Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 15 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 114 ,Neue National-Zeitung" Nr. 15 ziehten, als sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen. In beiden Fällen sind also die jüdischen Mandate nur durch persönliche Rivalität und Strebertum den Juden verloren gegangen. Es blieben ihnen lediglich übrig: die drei Mandate der drei Handelskammern u. zw. Krakau (Hofrat S a r e), Lemberg (Dr. von Löwenstein) und Brody (Dr. R i t t e 1). Weiters das Mandat der Stadt Brody (Dr. A s c h k e n a s e). Der Verlust der Mandate in Lemberg und Krakau istmit Rücksicht auf die schwebende Landtags-Wahlreform für'Qalizien ungemein lehrreich. Von nationaler jüdischer und polnischer Seite wurde verlangt, daß in denjenigen Städten, die mehrere Mandate für den Landtag zu vergeben haben, das Proportional- Wahlrecht eingeführt werde. Das hätte zur Folge, daß den Juden in diesen ' Städten mindestens ein Mandat gesichert wäre, u. zw. das Majoritäts-. oder Minoritäts-Mandat. Diese Bestrebungen wurden jedoch von der polnischen Fortschritts-Partei und von den Hausjuden eifrigst bekämpft. Denn bei dem Proportional-Wahlrecht würden beide zu Falle kommen. Von polnischer Seite wären nur nationale Polen, von jüdischer Seite nur nationale Juden gewählt werden. Um dem zu entgehen, mußte also das Proportional-Wahlrecht ausgeschaltet werden. Dr. von Löwenstein, als jüdischer „Repräsentant" im Wahlreform-Ausschuß, hat der Oeffentlichkeit vorgespiegelt, daß das Proportional-Wahlrecht die Verbrüderung mit den Polen verhindere. Die Juden müssten gemeinsam mit den Polen eine Liste wählen, welche im Kompromiß-Wege zu Stande kommen werde. Und nun musste er es am eigenen Leibe erfahren, daß das bisher bestehende Listenskrutinium zur „Verbrüderung" zwischen Polen und Juden in der Weise führt, daß die Juden in den größeren Städten trotz ihres großen Perzentsatzes gar kein Mandat erhalten. Selbst die jüdischen Majoritäten in Kolomea und Stanislau mußten Christen wählen. Der Krakauer Dr. Groß, Mitglied des Polenklubs, gibt die Unnahbarkeit des Listenskrutiniums in seinem Blatte jetzt zu. Hätte Dr. Groß soviel Charakter wie Verstand, so hätte er es schon früher zugeben müssen. Das Resultat der galizischen Landtagswahlen war vom jüdischen Gesichtspunkte aus auch sonst sehr ungünstig. Die reaktionären Parteien haben zahlreiche Mandate erobert; auf Kosten der judenfreundlichen, fortschrittlichen Bauern-Partei Stapinskis hat der neugeschaffene christlichsoziale Bauernbund in Westgalizien 10 Mandate erobert. Das führende Blatt der polnischen National-Demokraten ist in seiner antisemitischen Hetze soweit gegangen, daß es den Juden mit einer großen Boykott-Bewegung, wie sie sich in Russisch-Polen zur Schande der polnischen Nation breitmacht, gedroht hat. Alles in allem ist das Resultat folgendes: Die Feinde der jüdischen Bevölkerung sind aus der Wahl gestärkt hervorgegangen. Die Juden dagegen haben eine Einbuße an Mandaten und politischem Ansehen erlitten. Sie haben bewiesen, daß sie keine Solidarität, keine Organisation und keine führenden Männer besitzen. Die wirtschaftliche Deroute, unter der jetzt die galizische Judenschaft so schwer leidet, geht mit der politischen Deroute Hand in Hand. L. Die Protektionswirtschaft im Wiener Rothschild-Spital. Das Martyrium eines kranken jüdischen Arbeiters. Ist es möglich, daß der Vizepräsident der Kultusgemeinde einen armen, schwerkranken Juden nicht im Rothschild-Spital unterbringen kann? Ist es möglich, daß der Direktor dieses Spitals in der chirurgischen Abteilung nicht einmal über ein Bett verfügen darf? Beides ist leider möglich. Beides ist auch jüngst geschehen. Die Verhältnisse im Rothschild-Spital werden schon gar zu arg und es ist die höchste Zeit, daß auf dem Wege der Oeffentlichkeit Kultusvorstand und Spitalskommission an ihre Pflicht erinnert werden. Denn das Rothschild-Spital wird nicht von den Rothschilds erhalten. Die Familie Rothschild hat lediglich das Spital gestiftet. Die Erhaltung geschieht aus den Steuergeldern der Wiener Kultuswähler und nimmt einen bedeutenden Teil des Gemeindebudgets in Anspruch. Es gibt viele Gemeindemitglieder, die sich darüber aufhalten. Sie meinen, daß sie nach dem Gesetze nur zu rituellen Zwecken Beiträge zu leisten hätten. Sie übersehen aber, daß Wohltätigkeit und Krankenpflege stets zu den kardinalsten Pflichten der jüdischen Religion gehört haben. Jede jüdische Gemeinde soll ein Bethaus, einen Friedhof und ein Spital ihr eigen nennen. Erst dann ist sie eine jüdische Gemeinde in wahrem Sinne dieses Wortes. Das Ausmaß der Wohltätigkeit und Krankenpflege innerhalb einer jüdischen Gemeinde ist der Maßstab für ihre Bedeutung und ihr Prestige. Das Ansehen, welches die Wiener jüdische Gemeinde in der ganzen Welt, speziell aber im Osten Europ a s, bis auf den Balkan und in das russische Ghetto genießt, hängt mit dem Rothschild-Spital zusammen. Im Mittelalter wurden oft kleine Gemeinden dadurch berühmt, daß sie hervorragende talmudische Autoritäten zu Rabbinern einsetzten. Das war in Wien nie der Fall. Aber die Patienten aus den entferntesten Weltteilen, die das Rothschild^Spital verließen, haben die Kunde von den Opfern, welche die Wiener Judenschaft für das Rothschild-Spital aufbringt, weit hinausgetragen und so wurde das Rothschild-Spital für jeden kranken armen Juden das Ziel der Sehnsucht, es wurde das jüdische Lourdes, wo er neue Lebenskraft schöpfen und seine Gesundheit wiedererobern wollte. Der Patient aus Lodz. So ging es auch dem jüdischen Arbeiter Abraham S. in Lodz. Er leidet an einem sehr vorgeschrittenen Bruch, der lebensgefährlich ist und unbedingt operiert werden muß. Er hörte, daß am Wiener Rothschild-Spital ein sehr geschickter Professor der Chirurgie, Dr. Zuckerkand 1, wirke, der ihn von seinem schweren Leiden befreien könne. S. beschloß nach Wien zu reisen. Das geht ja in Rußland nicht so leicht. Der Auslandpaß allein kostet 25 Rubel (60 Kronen!). S. bot alles auf, um sich den Paß zu verschaffen. Er erhielt von einem dortigen Philantropen eine Empfehlung an unsere Redaktion und war überzeugt, daß er als armer, kranker Jude im Rothschild-Spital von seinen Qualen erlöst werden wird.