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Neue Nationalzeitung · 1913-08-01 · Heft 16 (1.8.1913) · p. Seite 125

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 16 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Im Alter von kaum 22 Jahren war er bereits im Jahre 1S80 vor dem Krakauer Schwurgericht wegen Geheimbündelei und revolutionärer Umtriebe angeklagt. Freigesprochen, übersiedelte er nach Paris. Dort über Wunsch der russischen Regierung ausgewiesen, begab er sich nach London, um in diesem Asyl von Marx und Engels in Wort und Schrift sozialistische Propaganda nach Rußland zu verbreiten. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß Mendelssohn der Lasalle des polnischen Proletariates war. Im Jahre 1893 tritt bei Mendelssohn ein Umschwung ein; er verläßt die sozialistischen Reihen und begibt sich nach Qalizien, wo er, geradezu seine ganze Vergangenheit verleugnend, für die polnischen Blätter konservativer und klerikaler Couleur tätig war. Seine Berichte vom galizischen Landtag waren berühmt. Mendelssohn wurde mit einemmal in Galizien die Personifikation des klerikalen Journalisten und der Leibjournalist des Statthalters Bobrzynski. Damit war eine zweite Periode im Leben Mendelssohns zu Ende. Und nun beginnt die dritte Periode, wo dieser, so widerspruchsvolle und doch geniale Geist nach so vielen Wandlungen, die er durchgemacht, und die ihn weit außerhalb des Judentums gebracht haben, sich plötzlich auf sein Judentum besinnt. Der Kampf für die jüdische Bevölkerung seiner Heimatstadt Warschau, die vom polnischen Boykott gewürgt wird, machte er sich zur Lebensaufgabe. Er übernimmt die Leitung des einzigen polnischen Tagblattes „Przeglad Codzienny", welches zur Verteidigung der jüdischen Rechte geschaffen wird, und scheint darin seine Lebensaufgabe endlich gefunden zu 'haben. Er heiratete die Tochter von Nahum Sokolow und kommt dadurch mit den zionistischen Kreisen in die engste Verbindung. In dieser Stellung hat ihn der Tod im Alter von 55 Jahren plötzlich ereilt. Die Juden von Warschau haben einen heißen Verfechter und einen glänzenden Kämpfer für ihre Sache verloren. /WS ALLEN WELTTEILEN Dr, Julius Ofner — Mitglied des Reichsgerichts. Zum erstenmal seit dem Bestände des Reichsgerichtes wird ein Jude Mitglied desselben. Es ist dies Dr. Julius Ofner, der Abgeordnete der Leopoldstadt. Das Amt ist ein Ehrenamt und wird vom Kaiser über Vorschlag des Parlaments für Lebensdauer verliehen. Mechanikus Ernst Schneider, der Begründer und Anführer des Wiener Radau-Antisemitismus, der blutgierigste Hetzer gegen die Juden von der Tribüne des österreichischen Parlaments und des niederösterreichischen Landtages, ist gestorben. Schade, daß er nicht obduziert wurde. Man hätte dann sehen können, ob seine antisemitische Verbissenheit nicht die Folge krankhafter Konstitution war. Das Pozsoyner Judenviertel. Die Stadtrepräsenitanz hielt vorige Woche unter dem Vorsitze des Obergespans Aurel B a r t a 1 eine außerordentliche Generalversammlung, welche sich mit der Frage des Wiederaufbaues des am 17. Mai niedergebrannten Stadtteiles 'befaßte. Die Judenschaft setzte sich dafür ein, daß das Ghetto, so wie es war, wieder ausgebaut werde. Der Magistrat Avill demgegenüber aus sanitären, feuerpolizeilichen und Stadtregulierungsrückisich<ten die niedergebrannten Gassen regulieren. Nach lebhafter Debatte entschied sich die Generalversammlung mit 29 gegen 25 Stimmen für die Regulierung. Die Sohloßgrundgasse wird erweitert und mit Ihr parallel eifle 'Straße gebaut werden. Die Regulienrngskosten werden eine Million Kronen übersteigen. Die Stadt wird zu diesem