Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 16 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fir. iö „Neue National-Zeitung" Seite 127 FEUILLETON. Oer Gladiator. Von Tadeusz Konczynski. (Schluß.) Aber kein einziges Geschoß traf seinen Leib. Nur noch hundert Schritte trennten sie voneinander, den siegreichen Gladiator und den römischen Befehlshaber — als zwei Zenturionen, die ums Leben des Herrschers besorgt waren, ihre Pferde anspornten, um Titus durch die zusammengeballten Fluten von Schwertern, Lanzen und Pfeilen einen Weg zu bahnen. Joesdros stand mit vornübergebeugtem Haupte, wie eine Bildsäule aus Erz, auf seinen gestählten, muskulösen Beinen. Als der erste Zenturio im gedeckten Lauf auf ihn prallte, machte der Gladiator einen Seitensprung, ließ sich auf dem rechten Knie nieder, parierte mit dem Schild die von oben ihm zugedachten furchtbaren Hiebe, und gleichzeitig versetzte er ihm unter der Schulter einen schrecklichen Stich, der den ganzen Arm des Reiters, mitsamt dem todbringenden Schwerte, lostrennte. Der zweite Zenturio, im Gefecht von mehreren Pfeilen getroffen, stürzte aus dem Sattel, sich den Kopf an den Steinschwellen zerschmetternd. Und so entstand wiederum eine Lücke zwischen Joesdros und dem römischen Anführer. „Herr der Heerscharen", betete der Gladiator inbrünstig, „helfe meinem Schwert, möge Titus Blut den Zorn von Judäas Boden besänftigen." Er schloß die Augen halb, zog die 'glühende Luft, die nach frischem Menschenblut roch, in seine Lungen ein. Ganz knapp vor ihm, immer näher schimmerte Titus weißes Roß und seine hellen, imperatorischen Augen, sein wehendes Haar und der helle Glanz der Waffen. „Herr der Heerscharen" seufzte Joesdros und mit den Augen umspann er Titus Gestalt und dessen Pferd. In demselben Moment machte sich eine Handvoll von Simons Soldaten aus der Menge los, versuchend, dem galoppierenden Reiter den Weg zu verlegen, um den Siegesruhm für sich einzuheimsen. Aber ein Aufblitzen von Titus Schwert bezeichnete einige Todesbahnen. Ein furchtbarer Aufschrei des Grauens entrang sich den jüdischen Kriegern und mehrere von ihnen stürzten in der Verwirrung nach Joesdros Seite, Rettung in der Flucht suchend. „Aus dem Wege!" schrie der Gladiator gellend, nach dem Tode des Römers lechzend. Doch niemand leistete Folge. Und so schleuderte er zwei Flüchtlinge mit einem Panzerschlage zu Boden, dem dritten schlug er mit der flachen Klinge ins Gesicht. Aber unter dem Andrang der Bestürzten fiel er selbst im letzten Moment zu Boden, nicht einmal vermögend, seinen mit dem Schwerte bewaffneten Arm von dem Drucke der Hingefallenen, der Toten und Lebenden zu befreien. Das weiße Roß trug hufeklappernd den römischen Heerführer davon, und hinter ihm, wie ein« Gewitterwolke die zweihundert Reiter. Joesdros rief nach, dem Tode, aber niemand wollte ihm diesen beibringen, im Gegenteil, er wurde im Triumphe nach der Stadt geleitet. Der Römer wich schmachbedeckt von den Mauern Jerusalems zurück, und dies war das Werk des Gladiators. Einige Tage darauf brach das Passahfest ein. Ganz Jerusalem widerhallte von freudiger Begeisterung. Die Verteidiger hatten einen römischen Streifzug zurückgeschlagen und die zehnte Legion zweimal aufgerieben, sie daran hindernd, Lagerbefestigungen aufzuführen. Wenn nicht die Hilfe des Titus in eigener Person, wäre kein einziger römischer Söldner damals mit dem Leben davongekommen. Joesdros war der Held der Hauptstadt. Jungfrauen und Jünglinge hatten seinen Namen auf ihren Lippen. Greise erzählten mit Rührung von seinen Taten. Aber er selbst war still und in sich verschlossen. Am Passahfest hing er das Schwert an die Wand. Trotz des starken Drängens des Johannes aus Gishala entschuldigte er sich an diesem Tage vom Kriegsdienst, nicht wenig geärgert und verwundert, was für wichtiger Zweck den Tyrannen veranlassen konnte, an solch einem großen Feiertage Blut zu vergießen, da die Römer gegen die Mauern nicht anstürmten. Er legte reine Gewänder an und da der Tyrann Eleasor zu Ehren der Sieger jedem die Gemarkung des Tempels zu betreten gestattete, so begab er sich nach dem Männerhof, um dem Herrn ein versöhnendes Opfer darzubringen. Und so betete er inbrünstig: „Herr der Heerscharen! Der du uns von deinem Angesicht verstoßen, wie du den ganzen Stamm Ephraim verstoßen hast, erbarme dich meiner. Ich weiß, daß die Sünden des jaidäischen Volkes alles Gute vor uns verrammelt haben, aber erweise mir Unwürdigen Gnade und erhöre mein Flehen. Ich kenne kein Weib, das mir eine Ehegesponsin wäre, ich habe keine Eltern, die ich zu unterstützen hätte, und auch meine Großeltern sind alt und der Moment ihres Todes ist nahe — und so will ich mein Leben nur zur Einheit deines Volkes und zum Ruhm deiner Stiftshütte verwenden. Herr der Heerscharen, erweise mir eine Gnade und liefere Titus in meine Hände. Dreimal drohte ihm der Tod von meinem Schwerte, und dreimal entging er ihm. Mögen die Mauern, die diesen Tempel beschirmen, von der Sonnenglut sich abkühlen, indem sie ihren Durst mit Titus Blut stillen." Er weinte bitterlich, ganz im Gebet aufgehend. Er sah nicht, daß der Tempel mit Wallfahrern ans allen Himmelsrichtungen gefüllt war. Ebensowenig sah er, daß unter den Betenden tausende Parteigänger des Johannes aus Gishala drängten, die sich fern von ihm zusammenballten. Er sah nicht, wie sonderbar ihr Benehmen und ihre Kleidung war. Aus der Gebetsekstase erweckte ihn jäh ein schrecklicher, erschütternder Lärm der Volksmenge. Er raffte sich auf. Er überragte mit dem Kopfe die Volkshaufen. Er öffnete die Augen, riß sie weit auf, daß er beinahe einen Schmerz verspürte, denn das, was er sah, kam ihm als ein furchtbarer Traum und nicht als eine tatsächliche Erscheinung vor.