Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 16 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 124 ..Neue National-Zeitung" Nr. 16 Da trat auf uns alle der Portier mit haßverzerrtem Gesichte zu und apostrophierte mich folgendermaßen: „Nur vorwärts, vorwärts, ö s polnisches Q's i n d e I, sonst liegfs draußen!" und versetzte mir gebrechlichen, an Leistenbruch schwer kranken Manne und Vater von neun Kindern mit der Faust einen heftigen Stoß in die Brust. Da Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, die gehässige Behandlung der östlichen Juden von seiten des Rothschild- Spitales schon öfters angenagelt haben, so hoffe ich, daß Sie die Güte haben werden, auch diesen barbarischen Akt gegen kranke Juden im Rothschild-Spital zur Kenntnis des jüdischen Lesepublikums zu bringen. Für die Veröffentlichung im voraus bestens dankend, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung S. Sch., II, Herminengasse 4, Tür 20. (Der volle Name ist der Redaktion bekannt.) KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Der Niedergang der Baron Hirschschen Schulstiftung. Wien. Wir erhalten von einem sehr angesehenen Bürger in Mielec (Galizien) nachstehende Zuschrift betreffend die Tätigkeit der Baron Hirschschen Schulstiftung in Galizien: „Geehrte Redaktion! Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie im öffentlichen Interesse die unglaubliche Tatsache registrieren möchten, daß das Kuratorium der Baron Hirschschen Stiftung ihre hiesige, mit Oeffentlichkeitsrecht ausgestattete Volksschule, welche eine wahre Wohltat für die hiesige Bevölkerung war, mit Ende des letzten Schuljahres aufgelöst hat. Als glühender Verehrer des unvergeßlichen Baron Hirsch wegen seiner großen kulturellen Tätigkeit in Galizien, als Mann des Fortschrittes, der gleich dem Vorbilde des Baron Hirsch nur in der Erziehung der jüdischen Volksmassen Galiziens zur Bildung und zum Handwerk das einzige Heil derselben sieht, muß ich diese herostratische Tat des Stiftungskuratoriums öffentlich brandmarken. Ich bin mir bewußt, daß dies wenig nützen wird, und daß das Kuratorium, bestehend aus Männern, die den galizischen Juden zum Teile fremd und passiv, zum Teile sogar feindlich gegenüberstehen, auf seinem verhängnisvollen Wege zur Demolierung dessen, was Baron Hirsch aufgebaut hat, dadurch nicht aufgehalten wird. Diese Auflösung der Schulen erfolgt ja systematisch und mit der Zeit wird von der ganzen Stiftung nichts mehr da sein, als die Kuratoren und die bezahlten Beamten und Lehrer. Aber es ist die höchste Zeit, daß die Oeffentlichkeit auch zu dieser Kulturbarbarei, die unter der Präsidentschaft des David v. Gutmann und des Dr. Adolf Stein im Interesse des Chassidismus arbeitet, Stellung nehme. Gerade die Schule in Mielec wurde im Gegensatz zu den anderen Stiftungsschulen ausschließlich von jüdischen Kindern besucht. Und deswegen war diese Schule dem chassidischen Kultusvorstande ein Dorn im Auge. Das ist auch der Grund, daß der Kultusvorstand in Mielec sich nicht im geringsten bemüht hat. im Interesse der Erhaltung dieser Schule zu intervenieren. Von der ganzen Schule bleibt nur noch das leere Gebäude übrig, das Eigentum der Stiftung ist, und nunmehr um eine Bagatelle an die Gemeinde verkauft werden soll. So wird das Stiftungsvermögen des Baron Hirsch verwaltet! Ich überlasse es Ihnen, daraus die weiteren Schlüsse zu ziehen, ich habe mit obigen Zeilen eine Gewissenspflicht erfüllt. Hochachtend N. N. (Name und Adresse des Einsenders sind uns bekannt.) Deutsches Reich. Jüdische Hilfstätigkeit auf dem Balkan. Berlin. Wie der Hilfsverein der deutschen Juden mitteilt, sind durch den neuen Krieg unter den Balkanverbündeten auch zahlreiche jüdische Gemeinden des Balkans, insbesondere die Gemeinden Istip, Strumitza, ferner die Gemeinden.Serres, Doiran, Drama, Kavalla wieder in schwere Mitleidenschaft gezogen worden. Die Union des Associations Israelites, zu der alle größeren jüdischen Hilfsgesellschaften gehören, haben durch die Komitees, die die Delegierten der Union, die Herren Dr. Paul Nathan (Berlin), Elkan Adler (London) und Dr. Bernhard Kahn (Berlin) auf ihrer Reise durch das Kriegsgebiet eingesetzt haben, und deren Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit sich gerade jetzt wieder erweist, überall, wo die Verhältnisse es bereits erlauben, den Bedrängten die nötige Hilfe zukommen lassen. Für die am schwersten betroffene Gemeinde in Serres mit 1800 Juden, wo beim Rückzug der Bulgaren fast vier Fünftel der Stadt eingeäschert wurden, darunter der ganze Markt und 117 jüdische Häuser mit Synagoge und Schule, sind durch das in Saloniki eingesetzte Komitee Nahrungsmittel, Kleidung und Decken geliefert worden, wofür die Union vorerst 10.000 Francs zur Verfügung gestellt hat. So schwer der materielle Schaden ist, den unsere Glaubensgenossen hier wiederum erlitten haben, so ist es doch ein Trost, daß das Leben der Juden, soweit bisher bekannt ist, geschont worden ist. Unter Mitwirkung der griechischen Behörden werden auf Veranlassung der Union Kommissionen aus Saloniki die Stätten der neuen Kriegsgreuel besuchen und das Hilfswerk organisieren. Rußland. Stanislaus Mendelssohn. Warschau, den 27. Juli. (Origin.-Korrespondenz.) Eine der ungewöhnlichsten Persönlichkeiten in der modernen proletarischen Bewegung und in der zeitgenössischen polnischen Journalistik ist mit dem am 25. Juli hier verstorbenen Stanislaus Mendelssohn aus dem Leben entschwunden. In der polnisch-assimilatorischen Atmosphäre der Warschauer Bankierkreisen auferzogen, hat sich Mendelssohn frühzeitig an die Spitze der sozialdemokratisch-revolutionären Bewegung in Polen gestellt.