Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 15 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fir. i5 ,Neue National-Zeitung" Seite 119 FEUILLETON. Der Gladiator. Von Tadensz Konczynski. (Fortsetzung.) Es war um die Mittagszeit, als Titus an der Spitze von sechshundert Elitereitern das provisorisch am Fuße der Saulhöhe aufgeschlagene Lager verließ und sich auf eine Rekognoszierung vor die Mauern Jerusalems begab. Etwa dreitausend Schritte trennten ihn von der rebellierenden Stadt. Das Geklirr der Waffen und Panzer, das Wiehern und Pferdegetrappel eilt ihm weit voraus. Die Entfernung verringerte sich und aus dem goldenen Qleißen in der Weite traten immer mehr die starken weißen Konturen der judäischen Residenz hervor, bis schließlich die riesige Masse der Mauern in ihrer ganzen Majestät und Macht zum Vorschein kam. Der römische Streifzug machte für einen Moment Halt. Die Sonnenglut ergoß sich vom aschgrauen Himmel in unzähligen Strömen auf Jerusalem, das mit seinen Terrassen von dreifachen Schutzmauern, den gigantischen Türmen des Herodes-Palastes und dem Häusergewirr immer höher sich erhob, bis gegen Antonia und dem heiligen Tempel, der wie tausende von Fackeln im Glänze seiner weißen Wände und der goldenen das Dach bedeckenden Platten leuchtete. Vor dem Uebermaß der leuchtenden Geschosse, die von der Höhe des Tempels ausströmten, mußten die Reiter die Augen halb verschließen. Titus hielt lange unbeweglich mit gerunzelten Augenbrauen auf seinem Rosse still, die ungeheure Macht des Feindes mit dem Blicke messend. Seine Seele lachte einer großen Tat entgegen. Das Blut seines Vaters, Vespasian, begann sich in ihm zu regen. „Die Sache ist eines Sieges wert" — flüsterte er zu sich selbst, dann drückte er seinem Pferde die Sporen in die Weichen. Die Truppe der sechshundert Elitereiter folgte im Galopp dem Sohne des neuen römischen Imperators. Stolz und Glaube an die Besiegung der Welt beseelten die Reiterschar. Von allen Dächern und Mauern der Stadt schauten auf sie Hundertausende von jüdischen Augen. Weder Triumphgeschrei, noch Beschimpfungen, noch Kriegslärm durchschnitt die schläfrige, glühende Luft. Es konnte scheinen, als sei die Metropole Judäas ausgestorben und daß sich auf ihren Mauern die Schatten derjenigen, die schon aus dem Leben geschieden waren, zeigen. Der römische Streifzug näherte sich immer mehr dem Psefinostor. Eine Wolke weißen Staubes wirbelte über die Heeresstraße, über welche die römischen Panzer und Schwerter dahineilten, die Wolke ballte sich lange, ohne Ende, als folgten der Titusschar all die Legionen und die verbündeten Heere. Obzwar die Reiter eben von der Heerstraße nach links abschwenkten, mit der Absicht, rings um die Mauern auskundschaftend zu reiten, stieg aus dem Kedrontal ein verräterischer Windhauch auf, blies in die Staubwolken, sie vom Wege wehend und die winzige römische Heeresmacht, die es gewagt hatte, bis knapp vor die Stadtmauer vorzudringen, enthüllend. Joesdros stand auf der Mauer nahe dem Frauenturme, in der Hand das geliebte Schwert und den kampfgewöhnten Harnisch drückend. Mit den Augen verschlang er die römischen Reiter, die Dauerhaftigkeit ihrer geschmiedeten Rüstungen und die Flinkheit ihrer Pferde messend. Mit den weit geöffneten Nasenflügeln schnappte er nach Luft wie ein Hund, der mehr seinem Spürsinn, als den Augen traut. „Ist dies der Moment" — fragte er sich selbst im Innern seines Wesens — „um von ihrem Blute dem Herrn ein Opfer zu bringen?" Er zauderte, als er die römische Kolonne links von der Chaussee abschwenken sah, und als der Wind die Winzigkeit des Streifzuges vollständig enthüllte, sprang er wie ein Rasender herunter. „Der Herr liefert sie unseren Händen aus!" — schrie er mit starker Stimme und gleichzeitig rief er der Wache zu, daß sie die Tore öffne. Johannes aus Gishalah machte ein gewährendes Zeichen. Und so klirrten die schweren Verschlüsse und gingen langsam auf. „Der heilige Tempel schaut auf uns von oben!", schrie Joesdros mit begeisterter Stimme. „Wer den Sieg lieb hat, der folge mir!" Und, ohne sich umzublicken, ob jemand seiner Aufforderung folgt, eilte er zur Mauer hinaus und rannte in einem übermenschlichen Lauf auf die römischen Reiter zu. Sein Heldenmut fiel wie ein Feuer in einem ausgetrockneten Wald in tausende jüdische Herzen. Die Haufen der Krieger sprangen empor und unter schrecklichem Lärm folgten sie wie rasend ihm nach. Ehe Titus noch etwas zu unternehmen vermochte, einen Befehl zum Rückzug zu erteilen oder seine Abteilung von der Heerstraße ins Feld abschwenken zu lassen, stürzte Joesdros sich schon auf die ersten Reihen wie ein unbekümmerter Donner, hob mit einem Schlage seines Panzers den ersten Reiter aus dem Sattel und haute dem zu Boden Stürzenden das Genick entzwei. Der Römer öffnete weit die Arme, ließ das Schwert aus der Hand fallen und stürzte blutüberströmt vom Pferde zu Titus Füßen. Joesdros Beispiel folgend, wurde der römische Streifzug von Tausenden jüdischer Krieger bedrängt. Das markerschütternde Geschrei der Angreifenden erfüllte die Luft. Der Gladiator, von den Haufen seiner Landsleute mitgerissen, ging an den römischen Anführer und den ersten Reihen der Reiter vorbei und stürzte sich mit voller Wucht auf diejenigen, die noch nicht vermocht hatten, ven der Landstraße abzuschwenken. Wie ein schwerer Block aus einer Schleudermaschine stürzten die Verteidiger Jerusalems auf die römische Abteilung, die in einem Moment unter diesem schrecklichen Anprall in zwei Teile brach und zwei blutige, tödliche Kämpfe ausfechten mußte. Joesdros raste. Das kalte Blut eines geübten Ringkämpfers und ein religiöser Rausch verliehen seinem Schwerte eine entsetzliche todbringende Macht. Bald fiel ein Römer, blutüberströmt und wie entzwei gespalten seinem Kameraden in die Arme,