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Neue Nationalzeitung · 1913-06-06 · Heft 12 (6.6.1913) · p. Seite 95

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 12 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
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rtr. 12 „Neue National-Zeitung1 Seite 95 FEUILLETON. Prof. Dr. M. Grünfeld: Offenbarung. Ein Dialog in 3 Szenen. Personen des Dialogs: Noomi und Ruth. 1. Szene: (Straße, die nach Bethlehem führt. Es will Abend werden. Dunkler Himmel. Im Hintergrunde: Umrisse von B e t h 1 e h e m. Ferner Donner.) Noomi (starren, gen Himmel gewandten Blickes, müde, doch aufrecht): „Hier will ich ruhen". (Sie läßt sich auf einen Stein nieder und senkt das Haupt. Dann versucht sie wieder die Düsternis mit ihrem Auge zu durchdringen). „In der Ferne sehe ich die Stadt winken, die ich einstens verlassen. Damals herrschten Hunger und Elend in Juda. Und ich, der Gatte Elimelech und meine Söhne Machion und Kiljou, wir zogen in die Ferne, nach Moab. Wir entzogen uns den Armen und verhärteten unsere Herzen." (Aufseufzend, aber tränenlosen Auges) „Schaddai, Mächtigster, Gewaltigster, wie hast du uns gestraft! Ja, du rächst der Väter Schuld an Kindern und Kindeskindern. Hast mich zermalmt in deinem Zorne. Verwitwet bin ich und verwaist. Gatte, Söhne begraben im fernen Lande. Nicht sehen sie die Heimat wieder. Ich beweine sie nicht. Besser ist ihr Tod, als mein Leben. Leben? Wozu lebe ich noch? Das Mitleid meiner ehemaligen Stadtgenossen wird mich empfangen. Ich höre sie murmeln: Ist das Noomi? Die einstens stolz von uns weggezogen? Die vor unserem Elende flüchtete? Oh, dieses Mitleid! Es ist erbarmungsloser, als das Schwert des Moabiters. Das schneidet ins Fleisch. Beneidet einst und jetzt bemitleidet. Tief bin ich gesunken. M a r a bin ich, die Verbitterte und nicht mehr Noomi, die Liebliche. Schaddai, schwer ruht deine Hand auf mir. Du erhöhst und erniedrigst, ergreifst den Menschen mit deiner Allgewalt und stürzest ihn in den Abgrund des Verderbens . . . Ich weine nicht, denn selbst der letzte Trost ist in mir versiegt ... die Träne". — (Der Donner kommt näher, ein fahler Blitz leuchtet auf und erhellt für einen Augenblick das tiefe Dunkel.) Ruth (anmutig, jugendliche, hohe Gestalt, sanft auf Noomi herniederblickend, mit unsäglich gütigen Worten): „Mutter, Mutter, muß ich, die Fremde, dir sagen, daß dein Gott, der nun auch der meine ist, sich als Gott der Liebe offenbarte? Ist er nicht gnädig und barmherzig? Breitet er nicht seine Fittiche über die Verlassenen aus? Er tötet und belebt, tröstet, kräftigt und erhebt? Dir folgte ich, dich verlasse ich nicht. Alles, was Menschen lieb und teuer ist im Leben, verließ ich, um deinen Jammer mit dir zu teilen. Das Mitleid sollte unbarmherzig, schadenfreudig sein? Das kann ich nicht fassen, fremd ist mir dieser Gedanke. Auf den düsteren, gewitterschweren Abend wird ein junger, freudiger Morgen folgen, voll Duft und Glanz. Mein Gatte ererzählte mir oft, wie seinem, unserem Volke, sich einstens der Herr geoffenbart. Vom Sinai erzählte er mir, und wie der in Wolken gehüllt war und ein Licht von ihm ausging, das die Welt erhellte. Dieses Licht kann n i e verdunkelt werden. „Ehre Vater und Mutter", sprach der Vater vom Himmel hernieder. Das Wort merkte ich mir. Mutter, du hast eine Tochter. Und, .zu uns Frauen sprach Er zuerst, Frauentugend, Treue genannt, sie erbaut das Haus. Dein altes Haus, Mutter, es stürzte zusammen. Laß uns, Mutter, ein neues aufrichten. Ein neues Licht gehe von ihm aus und erhelle die Welt. In meinem Herzen lebt die Zuversicht und der Trost. — Schlafe nun, müde Mutter, kräftige dich, am Morgen schreiten wir rüstig weiter, gen B e t h 1 e Ii e m. Wie freue ich mich, die Stadt zu sehen, in der mein Gatte geboren ward, und in der uns manches gute Herz entgegenschlägt." (Das Gewitter hat sich verzogen, die Sterne erscheinen schüchtern am Himmelszelte. Es duftet nach reifen Aehren). — Noomi (herb, doch wehmutsvoll): „Ruth, dein Wort ist gütig, aber mich tröstet es nicht. Zu viel Leid erfuhr ich, als daß mich Worte trösten könnten. Wo gibt es einen Schmerz, der dem meinigen gliche? Schlafen soll ich, sagst du. Auch der Schlaf erquickt, mich nicht. Die Träume beunruhigen mich. Aus ihrer Grabesruhe gestört, erschrecken mich die bleichen Antlitze meiner Teueren. Elimelech erscheint mir da, traurig und bleich, und die Augen meiner Söhne blicken hohl auf mich hernieder. Eine Witwe bin ich, eine Verlassene, und eine Mutter, die ihre Söhne verloren. Warum hat Er, der Lenker der Geschicke, nicht auch mein Leben genommen? Wo ist seine Liebe, sein Erbarmen? Er hat sieli einst unserem Volke geoffenbart, aber mit wie viel Elend und Jammer verfolgte Er uns? Schwer zu ringen hatte unser Volk. Die Hand aller war gegen uns gerichtet. Soll wirklich uns ein Helfer erstehen, ein Held, der uns aus dem Staube aufrichtet? Mir fehlt der Glaube. Mir blieb nichts als die Verzweiflung.. Ich kann nicht schlafen . . ." Ruth: „Und ich hoffe. Wie herrlich ist doch dieses Land, wie duften seine Felder. Reif zur Ernte stehen die Aehren, auch wir, du und ich, die wir mit Tränen säeten, mit Jubel werden wir ernten. Ich hoffe . . ." (Noomi ist in einen tiefen Schlaf versunken, Ruth blickt lächelnd auf die Schlafende hernieder. Im Osten erhellt sich der Himmel, der Morgen leuchtet unbeschreiblich schön empor. Noomi ist erwacht.) Ruth (heiter): „Mutter, du schliefst süß. Nun auf, schreiten wir rüstig gen Bethlehem!" 2. Szene. (Armseliges Häuschen in Bethlehem. Später Nachmittag. Heiß brütet die Sonnenglut.) Noomi (in sich versunken): „Da ist sie aufs Feld gegangen, um Aehren aufzulesen." (Grell auflachend): „Das wurde der Lieben, Treuen nicht an der Wiege vorgesungen. Eine Königstochter, königlichen Geschlechtes, die auf dem Felde den Schnittern nachgeht, um das Brot zu erbetteln für sich und mich. Noomi, du des Reichen Weib einstens, vom Hunger geplagt, wartest auf das klägliche Almosen, das sie ihr hinwerfen werden, die Wohltätigen. So nennt man sie ja, die mit den guten Herzen. Die „guten Herzen", sie sollen jetzt auf mein Haupt glühende Kohlen sammeln. Gutes mir tun dafür, daß ich sie einstens verließ. Das nennt man Mitleid. Und doch,

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