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Neue Nationalzeitung · 1913-07-18 · Heft 15 (18.7.1913) · p. Seite 115

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 15 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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Hr. 15 ,Neue National-Zeitungu Seite 115 Im Rothschild-Spital ist kein Platz. E r h a t sich getäuscht. Die Aufnahme ging nicht so leicht. Die Empfehlung unseres Herausgebers, Dr. S. R. L a n d a u, an Herrn Direktor Doktor Fleisch mann hatte bloß den Erfolg, daß S. auf der chirurgischen Klinik „vorgemerkt" wurde. Es war dies am 24. Juni. Er erhielt einen Zettel und man befahl ihm, jeden Tag zu kommen, um — nachzufragen. S. sah sich noch nicht am Ziele seiner Wünsche. Aber er hoffte. Man hat ihm ja auf Grund der Untersuchung v e r s p r o c h e n, ihn aufzunehmen; es war bloß momentan noch kein Platz. Er mußte also ausharren. Daß er inzwischen nichts zu essen hatte, daß er, um jeden Tag im Rothschild-Spital nachzufragen, zu Fuß einen weiten Weg zurücklegen mußte, der für ihn todbringend sein konnte, darum kann sich Professor Zuckerkand! nicht kümmern. Das kann von ihm nicht verlangt werden. Am 29. Juni erlaubte sich Dr. Landau bei Assistenten Dr. Bachrach nachzufragen, wann denn für S. Platz wäre. Die Antwort lautete tröstend; S. möge nur jeden Tag nachfragen, sobald ein Bett frei wird, bekomme er es . . . Am 3. Juli war noch kein Bett frei — für S. Für andere Patienten schon. Die Privatordination des Professors Zuckerkand!. S. erzählte uns, daß andere Patienten, die später oder gar nicht vorgemerkt waren, ihm gegenüber b ev o r z u g t werden, daß Professor Zuckerkandl Patienten, die zu ihm in die Privatordination kommen, direkt Anweisungen zur Aufnahme ausfolge. Die Sache kam uns sehr bedenklich vor und Dr. Landau hielt es für angezeigt, sich an e i n Mitglied der Spitalskommission zu wenden. Von der — wie sich jetzt zeigt, sehr naiven — Annahme ausgehend, daß ein zionistischer Kultusvorsteher sich am eifrigsten der Sache eines jüdischen Arbeiters annehmen werde, und daß ein oppositioneller Kultusvorsteher pflichtgemäß in energischer Weise behauptete Inkorrektheiten prüfen und abstellen wird, schrieb Dr. Landau dem ihm persönlich ganz unbekannten Herrn Ingenieur Robert Stricker folgenden Brief: 3. Juli. Wohlgeboren Herrn Oberkommissär Robert Stricker Wien III. Euer W o h I g e b o r e u! In Ihrer Eigenschaft als Mitglied der Spitalkommission erlaube ich mir Ihnen den Ueberbringer dieses Briefes, Herrn Abraham S., Wirkarbeiter aus Lodz (Russisch- Polen), sowie dessen Angelegenheit wärmstens zu empfehlen. Es handelt sich um einen krassen Mißbrauch im Rothschild- Spital, der Sie wohl auch an und für sich sehr interessieren dürfte. Es handelt sich um folgendes: Der Ueberbringer dieses Schreibens ist m:!t einem schweren Bruchleiden behaftet und kam nach Wien, um sich hier behandeln zu lassen. Er erschic'i bei mir am 24. Juni 1913 mit der Empfehlung eines mir bekannten Phüantropen in Lodz, worauf ich mich brieflich sofort an Herrn Direktor Dr. Fleischmann mit der Bitte um Autnahme wandte. Er wurde nicht aufgenommen, und zwar wie er mir berichtete deswegen, weil momentan auf der chirurgischen Abteilung kein Platz sei. Es wurde ihm bedeutet, er möge :'u den nächsten Tagen wiederkommen. Am letzten Sonntag habe ich mich mit dem chirurgischen Assistenten telephonisch in Verbindung gesetzt, um die Auinahme zu urgieren, respektive, um die entgegenstehenden Hindernisse zu erfahren. Der Assistent. Herr Dr. Bachrach, erwiderte mir, der Mann sei mit Rücksicht auf die Empfehlung des Herrn Direktor Dr. Fleischmann ..vorgemerkt", er möge nur jeden Tag hinauskommen, in den nächsten Tagen werde er aufgenommen werden. Heute erschien nun der Ueberbringer bei mir und erzählte mir folgendes: Während man ihn von einem Tag auf den anderen wegen Platzmaugel vertröstete, werden diejenigen Patienten, die i n d i e P r i v a t o r d i n a t i o n des Professors Zuckerkandl (Vorstand der chirurgischen Abteilung) kommen, und von demselben einen Zettel mitbringen, sofort aufgenommen. Für diese Leute ist Platz da, wiewohl sie später gekommen sind und gar nicht vorgemerkt waren. Wenn das wahr ist, t; n d S i e h a b e u d i e M ö glichk e i t, d i: e s zu u n t e r s u c h e n, dann liegt zweifellos ein krasser Mißbrauch vor. Ueberbringer ist ein blutarmer Mensch, er hat nicht wovon zu leben und muß buchstäblich hungern. Ich ziehe es vor, im Interesse dieses Mannes, den ganzen Fall derzeit noch nächt zum Gegenstand publizistischer Erörterungen zu machen; behalte mir jedoch dies vor. Derzeit ist die Unterbringung des Mannes im Spital das dringendste und daher wende ich mich an S e, mit dein Ersuchen, in dieser Sache zu intervenieren. Ich zeichne hochachtungsvoll Dr. S. R. Lau.!au m. p. Der zionistische Kultusvorsteher schweigt. Der zionistische Kultusvorsteher und Mitglied der Spitalskommission hat darauf dem S. seine Visitkarte gegeben und darauf folgendes geschrieben: „bittet, falls n u r halb w e g s m ö g 1 i c h, den Ueberbringer aufzunehmen und dankt bestens.'4 Hiese Visitkarte hatte selbstverständlich gar keinen Erfolg. Einen solchen Einfluß hat Herr Stricker offenbar noch nicht, daß bloß seine Visitkarte genüge. Und sich selbst zu bemühen, nicht weil es sich um ein Menschenleben, um einen schwerkranken jüdischen Arbeiter handelt, sondern weil ihm, dem Mitglied der Spitalkommission Inkorrektheiten mitgeteilt wurden, dazu konnte sich Herr Stricker nicht aufschwingen. Er ging darüber mit Stillschweigen hinweg .... Der Zutreiber des Rothschild-Spitals. Für den Kultusvorsteher Stricker war der Fall erledigt. Aber nicht für uns. Wir wollten es doch nicht auf das Aeußerste ankommen lassen, daß ein jüdischer Arbeiter, der schwerkrank aus der Fremde nach Wien kommt, auf der Straße zusammenbricht, weil er nicht in die Privatordination des Professors Zuckerkandl gehen kann. Ist denn das Rothschild-Spital für Professor Zuckerkandl oder ist es für arme kranke Juden gegründet worden? Diese Oedanken machte sich der arme Arbeiter aus Lodz. Und kaum erholte er sich

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