Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 17 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 17 „Neue National-Zeitung" FEUILLETON. Von den Gestaden der Ostsee. K o 1 b e r g, im August 1913. Im Anblicke des brandenden Meeres schreibe ich Ihnen diesen Sommerbrief. Sommerbrief? Fragen Sie, Herr Redakteur, und ein zweifelndes Lächeln umspielt Ihre Züge. Gibt es in diesem, nach jeder Richtung hin mißvergnügtem Jahre, einen Sommer? Scheint es doch, als verberge sich die Sonne, um nicht all die Gemeinheiten mitansehen zu müssen, die sich auf dem Boden der uralten Mutter Erde zutragen. Dieser Balkan! Zum Leiden der schwergeprüften Menschheit scheint er geboren zu sein. Und, es wäre ein Preisrätsel zu lösen, welche von den Nationen da unten, bei dem jämmerlichen Geschacher, die Krone sich verdient hat. Wir verübeln es der Sonne nicht, wenn sie darob schämig ihr Antlitz hinter Wolken verbirgt, sie will diese Ungerechten nicht beschämen. Aber, was haben wir unschuldigen Schäfchen getan, daß der Blick des glänzenden Helios uns so ganz versagt bleibt? Doch genug der Klage. Tischah-be-Ab ist vorüber und die Trosteswehen kommen nun. Hoffentlich werden sie ihrem Namen Ehre bereiten und wir werden vor den Folgen der Revision des famosen Balkanfriedens. der einen Unfrieden ankündigt, verschont bleiben. Und die Sonne des August wird auch uns scheinen. Unwillkürlich kam dieser friedlich sein sollende Ferienbrief in das nicht reinliche Fahrwasser des häßlichen politischen Liedes. Um es aufrichtig zu sagen: die Besucher des hiesigen Seebades kümmern sich um Politik blutwenig. Und tun auch recht gut daran. Hie und da mitbesichtigt ein besorgter Berliner das Kursblatt, macht eine bedenkliche Miene und schlendert dann, den neuesten Berliner Gassenhauer vor sich hinträllernd, seines Weges. Ach so, Sie wollen wissen, wie es um Kolberg steht? Nicht schlecht, geehrter Herr Redakteur. Von der Not und dem Elende, in dem wir uns angeblich befinden, ist hier wenig zu erblicken. Die Polinnen und Russinnen unseres Stammes, die hier in großer Zahl zusammenkamen, wetteifern in der Vorführung der neuesten Warschauer, sage und schreibe. Pariser Toiletten. Und welch ein Leben entwickelt sich auf dem Strande! Polnisch ist hier Trumpf und Polens Jugend flirtet in den Strandkörben und auf den Promenaden; Polens Kindlein bauen Sandburgen an den Ufern der rauschenden brandenden Ostsee; Polens Schönheiten zeigen ihre Reize im Familienbade. Keine Tischah-be-Ab-Stimmung war hier zu bemerken, sondern es schien, als wäre die Hoffnung Judas bereits in Erfüllung gegangen. Doktor Heinrich Löwe, königlicher Bibliothekar aus Berlin, zeigte uns auch in schönen Lichtbildern und einem Vortrage, wie die Kolonisation Palästinas durch die Juden fortschreitet. Und so könnten wir noch manches schreiben über Zion in Kolberg, das der preußischen Provinz Hinter¬ Pommern angehört. Neben polnischen und russsichen Juden stellen, zur zeitweiligen Besiedlung des Ostseebades Kolberg, das Hauptkontingent die Berliner und Posener Juden, und es ist interessant zu bemerken, wie sich Slawentum und Germanentum auch hier reinlich scheiden. Man könnte da Studien über Israel als Nation machen. Doch dazu geht man denn doch nicht ins Seebad. Aber was soll man in diesem verdrehten Sommer tun, da man doch bei 16 Grad füglich nicht baden kann, wenn man nicht eine abgehärtete Seemansnatur besitzt. Da wollte ich die freie Zeit dazu benützeu, eine kleine Fahrt auf dem Motorsegelboote „Gneisenau" zu machen. Kommt das Unglück in Swinemünde in die Quere und läßt den Menschen in Angst geraten um das immerhin vorläufig noch teuere dasein. So hat man Zeit, die Spezies „homo sapiens" zu studieren. Und dieses Studium ist noch immer das interessanteste. Sie sind überall gleich die Menschenbrüder, sei es, daß man sie in den Bergen oder an der See beobachtet. Besonders, wenn man unter einem derartigen Völkergemische wandelt, wie man es hier wahrnimmt. Von einer Menschenverbrüderung. oder, um es für unseren Zweck genauer auszudrüken, Judenverbrüderung, die man wohl in unserer Zeit zu erwarten berechtigt wäre, ist hier wenig zu beobachten. Sie fragen nach den Oesterreichern? Diese sind zum Leidwesen der hiesigen Bevölkerung heuer fast ganz ausgeblieben. Warum? Schwer zu sagen. Und doch sind die Deutschen unsere Verbündeten . . . Traut man in Oesterreich dem Landfrieden nicht? Oder zog der Wettergott tapferer als der Gott der Verträge unsere lieben Landsleute nach der Adria hin und dem sonnigen Italien, wo ja auch unsere Verbündeten wohnen? . . . Dieser Frage will ich nicht weiter nachgehen. Kolberg muß sich demnach in diesem Jahre mit meiner und einiger anderer, weniger, die „Neue Freie Presse" lesender österreichischer Landsleute Anwesenheit begnügen. Natürlich ist diese einzige Nummer unseres „Weltblattes" stets in sehr festen Händen. Die lassen sie nicht los. Ich greife in diesem häufig vorkommenden Falle zu den verschiedensten Blättern, die mir sonst wenig in die Hand geraten, lese die Automobil- Zeitung und den „Hajnf — für weniger Eingeweihte sei hier bemerkt, daß dies ein in hebräischen Lettern gedrucktes Warschauer Jargonblatt ist — mache die Bekanntschaft mit der „Lodzer Zeitung" oder wende mich dem Auslande zu, indem ich, die Berliner Zeitungen mit ihren ewigen Sorgen, was denn eigentlich Oesterreich wolle, links liegen lassend, den „Temps" zur Hand nehme. So ist Müßiggang aller Laster Anfang und das schlechte Wetter schuld an meinen Verirrungen. Hie und da leuchtet die Sonne aber doch, das Meer schimmert und schillert in den verschiedensten Nuancen, dann lockt die Natur den nach Ruhe sich sehnenden Menschen hinaus an den Strand, wo ein lebhaftes Getriebe sich entwickelt. „Die Welt stirbt noch nicht aus", sagt irgendwo der selige Nestroy. Die Worte dieses Wiener Aristophanes, wie man ihn mehr pretensiös. als richtig nennt, kommen mir in den Sinn, wenn ich die wimmelnde, im Sande wühlende und bauende und das Aufgebaute wieder zerstörende Kinderschar betrachte, die sich hier zusam-