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Neue Nationalzeitung · 1913-07-04 · Heft 14 (4.7.1913) · p. Seite 109

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 14 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 109 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Seite 109 reiche Juden lebten auf dem Balkan als Geldwechsler, sogenannte „Sarafs". Die Existenzmöglichkeit des Geldwechslers war dadurch gegeben, daß zu wenig Scheidemünze im Lande war. Bei jedem Umwechseln eines größeren Geldstückes in Scheidemünze zog daher der Geldwechsler einen kleinen Verdienst ein. An Scheidemünze wird es in Zukunft kaum fehlen, und dieser Beruf wird völlig verschwinden. Auch der kleine Handel mit dem Militär wird eingeschränkt werden, der Handel mit den türkischen Bauern und viele andere Berufe werden aufhören. Die Hilfe nach Friedensschluß. Die Zukunft der Juden des Balkans ist also recht düster. Die Delegierten mußten bei ihrer Mission über das augenblickliche Hilfswerk hinaus darauf Bedacht nehmen, zu erforschen, was mit den Juden nach dem Kriege geschieht. Sie haben auch diese Frage eingehend studiert und haben von vielen Städten ganz detaillierte Enqueten aufgenommen. Die „Union" (darunter ist der Verband der großen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen zu verstehen. Anm. d. Red.) muß aber in erster Linie ihre Mittel dazu verwenden, um die Not des Augenblicks zu lindern, die unmittelbaren Schäden des Krieges zu heilen. Zu diesem Zwecke haben die vereinigten jüdischen Organisationen bisher an 600.000 Francs verausgaben müssen. Weitere 200.000 Francs werden bis zur Beendigung des Krieges inklusive der Repatriierung der Flüchtlinge, der Installierung in ihren Wohnungen noch ausgegeben werden müssen und dann stehen die Juden des Balkans vor einer neuen Welt. Die meisten mit leeren Händen. Was muß geschehen, um ihnen weiter zu helfen? Nach eingehender Prüfung an Ort und Stelle sind die Delegierten zu dem Ergebnis gelangt, daß es unbedingt notwendig ist, Leihkassen in den verschiedensten Städten zu errichten, aus denen den Juden des Balkans Darlehen gewährt werden, damit sie sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnen können. Die Begründung von Leihkassen. Die ersten Ansätze zur Begründung dieser Leihkassen haben die Delegierten selbst gemacht und für Adrianopel. Saloniki, Monastir und auch für Konstantinopel entsprechende Mittel schon jetzt bereitgestellt, aber die Summen, die zur Verfügung stehen, reichen hierzu bei weitem nicht aus. Versorgung von Invaliden. Witwen und Waisen. Denn in erster Linie müssen die vorhandenen Mittel dazu verwendet werden, um die direkten Opfer des Krieges zu unterstützen. Nach Friedensschluß werden zahlreiche Invaliden, Witwen und Waisen bleiben, für die gesorgt werden muß. Bei den Bulgaren allein sind beispielsweise an 400 Juden gefallen. Da mehr als die Hälfte der zum Kriege Ausgehobenen verheiratet war, werden Witwen und Waisen in großer Zahl noch lange auf unsere Hilfe angewiesen sein. Auch bei den Türken ist die Zahl der verheirateten Gefallenen nicht gering. Sonstige Hilfe. Dh Hilfe, die den Balkanjuden gebracht werden muß, ist um so notwendiger, als ohne unsere Hilfe der Wiederaufbau der Existenzen, der die 200.000 Juden selbständig und erwerbsfähig macht, unmöglich wäre, und die dann dauernd, wie die Juden Rußlands. Gaiiziens und Rumäniens an die jüdische Wohltätigkeit