Zwecke ein zinsemreies Darlehen aufnehmen. Sir Sassoon, Baron Rothschild und — der russische Botschafter. Großen Unwillen erregt in der jüdischen Geselisch.ift Londons das Vorgehen des jüdischen Parlamentsmitgliedes S;r Philipp Sassoon und einer dem Vorstande der Anglo-Jewish Association angehörenden Dame, Mrs. Bischofisheim, die der Einladung des russischen Botschafters Graf Benken dorif zu einem Diner in der Botschaft Folge geleistet haben. Während der Oberrabbainer von England erst vor kurzem auf dem Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels eine "heftige Anklagerede gegen die russische Regierung wegen ihrer barbarischen judenfeindlichen Politik gerichtet hat, während die englische Presse tagtäglich über neue grausame Judenverfolgungen Im Zarenreiche berichtet, und das vereinigte Komitee der jüdischen Gemeinde und Wohltätigkeitsve.'bände wegen der Zurücksetzung englischer Juden in Rußland wiederholt bei der Regierung vorstellig geworden ist, scheuten sich diese gesellschaftlich hochgestellten Vertreter des Judentums nicht, als Gäste des russischen Botschaftsrs m seiner Tafel zu speisen! Der „J ewish C h r o n i c 1 e" ui.d andere e n g 1 i s c h - j ii d i s c h e Zeitungen weniden sich In schärfster Weise gegen diese empörende Takt- und Würdelosigkeit, die geeignet sei, das Ansehen der jüdischen Gesamtheit aufs schwerste zu schädigen und dem Rechtsikampf um die Gleichstellung der Juden in Rußland alle Sympathien aufrechter Christen zu entziehen. Auch die „Blochsche Wochenschrift" und mehrere jüdische Blätter in Deutschland reproduzieren diese abfällige Kritik der englisch-jüdischen Blätter. Warum haben aber alle diese Blätter g e s c h w i eg e n, als jüngst der WienerBaronAltonsRothschild mit seiner Gattin, einer geborenen Montefiore, an der Feier des 300jährigen Jubiläums^ der 'Familie Romanow in der russischen Botschaft teilnahm? Da war die „.Neue National- Zeitung" das einzige Blatt, welches in Erfüllung ihrer jüdischen publizistischen Pflicht diese beschämende Tatsache brandmarkte. Warum sind denn die jüdischen Blätter so feig, wenn es sich um Rothschild handelt? Warum? . . . Der niederländische Staatsminister Dr. M. C. Asser ist im 76. Lebensjahre gestorben. Asser hat sich auf dem Gebiet des internationalen Rechtes große Verdienste erworben. Er war der ständige Vertreter seines Landes auf allen das internationale Recht behandelnden Kongressen; mit Rolin-Jacquemys errichtete er die „Revue de Droit International et de Legislation Comparee", zu der er die meisten Beiträge lieferte, ferner war er Mitglied des Komitees der Rheinuierstaaten, und sowohl auf der ersten wie auf der zweiten Friedenskonferenz gehörte er zu den niederländischen Vertretern, in welcher Eigenschaft er bei der Vorbereitung und Abfassung der von der Konferenz zu bearbeitenden Materien häufig eine ausschlaggebende Rolle spielte. Kein Vertrag, in dem schwierige internationale Rechtsfragen gelöst werden mußten, ist von den Niederlanden mit einem anderen Staat geschlossen worden, bei dem Assers Einfluß sich nicht geltend gemacht hat. Die niederländische Regierung hat es gewiß nicht zu bedauern gehabt, daß sie durch Jahrzehnte einen Juden zu ihjren Mitgliedern zählte. Dem berühmten Bakteriologen Metchnikofi in Paris wurde eine Professur an der Petersburger Universität angetragen, auf welche Beratung nun folgende telegraphische Antwort dieser Tage In Petersburg eingelangt ist: „Der Antrag, mit der mich Ew. Exzellenz beehrt, hat mich sehr gefreut, muß es aber trotzdem refusieren, und zwar aus dem Grunde: da ich ohne

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