Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 15 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 118 Nr. 15 so versengend, daß jeder, auch der last Unbemittelte, sich eines Wagens bedienen muß. Die Droschke ersetzt hier nämlich;m wahrsten Sinne des Wortes Omnibus oind Trambahn. Die ärmere Bevölkerung kann es sich natürlich nicht leisten, jedesmal einen Wagen zu nehmen, daher fahren dann so und soviele, die gerade nach derselben Richtung wollen, in einem Gefährt, manchmal bis zu acht Personen zusammenigepfropft; für diese Fahrt zahlen sie dann jeder zwei metalic (= zehn Pfennig), also ebensoviel wie wir in unseren Trambahnen. Diese Sitte hat sich so eingebürgert, daß d'ie verschiedenen Kutscher schon immer eine bestimmte Richtung hin amd zurück einschlagen und auch die verschiedenen Stadtteile ausrufen. Natürlich sind sie auch dabei bedacht, die Konjunktur zu nutzen. Wenn Droschken sehr gesucht sind, d. i. meist zur Touristenzeit, wo viele einen Wagen allein und häufig für den ganzen Tag nehmen, dann geht der Preis auch für solche, die nur einen Platz mit anderen zusammen erhalten, bisweilen auf vier bis fünf metalic in die Höhe. An schlechten Tagen aber, das heißt, an angenehm kühlen, die das Gehen erlauben, kommt es off genug vor, daß die Kutscher sich von ihrer luftigen Höhe auf die Straße herabbegeben, die Vorübergehenden am Rockärmel packen und ihnen -ins Gesicht schreien: „Meachorim!" „Machne Jehuda!", „Babu", „Wollen Sie einsteigen? Ich fahre gleich ab!" Die Namen sind die Benennungen der verschiedenen Stadtviertel ( wie bekannt gibt es hier keine Straßennamen). So kann es also vorkommen, daß an manchen Tagen die Leute sich um die Sitze in den Droschken streiten, während an anderen Tagen jemand eine Viertelstunde in seiner Wagenecke sitzen und warten m>uß, bis sich die übrigen Plätze gefüllt; haben. — Nun wollte die Regierung die Taxe für d'ie Wagenstände erhöhen, sowie das schon alte, aber nie befolgte Gesetz, daß des Nachts nicht ohne brennende Laterne gefahren werden darf, energisch durchführen. Hauptsächlich aber wollte sie dem Unfug steuern, daß die Menschen auf der Straße angepackt oder angenuien und zum Mitfahren aufgefordert wenden. Für diesen Fall sollten die Kutscher eine nicht unbedeutende Strafe zahlen. Jedoch die Droschkenbesirzer wie die Kutscher behaupteten, die erhöhten' Abgaben nicht leisten zu können, und iühlten sich außerdem in ihrem alten iRecht gekränkt, die Leute nicht mehr zum Einsteigen auffordern zu dürfen. Lieber wollten sie gar nicht fahren. So kam es, daß die Jerusalemer Bevölkerung sich zwei Tage lang nur per pedes vom Platze bewegen konnte. Am Abend des zweiten Tages jedoch endete die droschkenlose, die schreckliche Zeit. Die edlen Rosselenker hatten einen vollen Sieg errungen. Nach wie vor wird also dem Jeriisalemer Passanten am Jaffator, dem Hauptaufstellungsplatze der Droschken, der Rur in die Ohren gellen: „Gefällig? — Noch Platz im Wagen . . . .!" Statistik und Sozialpolitik. Die Statistik der Juden in Galizien. Nach der im Jahre 1910 durchgeführten Volkszählung wohnen in Oesterreich 1,313.698 Juden und hievon entfallen 871.800 auf Galizien-, also zwei Drittel der gesamten Juden Oesterreichs sind in diesem Kronlande wohnhaft. Galizien zählt insgesamt 8,029.387 Einwohner, so daß auf 100 Einwohner bereits 11 Juden kommen. Eine interessante Statistik ergibt die Vermehrung der Juden in den letzten fünf Dezennien. Im Jahre 1857 wurden 448.000 Juden gezählt; diese Ziffer schnellte bei der im Jahre 1890 durchgeführten Volkszählung auf 768.849 hinauf, in 33 Jahren vermehrten sich die Juden um zirka 70 Prozent. Im Jahre 1900 wurden 811.183 Juden gezählt und im Jahre 1910 erhöhte sich diese Ziffer auf 871.895; in 20 Jahren ist also ein Zuwachs von 14 Prozent zu verzeichnen. Ostgalizien zählt 658.727, Westgalizien 213.178 Juden. In den Städten kommt natürlich das stärkere Vorhandensein des jüdischen Elementes zum Ausdruck. Krakau zählt 151.800 Einwohner, davon entfallen auf die Juden 32.380, also zirka 21 Prozent. In L e mberg sind von 206.ÜU3 Einwohnern nicht weniger als 57.387 Juden, also zirka 27.8 Prozent. Die Berufsgliederung der osteuropäischen Juden in Paris. Einen Versuch zur Feststellung der Berufsgliederung der eingewanderten Juden in Paris unternimmt „Speisers Kalender". Dieselbe ist auf Grund sorgfältiger privater Ermittlungen und namentlich der Mitteilungen der gewerkschaftlichen Organisationen aufgestellt. Nach dieser Statistik sind die aus Osteuropa (inkl. Türke:) eingewanderten Jude n tätig als: Bäcker, selbständig......... 12 Bäcker-Arbeiter........... 70(?) Klempner............. 300 Buchdrucker, selbständig....... 10 Buchdrucker-Arbeiter......... 35(?) Bürstenmacher........... £5 Drechsler............. 400 Gamaschenstepper.......... 300 Goldarbeiter............ 1200 Haarfärber.......... . , 60 Händler aller Art zirka........ 5000 Angestellte bei solchen........ 400 Händler in GoldKvaren und Edelsteinen . . 1000 Angestellte bei solchen........ 3000 Holzschnitzer............ 400 Installateure............ 2500 Lederarbeiter............ 600 Mechaniker und Schlosser....... 1200 (speziell für Automobile) Metzgermeister........... 12 Mützen- und Hutmacher........ 1460 detto ungelernte........... 500 Pelzarbeiter ........... 1400 Photographen und Zahntechniker (Angestellte)........... 200 Schneider, gelernte.......... 6300 Schneider, ungelernte ........ 600 Schuster............. 900 Spielwarenarbeiter.......... 200 Sonstige (Barbiere, Kellner usw.) .... 350 In freien Berufen tätig zirka...... 1000 Die Arbeitslöhne schwanken zwischen 2,50 bis 5,— Frcs. (ungelernte Arbeiter) und 8— bis 15— Frcs. (Pelzarbeiter) pro Tag. Todesnachrichten. in Krakau ist am 6. d. M. plötzlich der Arzt und Gemeinderat Dr. Wilhelm Kronengold gestorben. In ihm betrauert die jüdische Bevölkerung ein sehr beliebtes und ungemein wohltätiges Mitglied. Besonders die ärmeren Klassen werden den Verlust dieses volkstümlichen Arztes sehr schwer und lange empfinden. Infolge dringender Aktualitäten mußten wir leider den Schluß des Artikels „Kellner und Straucher" für die nächste Nummer zurückstellen. Während der Sommermonate Juli und August wird die „Emigrations-Beilage" nicht erscheinen.