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Neue Nationalzeitung · 1913-08-22 · Heft 17 (22.8.1913) · p. Seite 130

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 17 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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Seite 130 „Neue National-Zeitung^ Nr. 17 gestellt werde. Echt zersetzend, der echte Nordau. Mit derselben Wucht, mit welcher er auf den früheren Kongressen die Auch- und Bauchjuden anzugreifen pflegte, wühlt er jetzt im Organismus der eigenen Partei. Es ist nicht meine Sache, die zionistische Parteileitung gegen die heftigen Angriffe Dr. Nordaus zu verteidigen. Sie hat dazu auf dem Kongresse reiche Gelegenheit und sie wird dieselbe gewiß ausnützen; sie ist sich und ihrer Partei eine Antwort und Aufklärung schuldig. Die Rede Dr. Nordaus gibt aber auch dem Außenstehenden Anlaß zu weitgehenden Betrachtungen. Das Entsetzen, mit dem die Rede in der zionistischen Presse aufgenommen wurde, zeigt, daß die Periode der Parteigötzen noch immer in der Blüte ist. War ja doch Dr. Nordau als Hauptdekorationsstück für Wien in Aussicht genommen! Nicht die Kongreßdebatten, sondern vornehmlich die Rede Dr. Nordaus sollte für das Entree zahlende Wiener Publikum eine Attraktion bilden. Ganz nach Art der Wiener fioftheater sollte auch das Kongreßtheater seinen Star haben. Oder sollte Dr. Nordau durch seine Rede auch die von weit und breit herbeigeeilten Delegierten für alle von ihm behaupteten Mißerfolge der Parteileitung entschädigen? Wie dem auch sei: Das System der Parteigötzen hat es dazu gebracht, daß Dr. Nordau durch seine Abwesenheit von Wien der Parteileitung eine Verlegenheit bereitet und daß er durch seine Rede sie diskreditiert hat. Daraus muß die Parteileitung eine Lehre ziehen für die Demokratisierung der Partei. Der Rücktritt Dr. Nordaus würde beweisen, daß die Zeit der — Bluffs endlich vorüber ist. L. Eine Rede Dr. Nordaus. Nach einer allgemeinen Einleitung, in welcher Nordau die I'deen Herzl« von der Veröffentlichung des „Judenstaat" bis zum Basler Programm und sohin bis zu dessen Tode Revue passieren ließ, und nachdem er die Tätigkeit Wolfisohns als des geistigen Erben Herzls skizzierte, wandte er sich der jetzigen Parteileitung zu, die er mit aller Schärfe und mit aller Macht seines beißenden Spottes angriff: „Ich ahme nicht der jetzigen Leitung nach, die sich nicht versagt, Parteigänger z u kritisiere n, was doch mit einer Leitung gar nicht vereinbar ist. Das offizielle Organ und die W a n d e r r e d n e r kritisieren unsere unschuldigsten u n d natürlichste n H a n d 1 u ngen, die wir ausführen auf Grund des einfachen Rechtes als Zionisten. Im Moment der Konferenz zu London, wandten sich einige Freunde aus England, die es für nützlich hielten, daß auch wir unsere Stimme erheben, auch wir uns meldeten, an mich mit dem Ersuchen, einen Appell an das europäische Publikum zu richten. Ich sagte: Ja, aber keinen Appell, sondern wir wollen bloß informieren. Und dann habe ich als Publizist, als einer, der gewohnt ist, zur Oeffentlichkeit zu sprechen, meinen Gefühlen Gewalt antuend, kühl und trocken auseinandergesetzt, was der Zionismus sei, jedes Wort auf die Wagschale legend, alles vermeidend, was die Türkei auch nur im entferntesten hätte verletzen oder als ein Apell an die Mächte aufgefaßt werden können. Und dann ist das offizielle Organ der Leitung gekommen und hat mit Anspielungen, die jeder verstand, kritisiert, den Artikel der „Times" herabgesetzt und gesagt, da ist einer, der nichts versteht und nichts tut, und der will alles besser wissen. D ie „We 11" h a t d a K ri t ik g e ü