einen Rat; sie müssen selbst dazu schauen, wie sie sich hinüberhelfen und im Menschenozean eine Existenz schaffen. Ihre Enkel werden einmal, wenn sie zur Welt kommen und aufwachsen sollten, die hebräische Universität in Jerusalem besuchen dürfen. So was nennt sich nämlich — Kultur-Zionismus. Der Kongreß arbeitet nur für die Enkel! Wer arbeitet für uns, unsere Brüder und unsere Kinder? L. Im Zeichen jüdischer Solidarität. (Der Jahresbericht der Alliance Israelite Universeils.) Wenn man durch die inneren Zerwürfnisse der österreichischen Judenschaft, das Cliquewesen und die Parteikämpfe zwischen Liberalen und Orthodoxen, Orthodoxen und Chassidim, „Polischen" und „Morawtschikes", Assimilanten und Zionisten fast zur Verzweiflung getrieben wird, wenn man den Glauben an die Solidarität der Judenschaft schon zu verlieren im Begriffe steht, dann greife man zum Jahresberichte der Pariser Alliance für das Jahr 1912. Welch monumentale Arbeitsleistung in bezug auf Wohltätigkeit und Erziehungswesen, welch imposante Beweise jüdischen Wohltätigkeitssinnes und Solidaritätsgefühles! Einem Einnahmen-Etat von Frcs. 1,625.383.54 stehen Ausgaben im Betrage von Frcs. 1,661.844.09 gegenüber. Davon entfallen auf Schulen allein — darunter Handwerker- und Ackerbauschulen — Frcs. 1,350.000. Die Handwerkerschule in Jerusalem kostet jährlich Frcs. 68.193, die Ackerbauschule in Jaffa Frcs. 69.906a die Verpflegung und Bekleidung der die Schulen besuchenden Kinder Frcs. 99.000. Diese Schulen erstrecken sich zumeist über den Orient und den Nordkamm Afrikas, dort, wo die Pariasstellung der Juden die schrecklichste ist, wo sie in Not, Knechtschaft und Unbildung schmachten. Wir finden daher die meisten Schulen in Marokko, Algier, Tunis und Tripolis, dann in der asiatischen Türkei, Mesopotamien, Persien usw. In der europäischen Türkei, die im letzten Jahre der Schauplatz des offiziellen und sozusagen auch privaten Menschenmordes war, finden wir in allen historisch gewordenen Orten die Alliance- Schulen: In Adrianopel mit 1952 Schülern beiderlei Geschlechts, in Kirkilisse mit 134 Mädchen, in Serres mit 152 Schülern, in Uesküb mit 370 Schülern, in Saloniki, welches nach dem Berichte 90.000 jüdische Seelen zählt, erhält die Alliance mehrere Schulen, die von 5181 Kindern besucht werden. Die meisten dieser Städte sind den Türken abgenommen worden; das dürfte wohl für den Weiterbestand der Schulen vorläufig ohne Einfluß bleiben. Mit der Erhaltung der Schulen und der Unterstützung der Schüler ist das Werk der Alliance noch lange nicht erschöpft. Getreu ihrem Grundsatze, allen Juden, die als solche leiden, zu helfen, hat sie sich sowohl der Juden in den barbarischen Ländern des Orients und Afrikas, Persien und Marokko, als auch in den judenfeindlichen Staaten Europas, Rußland und Rumänien angenommen. Die traurigen Zustände unter diesem modernen spanischen Regime werden im Berichte nüchtern und doch eindrucksvoll geschildert. In Rußland bedeutet gegenwärtig der Beilis-Prozeß mit allen seinen Heimlichkeiten einer Kabinettsjustiz die Inkarnation des gouvernementalen Antisemitismus; in Rumänien steht die krasse Verletzung des Berliner Vertrages bezüglich der Gleichberechtigung der Juden und die Gefahr der Entrechtung der jüngst unter rumänische Herrschaft gelangten bulgarischen Juden noch auf der Tagesordnung. Wird die rumänische Regierung, nachdem sie Gelegenheit hatte, unter den Fahnen ihrer so erfolgreichen Armee 30.000 „vaterlandslose" Juden zu sehen, endlich auch so viel Gewissenhaftigkeit aufbringen, um den