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Neue Nationalzeitung · 1913-08-01 · Heft 16 (1.8.1913) · p. Seite 128

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 16 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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öeite 128 „Neue National-Zeitung" Nr. 16 Rings um ihn rasten -die Menschen im Entsetzen, in Verwirrung. Die Mannen des Johannes aus Gishala zogen von unter den Obergewändern Schwerter hervor und hieben auf Eleasors Soldaten ein, mordeten seine und Simons betende Parteigänger und verschonten selbst nicht die Priester, die beim Opferaltar Vieh schlachteten. Der Männer- und Frauenhof, die abgeteilten Räume der Priester, die Treppen und Tore und der Tempel selbst wurden von Bruderblut gerötet. „Man mordet Johannes Leute!" Der furchtbare Aufschrei der Erschlagenen drang aus allen Seiten. „Erbarmen! Erbarmen!" Joesdros erbleichte. Blut drang ihm nach dem Kopfe. Von diesem seinem eigenen und dem ringsum vergossenen Blute wurde es vor seinen Augen dunkel. „Johannes aus Gishala hat mit Hinterlist den Tempel genommen", rief jemand an ihm vorbeirennend, „Eleasors Leute haben sich in die unterirdischen Gänge geflüchtet!" Der Gladiator atmete schwer. „Zu solch einem Dienst, du Tyrann, hast du mich heute aufgefordert?" röchelte seine Stimme in der Brust, „solch ein Opfer sollte ich dem Herrn bringen?" Er blickte um sich mit dem Schmerze eines verwundeten Herzens. „Herr der Heerscharen", stöhnte er, „ich verstehe, warum du Titus nicht in meine Hände geliefert hast und ihn mir nie ausliefern wirst! Judäas Sünde ist mit einer eisernen in Blut getauchten Feder auf den Ecken deiner Altäre verzeichnet." Er rieb sich die Augen. Er zog die Luft in die Brust ein. Ein Taumel erfaßte ihn. Er sprang auf den nächsten Bewaffneten zu. Mit einem Faustschlag zerschmetterte er ihm den Schädel, riß dem Leichnam das Schwert aus der Hand und stürzte sich wie ein Sturm auf die Mordenden. „Wo ist der Verräter, Johannes aus Gishala?" Ein Brüllen entrang sich seinen Lippen und das Schwert teilte ringsum den Tod aus, bis zum Knauf in Blut tauchend. Ein Bluttaumel stieg ihm zu Kopf. „Wo ist der Verräter Johannes?" Er rannte durch den Tempel mit dem Schreien eines Rasenden. Wo die dichteste Menge war, schlug er wie ein Blitz ein. Der Tod ging vor und hinter ihm. Man mordete die Wallfahrer. Man mordete Eleasors und Simons Leute. Joesdros mordete Johannes Mannen. Sie fielen wie reifes Getreide unter der Sichel des Schnitters, bis er selbst, dort wo der Vorhang vor der allerheiligsten Stätte hing, umzingelt, hinstürzte und von Speeren und Schwertern niedergemetzelt wurde. Die Tragödie zweier jüdischer Knaben. Von zwei Auswandererknaben, deren Schicksalfahrt in der Schweiz einen traurigen Abschluß fand, wird im „Schweiz. Israelitischen Wochenblatt" wie folgt erzählt: 1. Ein Signal ertönt und der mit Menschen vollgepfropfte Eisenbahnzug steht still. Es ist ein Auswandererzug, die Passagiere zumeist heimatlos. Sie kommen von Rußland. Mitten auf der Strecke, wenige Minuten vor unserer Stadt, bleibt der Zug plötzlich stehen. Auf den Schienen wird ein kleiner, dunkler Körper sichtbar. Die Bahnwärtersfrau eilt mit fliegenden Schritten herbei. Sie seufzt. Ist eines von ihrer zahlreichen Kinderschar von den zermalmenden Rädern erfaßt? Sie atmet auf, zu den Ihrigen gehört es nicht. Bald ist die