Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 13 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 101 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 „Neue National-Zeitung" „Ich danke Ihnen herzlichst für die .warmen, überzeugenden Worte. Sie haben recht, wir allesamt sind Kinder eines himmlischen Vaters. Ja, wir alle sind es, wir werden es immer bleiben in gemeinsamer Betätigung für Menschen- und Friedensliebe. Israel ist schon in alten Zeitenein großes Volk gewesen. Israel hat die größten Propheten, die herrlichen Psalmen, das berühmte Buch H i o b der Menschheit geschenkt. Israel ist ein großes Volk durch seine Teilnahme an allem Schönen und Guten." Der greise Oberhirt setzte dann in einem klassischen Hebräisch fort. Auch beim Bankett dankte der Bischof dem Rabbiner für den gesprochenen Toast in einem vollendeten Hebräisch. Gegen Abend stattete der Bischof dem Rabbiner Dr. M. M a r ge 1 einen längeren Besuch ab. Es gibt noch Bischöfe, die anders denken als ihre Amtsb rüder — anderswo. Die Restaurierung der alten Krakauer Synagoge. Die historische Krakauer Synagoge wird seit mehreren Jahren einer gründlichen Restaurierung unterzogen. Zu diesen kostspieligen Arbeiten haben bisher sowohl der galizische Landtag, als auch die Krakauer Sparkasse und die Krakauer Kultusgemeinde Subventionen bewilligt. Da jedoch diese Geldmittel nidht ausreichten, um die begonnene Restaurierungsarbeit zu Ende zu führen, geriet diese vor anderthalb Jahren in Stockung. Die österreichische Regierung hat sich über Ansuchen des Krakauer Restaurierungskommitees zur Leistung einer entsprechend hohen Subvention unter der Bedingung bereit erklärt, daß der Arbeitsplan, auf Grund dessen die Restaurierung bisher vorgenommen wurde, im Sinne der Forderungen der Zentralkommission zur Erhaltung historischer Denkmäler in Wien abgeändert werde. Nach langwierigen Verhandlungen ist nun eine Einigung zustande gekommen, so daß die österreichische Regierung sich nunmehr bestimmt sah, eine Subvention von 15.000 Kronen zu bewilligen. Auf solche Weise scheint die Erhaltung dieses berühmten jüdischen historischen Baudenkmales gesichert. Der Antisemitismus in England. Der Herausgeber der Zeitschriften „The W i t n e ß" und „N e w W i t n e ß", Cecil Chesterton, der bemüht ist, den kontinentalen Antisemitismus nach England zu verpflanzen und unter anderem eine heftige Kampagne gegen die beiden jüdischen Mitglieder des englischen Kabinetts eröffnet hat, ist von Godfrey Isaacs, dem Bruder des Justizministers und Direktor der Marconi-Gesellschaft, wegen Verleumdung verklagt worden. Die Klage gelangte am 7. Juni zur Verhandlung. Chesterton hatte zahlreiche Artikel über den Kontrakt geschrieben, den der Generalpostmeister Herbert Samuel, mit der Marconi- Gesellschaft abgeschlossen hatte ,und in allen diesen Artikeln war Goldfrey Isaacs durch den Schmutz geschleift und der Abschluß des Kontraktes als Korruptionsskandal schlimmster Art hingestellt worden, als ob der Generalpostmeister und andere Minister zusammen mit dem Direktor der Marconi- Gesellschaft bei dieser Gelegenheit unerlaubte Privatspekulationen gemacht hätten. Chesterton wurde wegen Verleumdung unter dem allerschärfsten Tadel des Richters zu 100 Pfund Geldstrafe und Tragung der sehr hohen Gerichtskosten verurteilt. In jüdischen Kreisen erregt diese milde Strafe großes Aufsehen. Anderseits veranstalten Konservative und Sozialisten Protestversammlungen gegen die Verurteilung. Jüdische Arbeiteriürsorge in Paris. Unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten des Zentralkonsistoriums