appellieren müßten. Gelingt es, die Juden des Balkans nach dem Kriege wieder in den Stand zu setzen, ihre alten Berufe oder neue Beschäftigungen aufzunehmen, so wird es möglich sein, daß sie ohne fortlaufende finanzielle Hilfe zum Segen der Gesamtjudenheit sich weiter entwickeln können. Für Jahrzehnte hinaus allerdings werden sie unsere moralische Hilfe und für gemeinnützige Unternehmungen unsere Unterstützung brauchen. Wir werden ihnen noch mehr als bisher Schulen errichten müssen, damit ihre Kinder durch gute Erziehung wirtschaftlich selbständig werden; wir werden Kassen errichten müssen und Anstalten, mit deren Hilfe die lang andauernden Nachwirkungen des Krieges überwunden werden können. AUS ALLEN WELTTEILEN Herr Felix Stiassny Edler von Elzhaim hat sich mitsamt ältestem Söhnlein — wie aus der dieswöchentlichen Austrittsliste ersichtlich — getauft, endlich getauft. Denn daß diese Stütze der Wiener „Gesellschaft" noch immer dem Judentum angehörte, das war ein Opfer --- nicht mehr zum Ertragen. Man bedenke doch, was der Mann alles ist! Der Sohn eines simplen Kaikaufmannes war Vizekonsul des Staates Venezuela! Seit jüngster Zeit sogar Konsul. Wirklicher Konsul? Nein, Titularkonsul. Dann ist der Mann Großotrizier des persischen Sonnen- und Löwenordens. (Wie viel hat das gekostet?) Schließlich hat er sich jüngst den Adel gekauft, indem er für das kaufmännische Spital eine größere Spende leistete. Für einen Extrabetrag erhielt er noch ein Prädikat, das weder mit dem Kai noch mit Venezuela etwas zu tun hat, dafür aber dem Besitzer, wenn er einmal den „Stiassny" über Bord wirft, einen arischen Talmiglanz verleiht. Daß dieser bedeutende Mann, der hoffentlich noch einmal zum Generalkonsul von Venezuela avancieren wird, sich erst jetzt tauft, hat seinen guten Grund. Der Schwiegerpapa, der spaniolische Millionär Elias, hat dies nicht geduldet; er hätte wahrscheinlich seinen adeligen Enkel, den jungen Herrn von Elzhaim, enterbt. Und so wurde der Tod des Großpapas abgewartet. Nun wird d:c Familie der „von Stiassny-Elias-Elzhaim" im Almanach von Gotha nicht mehr als mosaisch, sondern als gut christlich figurieren. Die Wege vom Kai in den Gothaer Almanach sind unerforschlich. Die „Arbeiter-Zeitung" und die Kolonisation Palästinas. Man traut fast seinen Augen nicht! Die „Arbeiter-Zeitung", die Wiener „Arbeiter-Zeitung", das Organ von Adler und Austerlitz, das vom Zionismus und von der Palästina-Kolonisation nur mit Hohngelächter zu berichten wußte, hat sich entschlossen, auch sachlich die Frage der jüdischen Heimkehr zu würdigen. Allerdings hat das Blatt Gelegenheit, auch sachlich vom hygienischen Standpunkte aus die Ansiedlung Palästinas durch Juden als undurchführbar hinzustellen. Als Vorwand hiezu dient ein Zeitungsartikel, der die alte Malariafrage wieder aufwärmt, nachdem man gerade von jüdischer Seite daran ist, durch verschiedene Pflanzungen der Malaria Herr zu werden. Die „Arbeiter-Zeitung" schreibt: „Die Malaria ein Hindernis der Besied elung Palästinas. Der Zionismus, der sein Streben auf die Wiederansiedelung der Juden in Palästina richtet, besitzt ausgebreitete Sympathien. Die jüdische Einwanderung in das alte Stammland vollzieht sich auch dauernd aus allen europäischen Ländern, und zwar nicht nur nach Jerusalem selbst, sondern auch nach anderen Ansiedelungen des Gebietes. Die Bewegung macht aber keine

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