Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 16 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425884-2425901--2723-2429205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(CiONAL-ZEiOJNG XV. Jahrgang, Wien, 1. August 1913. Kellner und Straucher. (Schluß.) Nr. 16. Wir nennen bloß die Namen Kellner, Ebner und L ö b 1. Sie haben den Dr. Straucher nicht bloß politisch bekämpft, sondern auch durch die niedrigsten Pamphlete in sein engstes Privatleben eingegriffen; sie haben ihn beschmutzt und begeifert. Einfach deshalb, weil er ihnen nicht den Gefallen erweisen wollte, ihnen alle seine Ehrenämter und Stellungen zu überlassen. Und das waren dieselben Leute, welche an der Spitze 'des Zionismus in der Bukowina stehen, welche die Renaissance des Judentums auf ihre Fahne geschrieben haben und daher die Pflicht hatten, alle selbstbewußten Volksgenossen zu gemeinsamer Arbeit im Interesse des zionistischen Endzieles zu vereinigen. Bei der Verwirklichung der zionistischen Ideale stand ihnen Dr. Straucher nicht im Wege, da er sich ihnen sogar anschloß. Sie schoben jedoch den Zionismus bloß vor; in Wirklichkeit suchten sie persönlichen Einfluß und strebten nach politischen Mandaten. Darum entstand der 'Konflikt, der das ganze jüdische Leben in der Bukowina zerklüftet und die schönen Ansätze zu einer einheitlichen Organisation der Bukowinaer Judenschaft vernichtet hat. Da zeigte es sich, daß es eine höhere zionistische Autorität gar nicht gibt. Das Aktionskomitee hat nicht den mindesten Versuch unternommen, die Gegensätze auszugleichen; das zionistische Zentralorgan „Die Welt" benützt jede Gelegenheit, um dem Dr. Kellner seine Sympathie zu beweisen. Die Wiener zionistischen Kreise und deren Organe stellten sich wieder auf Seite Dr. Strauchers. Die Lemberger Zionistenführer wühlten gegen Dr. Straucher im geheimen. Dieses ganze zionistische Intriguenspiel tritt jetzt dadurch klar zutage, daß Dr. Straucher, der volkstümliche jüdische Politiker, der einzige jüdischnationale Abgeordnete in Oesterreich nur unter schweren Kämpfen ein Mandat für den Wiener zionistischen Kongreß erhalten kann, während Leuten, die kaum volljährig sind oder erst jüngst die Schulbank verlassen haben, dieses Mandat mühelos in den Schoß fällt. Das sind für Dr. Straucher die „Annehmlichkeiten" seiner Zugehörigkeit zur zionistischen Partei... Am meisten hat aber darunter die jüdisch-nationale Politik, die in Oesterreich die jüdische Volkspolitik ist, gelitten. Die österreichischen Zionisten sind aus mehrfachen Gründen unfähig, Gegenwartspolitik zu treiben. Noch lastet auf ihnen die Herzische Tradition, die von innerer Betätigung nichts wissen wollte und von der Devise ausging: „Je ärger, desto besser". Das Hinausflattern zionistischer Kandidaten zur Zeit der Wahlen beweist nichts dagegen. Der Grundzug der zionistischen Weltanschauung ist der Quietismus, die Trägheit der Massen, die ihr ganzes Schicksal in die Hände einiger Männer legen. Der Zionist zahlt den Schekel und — hofft oder glaubt. Der Nationaljude kämpft. Er betätigt sich, er sorgt für heute und morgen. Alles für das Volk und alles mit dem Volke — ist seine Devise. Ueber diese Differenzen sind sich bisher Doktor Straucher und die Zionisten noch immer nicht ganz klar geworden. Dr. Straucher schwächt seine ganz vernünftige jüdische Volkspolitik, indem er, anstatt sie ganz auf eigene Füße zu stellen, den Zionismus als Vorspann zu benützen sucht; die Zionisten zersplittern sich, indem sie den großen Zug ihrer Bewegung durch Tagesfragen und Aktualitäten ablenken lassen. Jeder von uns muß sich darüber klar sein, daß sowohl der Zionismus als auch der Nationalismus den ganzen Mann fordern. Beiden kann man nicht gleichzeitig dienen.