Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 13 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 ihre Position bedachten Herren, hat keiner für die jüdische Bevölkerung etwas geleistet. Das hat am besten die „Hilfsaktion" bewiesen, die zum Zwecke des Wählerfanges von den „Hausjuden" inauguriert, dann schmählich im Stiche gelassen wurde. Fürwahr, es klingt ungemein komisch, wenn sich jetzt während der Wahlperiode einzelne dieser Herren, wie z. B. der jüdische Abgeordnete von Krakau, gar so furchtbar radikal gebärden und die Wahl unerschrockener Juden verlangen. Es scheint, daß die Gimpel noch immer, auf diesen Leim gehen. Allein, im großen und ganzen verhält sich die jüdische Bevölkerung anläßlich der Landtags wählen ganz apathisch. Sie erwartet vom neuen Landtag und von den jüdischen Landtagsabgeordneten, die ja nur die Alten sein werden, rein gar nichts. Die zionistische Partei hat bereits Wahlenthaltung beschlossen. ris werden die alten 5 Moschkos wiederkommen. Möglicherweise dürfte Dr. Löwenstein in Lemberg durchfallen, worauf er auf Kosten des Doktor K o 1 i s c h e r das Mandat der Lemberger Handelskammer, deren Präsident sein Schwiegervater ist, bekommen wird. Dagegen dürfte in Brody an Stelle des Allpolen Sala — es ist ja sehr charakteristisch, daß die Judenstadt Brody seit Jahrzehnten in den Landtag einen Christen wählen muß — der Präsident der Lemberger Advokatenkammer, Doktor Tobias Aszkenase, gewählt werden. Die Ausschaltung des Dr. Kolischer wird gewiß niemand bedauern; Dr. Aszkenase könnte durch seine besondere rhetorische Begabung und seinen politischen Mut den Juden viel nützen, wenn er endlich weniger demokratischer Parteimann und mehr Jude werden wollte. Dr. Aszkenase ist kein Streber. Das hat er bewiesen, indem er den Allpolen das eine Mal die Vizebürgermeisterwürde von Lemberg und das andere Mal das Gemeinderatsmandat hinwarf. Aber er steht noch im Banne rein demokratischer Phrasen ä la Kronawetter, mit denen man den Juden unter den heutigen Verhältnissen nicht helfen kann. Wenn sich Dr. Aszkenase im Landtag zum Dolmetsch der jüdischen Wünsche und Beschwerden machen würde, dann kann er sich leicht die Führerschaft der galizischen Judenschaft erobern. Sie hat es satt, von Komödianten und Strebern ausgebeutet zu werden- L. * Mit der Stellung der geplanten Wahlreform zur Judenfrage in Galizien beschäftigt sich auch ein jüngst erschienener Artikel der „O e s t e r r e i c h i s c h e n Rundschau" vom Rais. Rat P e n i z e k, dem bekannten tschechischen Publizisten. Der betreifende Passus lautet: „In Qalizien wohnen 850.000 Juden. Im Osten des Landes 650.000. Sie machen dort etwa 30 Prozent der gesamten polnischen Bevölkerung aus, haben bei der Volkszählung im Jahre 1910 die polnische Sprache als ihre Umgangssprache eingetragen (Zumeist sind sie hiezu durch drakonische Strafen des Statthalters gezwungen worden. Anmerkung, der Red.) und solchermaßen sehr wesentlich zur Vermehrung des polnischen Besitzstandes und wenn auch noch nicht zur Amalgamierung der Juden mit den Polen, so doch zu deren gegenseitigen Annäherung und Assimilierung 'beigetragen. In der polnisch-galizischen Reichsratsdelegation, die 106 Abgeordnete zählt, und deren Mission in der Vertretung der Landes- und Volksinteressen nach außen besteht, befinden sich gegenwärtig, zehn Juden. Im letzten galizischen Landtag mit 160 Mandaten, wo bloß heimische Angelegenheiten zu erledigen sind, . saßen ihrer fünf. Auf Grund der geplanten Wahlreform soll ein Landtag mit 226 Mitgliedern zustande kommen. Ein Teil des Plus würde natürlich der Städtekurie zufallen. Da tauchte der Plan auf, sechs Städte mit je einem zweiten Mandat zu beteilen: in Westgalizien Tarnow, im Zentrum des Landes Przemysl, im Osten Stanislau, Kolomea, Drohobycz und Tarnopol. In den Städten des Ostens sind die Juden die Träger und Pioniere des Polentums. Deshalb wollte man die Dinge so einrichten, daß in den zweimandatigen Städten ein Christ und ein Jude als Kompromißkandidaten von sämtlichen Bürgern zu wählen wären. Man wollte für diese mit zwei Mandaten ausgestatteten Stadtbezirke einen polnisch-christlich-jüdischen Zweibund gründen, sozusagen ein freiwilliges Einvernehmen zwischen den katholischen Polen und den jüdischen Polen erzwingen. Da fuhren die A11 - polen dazwischen. Sie beantragten anstatt der eben geschilderten „dualistischen Einheit" eine Vertretung der Minoritäten in jenen Städten. Diese würde die polnisch-jüdische Allianz dort zerstören." Diese Darstellung, die auf streng polnischnational-assimilatorisdhem Standpunkte fußt, ist, wie der Verfasser selbst erklärt, auf die Informationen des Abgeordneten Dr. von Löweiir stein zurückzuführen. Wir können Herrn Penizek hiefür dankbar sein. Es läßt uns in das politische Schachergetriebe des Löweustein blicken und zeigt uns, wie dieser korrupteste M o s z k o. den es je gegeben hat, den jüdischen Majoritäten in den galizischen Städten die Hälfte der Mandate eskamotieren wollte, um nur sich und seinen Korruptionsgenossen Mandate zu retten. Herr von Löwenstein gibt selbst zu, daß „m a n" den polnischchristlich-jüdischen Zweibund „erzwingen" wollte. Dann wollten ihn eben beide Teile nicht. Wer hat dem Löwenstein das Recht gegeben, der Million Juden einen mit Mandatsverlusten verbundenen Bund aufzudrängen? Allerdings, ein Löwenstein, der Handlanger der polnischen Gewaltsassimilation, fragt nicht darnach! L. „Ein merkwürdiges Urteil". Unter dieser Aufschrift brachte das „Deutsche Volksblatt" vorigen Donnerstag den Bericht über die Verhandlung, deren Gegenstand die von Doktor Wilhelm N e u m a n n vertretene Ehrenbeleidigungsklage des Dr. v. Hoffmannsthal gegen den antisemitischen Juristen Riedl bildete, und die mit der Verurteilung des Beschuldigten zu zwei Monaten Arrest endete. Es war unsagbar komisch, wie sich das „Deutsche Volksblatt" bei dieser Gelegenheit gebärdete. Von „Judenknechten" e tutti quanti konnte es ja diesmal nicht sprechen, da als Richter eine Urarier fungierte. Also ließ es sich diesmal aus anderen Tonarten vernehmen und verkündete urbi et orbi, daß die gerechte Strafe Riedls sich nur dazu eigne, dem Antisemitismus neue Nahrung zuzuführen. Denn aus diesem Urteil müsse das Volk den Schluß ziehen, daß ein strengerer Maßstab angewandt werde, wenn es sich um den Schutz der Juden handle.....