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Neue Nationalzeitung · 1913-07-18 · Heft 15 (18.7.1913) · p. Seite 116

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 15 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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Seite 116 .Neue National-Zeitung" Nr. 15 von diesem Erstaunen, da erfuhr er von seinen Landsleuten noch interessantere Dinge. Auch ein Dr. P a s c h k i s, der im Ambulatorium des Rothschild-Spitals ordiniert, hat eine Privatordination und auch dort werden für das Spital Aufnahms-Anweisungen ausgestellt. Man wird von einem Fremdenführer, namens Brodaty, hingeführt und seine Empfehlung, die man billig erkauft, ist jedenfalls erfolgreicher als die unserer Redaktion oder gar des Herrn Stricker. Da sah erst unser armer S. ein, wie bettelarm und unglücklich er ist, wenn er sich nicht einmal die Gunst eines Brodaty erkaufen konnte. Aber auch unsere Geduld war zu Ende. Wir wendeten uns, dank dem Verhalten des zionistischen Kultursvorstehers um einige Erfahrungen reicher, an den Vize-Präsidenten Dr. Gustav Kohn. Herr Dr. K o h n hat sich auch diesmal als Mann von wahrer Herzensgüte bewährt. Wiewohl unmittelbar vor der Abreise nach Karlsbad stehend, hat er auf Grund unserer schriftlichen Darstellung sofort den Sekretär-Stellvertreter der Kultusgemeinde, Herrn Emil Engel, mit der Intervention im Rothschild-Spital, respektive mit der Untersuchung des Falles und Unterbringung des S. betraut. Aber auch die Mission des Herrn Engel war vergeblich. Auch er vermochte, wiewohl im Auftrage des Präsidiums handelnd, die Aufnahme des S. nicht zu bewirken. Die chirurgische Abteilung stellte sich plötzlich auf den Standpunkt, S. könne überhaupt nicht aufgenommen werden, denn seine Krankheit sei nicht schwer genug. Also dazu hat man ihn am 24. Juni vorgemerkt und aufgefordert, alltäglich nachzufragen, ob Platz sei, dazu hat am 29. Juni der Assistent Dr. Bachrach persönlich die bestimmte Aufnahme zugesichert, dazu hat am 9. Juli der Spitalsbeamte Groß unserem Herausgeber telephoniert, daß das erste freie Bett für S. reserviert werde, um dann am 10. Juli plötzlich der bisherigen Unehrlichkeit dadurch die Krone aufzusetzen, daß man unter dem Vorwande der mangelnden Dringlichkeit die Aufnahme ganz verweigerte? So viel Hypokrisie hat man in einem aus öffentlichen Mitteln erhaltenen Spital wohl noch selten gesehen! Diesem Vorwande gegenüber blieb auch das Präsidium wehrlos. Doch um dem Armen zu helfen und sein Martyrium zu beenden, wurde derselbe in einem anderen Spital untergebracht, und zwar im Allgemeinen Krankenhaus, wo für die Verpflegskosten über Intervention des Herrn Dr. Kohn die Chewra Kadisha aufkommt. Damit ist endlich für S. die Angelegenheit erledigt. Aber nicht für die jüdische Oeffentlichkeit. Sie hat ein Recht, die Vorgänge in der Privatordination des Professor Zuckerkandl kennen zu lernen, denn er ist ein bezahlter Beamter der Gemeinde. Sie hat ein Recht, zu wissen, in welchem Verhältnis der Fremdenführer Brodaty zu den Spitalsärzten steht. Sie verlangt, daß das Spital den Patienten und nicht den Aerzten diene. Das Präsidium der Gemeinde und die Spitalskommission müssen den Fall prüfen, und unbekümmert um die in Betracht kommenden Personen die nötigen Maßregeln ergreifen. Die unmenschliche Behandlung des schwerkranken jüdischen Arbeiters aus Lodz zeigt uns recht anschaulich, daß im Rothschild-Spital so manches morsch und faul