Emile Levy und in Anwesenheit von 60 Notabein wurde nach einem Referate ein Verband für jüdische Arbeiteriürsorge ins Leben gerufen. Der Zweck dieses Verbandes ist die Hintanhaltung der Wohnungsüberfüllung der jüdischen Arbeiter und zu diesem Behuf« die Errichtung jüdischer Arbeiterhäuser, welche den Gesetzen der Hygiene nach jeder Richtung hin entsprechen. Ferner die Erziehung der jüdischen Arbeiterkinder in französischem Geiste, die Anleitung der jüdischen Arbeiter im Sparsinn, die Einführung des Mutter- und Säuglingsschutzes auf kooperativer Basis unter den jüdischen Arbeitern und dergleichen mehr. Woher stammt der Name „Ghetto"? — Wir lesen darüber in der „New Yorker Staatszeitung": Der Ausdruck Ghetto als Bezeichnung für ein besonderes, abgeschlossenes Judenviertel ist bekannt, die wenigsten aber wissen, woher er stammt. Die Antwort lautet: „Aus Venedig". Am äußersten Ende des alten Venedigs, in der Nähe der Kirche St. Geremia, befand sich ein ausgedehntes Terrain, welches so genannt wurde. Dort waren nämlich im vierzehnten Jahrhundert zahlreiche Eisengießereien gewesen, die zwar nicht lange bestanden, aber doch dem Stadtteil ihren Namen gaben, denn Getto, woraus später Ghetto wurde, heißt „Guß". In einem Dokumente von 1458 wird dies, lateinisch natürlich, ausdrücklich gesagt: „Er wurde Getto genannt, weil sich dort mehr als zwölf Oefen befanden, in denen Erz geschmolzen wurde." Die Juden in Venedig, die Universita ebraica, hatten nun bald mit den übrigen Bürgern, bald gesondert gewohnt, je nachdem ihnen Gesetz und Zeit günstig waren; schließlich waren sie ganz ausgewiesen worden. Im Jahre 1516 nahm man sie zwar wieder auf, wies ihnen aber gesonderte Wohnstätten an, und zwar auf dem öden Terrain, das Ghetto genannt wurde. Von hier aus verbreitete sich der Name in alle die Städte, wo man die Juden in besondere Stadtviertel pferchte, bis man die historische Bedeutung des Namens vergaß. Literatur. Eine hebräische Encyklopädie. Unter Redaktion des bekannten Orientalisten J. Mark o n - St. Petersburg beginnt demnächst, wie wir bereits kurz berichtet haben, eine großangelegte Encyklopädie des Judentums in hebräischer Sprache zu erscheinen (Encyklopädie Ibrit „Ozar Hajahdut"), welche die gesamte jüdische Wissenschaft, Bibelkunde, Talmud, jüdische Geschichte und Literatur, jüdisches Volksleben und Kulturgeschichte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart umfassen soll und sicher eine empfindliche Lücke in der wissenschaftlichen hebräischen Literatur ausfüllen wird. Die hervorragendsten Gelehrten auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums haben ihre Mitwirkung zugesagt, jeder auf seinem Spezialgebiete. Aus der Fülle der zirka 200 Mitarbeiter seien hier einige genannt, die auch in der Redaktion des großen Werkes als Fachredakteure sich beteiligen: Prof. Blau (Biblische Literatur, Massora), Dozent Dr. Baneth-Berlin (Mischnah), Prof. Bacher-Budapest (Agadah), Prof. Barth-Berlin (Hebr. Philologie), Dr. Posnanky-Warschau (Epoche und Literatur der Karäer), Elkan N. Adler-London (Geschichte der Juden in England). Prof. Goldzieher-Budapest (Die jüd.-arabische Literatur), Dr. A. Freimann-Frankiurt a. M. und Prof. Simonsen-Kopenhagen (Bibliographie), Prof. Hermann Kohen und Dr. Julius Guttmann-Breslau (Ethik). Besonderes Gewicht wird gelegt auf die Geschichte und Geographie Palästinas (Prof. Kraus-Wien) und die neue hebräische Literatur (N. Sokolow und der Dichter Said Tschernichansky). Auch namhafte nichtjüdische Orientalisten werden sich an der Enzyklopädie beteiligen, darunter: Prof. Nöldeke-Straß-