bt an ei u e m freien, unabhä>ngigen Zi on i sten, der niemand Rechenschaft schuldet, als der Idee des Zionismus, der er zu dienen glaubte. Ich muß sagen, ich würde das nicht nachahmen. Ich konstatiere eines, was mir 'Freude bereitet. Diese Leitung, die ans Ruder gekommen ist, um den politischen Zionismus zu bekämpfen, die offizielle Negation des politischen Z i o n i s m <u s, e n t p u p p t sich jetzt als politisch. Sie leistet politische Arbeit. Sehr schön! Aber in wessen Namen hat sie denn Wolrrsohn bis aufs .Messer bekämpft, wenn sie selbst jetzt sagen muß: „aber wir sind eben so politisch wie Ihr, der beste Beweis dafür ist, daß wir Politik treiben." Es ist allerdings wahr, daß diese Politik nicht von Erfolg begleitet war. Doch darum mache ich ihr wirklich keinen Vorwurf. Es war eben nichts zu machen! Schwach, onne Beziehungen, ohne Mittel, die ihren Schritten Nachdruck hätten ve r 1 e i <h e n kön n e n, konnte sie nicht viel erreichen. Wenn unser Vorfahr David mit einem Steine einen König erschlug, wenn Simson, der Held der Legende, mit einem Eselskinnbacken die Philister erschlagen konnte, so muß man eben annehmen, daß die Leitung weder Steine noch Kinnbacken besaß, um das iExempel au wiederholen. Wenn sie aber keine Philister erschlagen konnte, so hatte sie immerhin die besten Intentionen. Sie suchte — Wolftsohn hatte schon damit begonnen — eine ständige Beziehung mit der neuen Türkei zu schaffen. Vielleicht hat es unserm Gesandten (!) etwas an Erfahrung gefehlt; ich mache ihm daraus keinen Vorwurf. Das Handwerk eines 'Diplomaten ist schwer und bedarf langer Lehrzeit. Mit den besten. Absichten und mit der eigenen Fähigkeit der Juden, die bewirkt, daß alle unsere Akademiker, die nicht Diplomaten werden, ihren Beruf verfehlt haben, machte er sich ans Werk. Vielleicht ist er anfangs in seinem Eifer etwas zu weit gegangen. Jedenfalls, w e d e r unter W o 1 f f s o h n noch unter der neuen Leitung, haben wir etwas e r - 1 an g t Nicht einmal die klein!iche S ch Lkane des roten Passes wurde abgescihaftf t. Derselbe hindert zwar niemanden, der sich in Palästina ansiedeln will, aber die Institution ist erniedrigend für uns. Trotz Revolution und trotz Beziehungen ist er nicht abgeschafft. Ernster ist folgendes: um uns wirklich niederlassen zu können, brauchen wir das -Recht, frei Land kaufen zu können. Dieses Recht haben wir nicht. Ein fremder Jude — und alle Einwanderer sind eben fremde — kann nicht auf seinen Namen kaufen, er muß sich in jedem Falle eines Strohmanines bedienen. Diese vorgeschobenen Personen haben sich immer — zu ihrer Ehre sei's gesagt — als ehrliche Menschen erwiesen, jedoch das System ist gefährlich und' ein (Hemmnis. Man träumt schließlich von einer Agrarbank. Gewiß ist ein solches Institut von größter Notwendigkeit, aber Wie soll es funktionieren in einem Lande, wo es keinen Kataster gibt, wo man keine Hypotheken nehmen kann. Man hat schon die ersten Steine zu dieser Bank zusammengetragen, jedoch die Möglichkeit zu deren Arbeit hat man nicht schaffen können. Also in diesen drei Punkten hat man nichts erreicht Was die Beziehungen zu den anderen Mächten betrifft, so wurden einige Versuche unternommen, die aber kein Resultat harten. Jedoch mache ich auch daraus keinen Vorwurf. Was ich d er Leitung vor w e r f e, ist, früher i n d e n R e i h e n der G e g n e r des p o 1 i t i s c ih e n Z i o - n i smu s ge k ämpf t z u h a be n, und si c h j e t z t selbst politisch zu nennen. Was war also das Motiv ihrer Angriffe? Etwa Ote-toi, que je m'y mette? Ich kann das nicht im Ernst annehmen.

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