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Neue Nationalzeitung · 1913-07-04 · Heft 14 (4.7.1913) · p. Seite 108

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 14 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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Seite 108 „Neue National-Zeitung^ Nr. 14 zwei Jahren weiß das Kind sich zu erinnern, wie Beilis 'den Justschinski geschleppt hat, und über zwei Jahre hat es merkwürdigerweise geschwiegen. Und wer ist das geheimnisvolle Kind, welches jetzt auftaucht? Das ist die Tochter der Wera Tschebyriak, die ja nach allen Enthüllungen des vorigen Jahres als die Mörderin entlarvt worden ist. Es wäre fast zum Lachen, wenn es nicht für Millionen Menschen gar zu ernst wäre. Die Zukunft der Balkanjuden.*) (Die Armut der jüdischen Bevölkerung). In der bisherigen europäischen Türkei leben heute etwa 200.000 Juden. Die große Masse davon in recht dürftigen Verhältnissen, viel dürftiger noch als die Juden im Osten Europas. Die armen Viertel der Städte, die wir gesehen haben — heißt es in den Schilderungen der Delegierten —, die vielen hunderte von Wohnungen der Armen, in die wir kamen, machen einen unbeschreiblich ärmlichen Eindruck. Wohnungen sind die armseligen Buden kaum zu nennen. Hausgerät gibt es in den Wohnungen nicht. Eine hölzerne kleine Bude von wenigen Quadratmetern notdürftig zusammengenagelt, das ist die Wohnung für eine, manchmal auch mehrere Familien. Als Ofen und Küche dient ein alter eiserner Topf, der mit Holzkohlen gefüllt wird und seinen Qualm mit den anderen üblen Gerüchen der Stube vermengt. Als Lagerstätte dient der Fußboden. Am Kopfende ein kleines Kissen aus Stroh oder Heu; die Mahlzeiten werden ebenfalls auf dem Fußboden eingenommen. Als Tisch gilt entweder der Fußboden selbst, oder es wird ein Brett auf ein paar Klötzchen gelegt und um diesen etwa 15 bis 20 Zentimeter hohen Tisch hocken die Einwohner beim Essen herum. — Noch ein Ausstattungsgegenstand, der selten in der Wohnung fehlt, ist ein altes Tuch, nach Art einer Hängematte an der Decke befestigt, das ist die Wiege für ein oder manchmal auch zwei Kinder. An Stricken, die an den Balken befestigt sind, hängen dann noch die dürftigen Kleidungsstücke und die noch dürftigeren Küchengeräte und Eßgeräte. Zu tausenden findet man solche Wohnungen und in diesen Wohnungen dumpf hinbrütende Menschen. Der Balkanjude ist bedürfnislos, hat nicht die Energie, nicht den starken Auftrieb, der auch bei den ärmsten Juden des Ostens zu finden ist. Der Drang, seine Lage zu bessern, ist in ihm nicht so mächtig, daher ist auch die Auswanderung verhältnismäßig gering. Nur Monastir, Castoria und einige andere Städte des Westbalkans zeigen eine größere Auswanderung. *) Unsere armen Brüder auf dem Balkan haben infolge des zu Ende gegangenen Krieges der Balkanstaaten mit der Türkei selbst ihren bisherigen armseligen Verdienst, der kaum hingereicht hat, ihre bescheidenen, fast primitiven Bedürfnisse zu befriedigen, verloren. Ihr hölzernes Obdach wurde zerstört; sie sind zu einem Zigeunerleben verurteilt. Und nun ist ein neuer Balkankrieg, der Verbündeten um die Beute, entstanden, der durch die Gleichwertigkeit der Gegner die früheren Kriegssclhrecken noch überbieten dürfte. Und zwischen diesen Schlachtfeldern leben 200.000 Juden, ohne Brot und ohne Dach! Wer kann diesen Jammer beschreiben? Der verdienstvolle Berliner „Hilfsverein der Deutschen Juden" hat auf Grund des Berichtes der Delegierten einen Plan der Hilfsaktion ausgearbeitet, den wir hier als höchst aktuell veröffentlichen. Anm. der Red, Der Mittelstand lebt mehr europäisch, aber ebenfalls ziemlich bedürfnislos. Reichere Juden gibt es nur in wenigen Großstädten, und was besonders auffällig ist, es fehlt völlig an dem, was wir Intelligenz nennen. Rechtsanwälte, Aerzte, sogenannte gebildete freie Berufe sind im Verhältnis zu den Juden anderer Länder außerordentlich spärlich vertreten. Das ist selbst in Saloniki und Konstantinopel dei Fall, ebenso in den beiden anderen großen jüdischen Gemeinden Adrianopel und Monastir. Und weiter fehlt es an Handwerkern jeder Art, dagegen sind die ungelernten Arbeiter in den Großstädten, besonders in Saloniki recht zahlreich. Trotz der Dürftigkeit und der Not, in der das Gros der Juden lebt, haben die Juden des Balkans doch selten an die Mildtätigkeit ihrer europäischen Brüder appelliert. In ihrer engen Bedürfnislosigkeit leben sie von der Hand in den Mund und bescheiden sich dabei. Nur bei großen Unglücksfällen, wie nach dem russisch-türkischen Krieg 1878, nach dem Erdbeben im vorigen Jahre, nach großen Bränden, ist die jüdische Wohltätigkeit Europas um Hilfe ange-* gangen worden. Die Juden sind durchweg Kaufleute, Händler, die Aermeren Straßenhändler, Altkleiderhändler, Besitzer kleiner Kramläden; das Handwerk ist sehr wenig unter den Juden vertreten. Die reicheren Juden waren in türkischen Zeiten Militärlieferanten, lieferten für die türkischen Beamten, die ärmeren handelten mit den Soldaten und mit den Bauern, hausierten auf den Dörfern und zogen auf die Märkte oder verkauften in den Straßen Kleinigkeiten, wovon sie das wenige, das sie zum Leben brauchten, sich verschafften. Werden diese Juden nun unter den neuen Verhältnissen als bulgarische, serbische und griechische Staatsbürger ihr Leben in dieser Weise weiterfristen können? Die Verhältnisse werden so von Grund aus umgestaltet werden, daß die Juden sich in ihrer Tätigkeit völlig neu werden orientieren müssen. Wenn auch, insbesondere nach dem, was den Delegierten in den Audienzen vom Zaren Ferdinand und König Georg und von den verschiedenen Ministern gesagt worden ist, nicht zu befürchten ist, daß die Juden unter den neuen Regierungen in ihrer Gleichberechtigung irgendwie angetastet werden, so werden sie sich doch, seitens der Serben, Bulgaren und Griechen einer Konkurrenz ausgesetzt sehen, die sie bisher nicht kannten. Nicht nur die politischen Verhältnisse, auch die kommerziellen und wirtschaftlichen werden sich völlig ändern. Der jüdische Kaufmann und Händler wird sich neuen Bedürfnissen, einem ganz neuen Konsumentenkreis gegenübersehen. Die türkische Verwaltung, der Beamte und das türkische Militär sind verschwunden. Die Türken und Albanier sind zum Teil ausgerottet, zum Teil wandern sie aus, und Abertausende von jüdischen Geldern, die ausstehen und nicht mehr einziehbar sind, gehen dadurch allein verloren. Aber auch die Möglichkeit neuer Geschäfte für die Zukunft in bisheriger Weise ist hierdurch ausgeschlossen. Ganze Berufe, unter denen die Juden sehr zahlreich waren, werden fortan aufhören. Es sei des Beispiels wegen nur ein Beruf herausgegriffen: Zahl-

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