ist. KORRESPONDENZEN. Großbritannien. Der V. internationale Kongreß zur Unterdrückung des weißen Sklavenhandels. (Sensationelle Rede des Chief Rabbi.) London. Montag:, den 30. Juni wurde in London der V. inte r nationale Kongreß zur Unterdrückung des Handels mit weißen Sklaven eröffnet. Bei dieser Gelegenheit hielt der Chief Rabbi Dr. Herz eine sensationelle Rede, die einen tiefen Eindruck auf die Versammlung machte. Zunächst hielten Ansprachen zur Begrüßung des Kongresses der Graf und die Gräfin von Aiberdeen, der Erzbischof von Canterbury, der Kardinal-Erzbischof von Westminster, Rev. Doktor Horton. Diesen folgte der Chief Rabbi mit seiner Ansprache. Nach einigen einleitenden Worten sagte er: *• Der weiße Sklavenhandel ist eine freche Herausforderung der Zivilisation und unsere Anwesenheit hier beweist, daß Männer und Frauen aller Nationen bereitj sind, die Herausforderung aufzugreifen, entschlossen nicht zu rasten, bis dieser Ausbund aller Niederträchtigkeiten, Schandtaten und Abscheulichkeiten vom Erdboden weggefegt ist. Es ist 'Uns bitterer Ernst. Wir wollen weder Zeit noch Kraft verschwenden, um dieser oder jener Seite eünen Tadel auszuteilen oder zuzuschieben. Niemand ist ganz von der Schuld frei, seil Jahren unterlassen zu haben, was hätte .geschehen sollen. Kein einziges Volk, keine einzige Kirche darf dem selbstgefälligen Spiel frönen, Steine auf die anderen zu werfen. Alle sind wir zu dem Ergebnis gelangt, daß das Verbrechen allen Religionen und allen Völkern gemeinsam ist. Und nun sind wir alle Brüder in dem gleichen ■Müßgeschick; denn alle Völker, alle Kirchen liefern unfreiwillige Opfer dieses weißen Sklavenhandels. Vor tausend Jahren bildete ein einziges Volk auf diesem Gebiete eine Ausnahme, das jüdische. Heutzutage ist das leider nicht mehr wahr. Vielfach und schrecklich sind die iMäohfce, die die uralte K e u s c h h e i t d e r Jüdinnen bedrängen. Hier ist es weder an der Zeit .noch ist hier der Platz, das wirtschaftliche Elend in denjenigen Ländern zu schildern, wo die Leiden meines Volkes bis an die Grenze des Erträglichen angelangt sind. Gestatten Süe mir aber, ihre Aufmerksamkeit auf eine Tatsache zu lenken, die vor einigen Wochen durch den Leiter der liberalen Partei in der russischen Duma, Prof. Miljukow, zur Kenntnis der Welt gebracht wurde. Sechs Millionen meines Volkes sind in dem Ansiedlungsrayon Russisch-Polens zusammengepfercht, und nur in den seltensten Ausnahmefällen wird einem Juden oder einer Jüdin erlaubt, außerhalb dieses schmalen Streitens des westlichen Rußlands zu wohnen. Wenn jedoch eine Jüdin sich dazu hergibt, ein Leben der Schande zu leben, dann erhält sie die Erlaubnis, unbehelligt in den weiten Gebieten des Zaren zu leben (Pfui-Rufe). Noch tragsicher ist das folgende. Der eünzige Weg, auf dem zum Beispiel eine Anzahl jüdischer Studentlinnen den Zugang zu den Universitäten von St. Petersburg und Moskau erlangt, ist der, bei der Polizei um ein „gelbes Billett", das Zeugnis der Schande, einzukommen. In früheren Zeiten pflegte die Polizei — und das ist aus dem mit einer Vorrede Professors iMomsens ausgestatteten Buche Leo Erraras zu ersehen — diese Fälle zu vertuschen, und wenn sie fand, daß diese Studentinnen wirklich ehrbare Mädchen waren, des Lichtes der Wissenschaft begierig, wurden sie ohne weiteres ausgewiesen. In den letzten Monaten jedoch geht die Behörde noch um einen Schritt weiter und besteht darauf, daß

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