Situation klar: Das arme Würmchen, ein siebenjähriger Knabe, konnte keinen Platz mehr finden in den überfüllten Wagen. Es muß auf der Plattform vor der Türe liegen oind auch da wollte das eilende Dampfroß es nicht dulden. Genau wie in seiner düsteren Heimat, da man den Me'.iS^hen, die sich Juden nennen, kein Plätzchen für das bißchen Leben gönnt. Der Anblick ist tief ergreifend und schneidet ins Herz! Blutüberströmtes Gesicht, darüber die großen schwarzen Locken hinfliegen. Die Kinder im Krankenhaus erzittern, wie sie das zermalmte Kinderköpfchen sehen. Der Arzt aber tröstet mit der Hoffnung auf Errettung. Mehrere Wochen verstrichen. Ich trete in den großen Saal des wohleingerichteten Krankenhauses. Nichts tut dem Menschenherzen weher: das schönste Lachen, das wir auf Erden vernehmen, aus heiterem Kimderauge, hier ist es verschleiert von den Tränen des Schmerzes. Ich suche das russische Knäblein, und ich finde es ohne weitere Information: die jüdische Physiognomie ist doch unleugbar. Es schaut mich an, mit seinen treuherzigen klaren Augen, und das einzige, was es mit seinem Jargon-Idiom, inmitten dieser Schwizer-Dütsch redenden Welt, mir sagen kann, ist: „Awrom". Gott sei Dank, lieber kleiner Awrom, daß du recht bald wieder deinen lieben Geschwisterchen nachreisen kannst, die in Basel sehnsüchtig deiner harren. Bald dürft ihr das Schiff besteigen, das euch zum Vater nach Amerika führt. Der aber zählt die Häupter seiner Lieben, und sieh, ihm fehlt kein teures Haupt. 2. Zu einer russischen oder galizischen Hausier erfamiilie will ich dich führen. Sie wohnt seit Jahren in Baden. Immer wo anders. Wenn das Quartal zu Ende ist, kommt die Bitte um Stundung der Miete. Und dann erfolgt regelmäßig die Kündigung. Zuletzt gibts keine Wohnung mehr. Da nehmen sie die paar Habseligkeiten und gehen nach Zürich in ein einsames Dachstübchen. Einen Knaben haben sie von 9 Jahren. Ein geweckter Junge, der auf die Rechte des Kindes vollen Anspruch erhebt. Die geplagten Eltern haben genug zu tun, sich selbst des Lebens Existenzminimum zu erringen; der Vater fährt auf die Märkte mit Partiewaren. Die Mutter, eine kränkliche, nervenschwache Frau, ist dem Bürschchen mit seinen tollen Sprüngen nicht gewachsen. So kommt es zu Verwandten nach Baden. Diese, selbst beschwert mit des Lebens Bürde, lehnen es ab, aber der Vater setzt es zuletzt doch unter Tränen durch. Tags über treibt sich der jainge Springinsfeld in der Stadt herum, geht in die Schule, prügelt sich mit gleichgesinnten Kameraden, zum Essen aber ist er immer da oind auch nachts zum Schlafen. Letzten Montag kam die Nacht, aber das Bürschchen nicht, die ganze Nacht hindurch wird es gesucht, umsonst. Trübe Ahnungen, kummervolle Gedanken beschleichen die Seele. Die Ermittlungen ergeben, es sei mit Kindern in den Wald gegangen, Erdbeeren zu suchen. Sofort begibt man sich in den Wald. Die Polizei führt Noggi, den Spürhund, mit. Der leitet zu einer Stelle, wo Kinderhändchen gefaltet sind im Schlafe des Todes. Am Felsenfoange hat man es gefunden, daneben ein Sträußchen frisch gepflückter Erdbeeren, es selbst gepflückt in der leuchtenden Frische der Kindheit. Schlafe süß, du kleiner, wilder Knabe, fein werden die Himmelsbeeren dir munden, welche auf Erden dir versagt blieben. Deinen heimgesuchten Eltern möge der Allgütige Trost zuteil werden lassen.

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