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Neue Nationalzeitung · 1913-08-01 · Heft 16 (1.8.1913) · p. Seite 122

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 16 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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Seite 122 Es ist ein Wahn der zionistischen Partei, respektive einzelner ihrer Führer, daß der Zionismus nicht eine, sondern d i e jüdische Bewegung ist, daß in ihm das gesamte jüdische Leben aufgehen muß — zumindest ist dies solange ein Wahn, als der Zionismus kein jüdisch-nationales Bekenntnis enthält und den im Golus schmachtenden Volksmassen nichts anderes zu bieten hat, als das — Baseler Programm! Da'her wäre es hoch an der Zeit, daß zwischen dem Zionismus und der jüdisch-nationalen Volkspolitik eine gründliche Scheidung erfolge: sowohl organisatorisch, als auch persönlich. Nebeneinander, aber nicht durcheinander! Dann wrerden auch Kämpfe, wie sie sich bisher zwischen Kellner und Straucher abspielen, unmöglich sein. Wir wüßten aber auch keinen geeigneteren Mann, um diese endgiltige Scheidung und den Aufbau der jüdischen Volkspolitik in Oesterreich durchzuführen, als Dr. Straucher, wenn er den Mut findet, sich von der — Kellnerpartei zu emanzipieren. L. Der Jahresbericht der israelitischtheologischen Lehranstalt. (Zum zwanzigjährigen Jubiläum.) Seit Eröffnung der Israelitisch-theologischen Lehranstalt im September 1893 ist nunmehr das 20. Schuljahr verstrichen. Der soeben erschienene Jahresbericht über das letzte Schuljahr enthält keinen Hinweis darauf. Kein Wunder. Die Lehranstalt führt ein monotones Dasein; sie will sich der Oeffentlichkeit nicht aufdrängen. Offenbar fürchtet sie, es könnte ihr jemand eine größere Stiftung zuwenden. Denn das ist ja das Merkwürdige in Oesterreich. Im Gegensätze zu Berlin, wo für zwei Rabbiner-Seminare alljährlich Hunderttausende Mark gestiftet werden, u. zw. rein zur Pflege jüdischer Wissenschaft und durch Dotierung von Lehrkanzeln für bestimmte wissenschaftliche Disziplinen, besteht in den plutokratischen Wiener Kreisen für die jüdische Wissenschaft nicht das mindeste Interesse. Zum Ankauf von Adels-Prädikaten und sonstigen Titeln mangelt es in Wien nicht an Geld. Für jüdische Wissenschaft ist mit Ausnahme des einzigen Herrn Salo Cohn nirgends ein opferwilliges Interesse vorhanden. Bei Durchsicht der Jahresberichte seit Eröffnung der Lehranstalt finden wir keine einzige namhafte Spende, um die sich das Stammkapital der Anstalt vermehrt hätte. Die einzige größere Spende ist von Theodor Ritter von Taüssig per 20.000 K zur Errichtung eines eigenen Gebäudes. Auch die staatliche Dotierung im Jahresbetrage von K 10.000 hat sich im Laufe der 20 Jahre nicht geändert, wiewohl der Staat gewiß die Pflicht zu einer höheren Dotierung hat und eine solche Erhöhung bei energischem Eingreifen zu erreichen wäre. Allerdings hat sich Herr Hofrat Kuranda im Abgeordnetenhause einmal den Zwischenruf geleistet: „Wir zahlen uns unseren Kultus selber", ein Zwischenruf, der für Herrn Kuranda und die ihm nachstehenden Kreise sehr charakteristisch ist. Nämlich die Herren sind protzig genug, um vom Staate nichts zu verlangen. Selbst aber geben sie nichts her. Es ist charakteristisch genug, daß Herr Dr. Alfred Stern, der 3 Präsidentenwürden kumuliert und ein sehr reicher Mann ist, für die Israelitisch-theologische Lehranstalt noch nie einen Kreuzer übrig hatte. Dadurch ist wohl das Interesse dieses Herrn, der es sehr liebt, bei verschiedenen Gelegenheiten mit hebräischen Brocken um sich zu werfen, genügend charakterisiert. So weit die materielle Seite der Israelitischtheologischen Lehranstalt. Was ihre wissenschaftliche Bilanz zum 20. Jubiläum betrifft, so ist folgendes auffällig: Zahlreiche Kultusgemeinden stellen noch immer Rabbiner an, die in Berlin oder Breslau das Seminar absolviert haben; auch die Wiener Kultusgemeinde gehört dazu. Ja, die Wiener Gemeinde geht so weit, noch in der letzten Zeit Rabbiner und Religionslehrer anzustellen, die die Israelitisch-theologische Lehranstalt nicht absolviert haben, dafür aber keine Maturitätsprüfung und ein Schweizer Doktorat haben. Was soll denn mit den Zöglingen der Lehranstalt geschehen? Wo sollen die unterkommen? Ueber die Zusammensetzung des Lehrkörpers wäre viel zu sagen. Professor David Heinrich Müller, der jüngst gestorben ist, war gewiß ein hervorragender Orientalist, aber er war kein Religionsphilosoph, hat auch nie mit dieser Disziplin etwas zu tun gehabt; dennoch wurde er gerade dafür angestellt. Derselbe Mann, der in seinem Hause die Taufe seiner Söhne nicht aufzuhalten vermochte, wurde zum Erzieher von Rabbinern auserkoren. Nun, da er tot ist, wird niemand vorläufig an seiner Stelle angestellt, sondern zwei andere Lehrer übernehmen seine Vertretung. Es ist interessant, daß im Laufe dieser 20 Jahre kein einziger Zögling aus der Lehranstalt hervorgegangen ist, der sich auf dem Gebiete der Religionsphilosophie wissenschaftlich betätigt hätte, und der als Nachfolger des Professor Müller berufen werden könnte. Das ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß Professor Müller selbst auf dem Gebiete der Religionsphilosophie ein Neuling war. Es ist eben auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft in Oesterreich kein Nachwuchs vorhanden. Und ältere Rabbiner werden außeracht gelassen, weil sie keine Protektoren haben. Gegenwärtig wird die Lehranstalt von 23 Schülern besucht; davon stammen 19 aus Galizien, zwei aus Mähren und zwei aus Niederösterreich. Es wirken an der Lehranstalt drei Professoren für jüdische Disziplin, und zwar Professor Dr. Schwarz, Professor Dr. Kraus und Lektor Dr. Aptowitzer. Deutsche Sprache unterrichtet Professor Singer und polnische Sprache an Stelle des bisher angestellt gewesenen christlichen Lehrers Balicki 'Herr Nagler. Der Antisemitismus in der nordamerikanischen Armee. Es ereignet sich innerhalb kurzer Zeit zum zweitenmal, daß ein jüdischer Unteroffizier in der Armee der Vereinigten Staaten von Nordamerika trotz aller Befähigung infolge der antisemitischen Gesinnung des RegimentSkommandanten nicht zum Offizier ernannt wird.

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