Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 12 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 96 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 96 „Neue_Na tional-Zeit u ng'|_ Nr. 12 der Hunger tut weh und ist der Schrecken der Armen. Wie leid tut es mir um dich, Tochter Ruth, die mir geblieben von allen Schätzen, die ich besessen. Dir muß Ruhe und Frieden werden. Du darfst in dem Elende, in dem ich versunken lebe, nicht bleiben. Wie hat er sich einst geoffenbart, der Schaddai? Hat er sich nicht Adonai den Vätern genannt, der rächt, aber auch bewahrt die Güte bis ins tausendste Geschlecht? I c h habe seine Rache verspürt, aber für Ruth, die Gütige, soll er seine Güte aufbewahren, wenn er der Gute heißt. Du sollst nicht mehr hinter den Schnittern einhergehen, das verspreche ich dir. So wahr sich der Herr einstens offenbarte . . ." Ruth (tritt ein. Ihr Antlitz strahlt vor Freude):_ „Sieh, Mutter, wie viel ich gesammelt habe an Getreide. Ein Ephah ist's . Du sollst nun nicht mehr hungern. Es gibt auch gute Menschen." Nootni (aufblickend): „Tochter, auf wessen Felde warst du?" Ruth (freudig): „Boas heißt der Mann. Der ist gut und wacker. Wie liebevoll sprach er mich an? Wie klangen seine Worte so süß, als er mich begrüßte und von dem Gott sprach, unter dessen schützende Fittiche ich mich begeben, ich, die Fremde, aus dem Lande Moab. Der Gott von dem er sprach, ist wahrlich der Strafende, der Rächende, der Ahndende nicht. Der Gott ist der der Liebe. Die Liebe offenbarte sich auf dem Sinai, und diese Liebe wird nun auch dir Mütter und mir zuteil. Trauere nicht mehr, Mutter. Eine neue, bessere Zeit bricht auch für uns an. Soll der Mensch immer nur im Gedenken an die düstere Vergangenheit leben, und niemals sich des zukünftigen Morgens freuen? Er bricht auch für uns an, hell und glänzend. Boas ist ein guter Mensch und er wird nun mit dem Strahle seiner Liebe auch unsere niedrige Hütte beleuchten." Nootni (wie aus tiefem Schlafe erwachend): „B o a s, ja so hieß er, der Verwandte meines Gatten. Herr, entziehst du wirklich deine Güte nicht den Lebenden und den Toten? Boas, daß ich seiner so ganz vergessen und mein Herz ihm verschließen konnte! Wie selbstsüchtig macht doch der Stolz den Menschen. Den Stolz der Armut wollt' ich bewahren. Habe ich n u r für m i c h zu sorgen? Nicht auch für dieses unschuldige Geschöpf, das mein Elend teilte? Wahrlich, Ruth ist besser als ich und gerechter als ich. Ruth, dir soll Ruhe und Freude erblühen. Ich bin alt geworden, mir gehört das Gedenken an die Vergangenheit. Du aber sollst eine herrliche Zukunft schauen. Ruth und Boas, ihr gehört zueinander. Aus eurem Bunde soll Judas' Zukunft erblühen." (Schwärmend, visionär.) „Ich sehe ihn, doch nicht jetzt, ich schaue ihn, doch nicht nahe; es tritt hervor ein Stern aus Jaakob und ersteht .ein Stab aus Israel und durchbohrt die Seiten Moabs . . . und Edom wird Eroberung . .. Und Israel tut Mächtiges .. . Und es herrscht der aus Jaakob . . . ." Ruth (verwundert): „Mutter, Mutter Noomi, was sprichst du? Redest du von Boas? Ja, er ist ein herrlicher Mann, der herrlichste von allen." — (Sie errötet verschämt.) Noomi (mächtig sich erhebend): „Und er soll dein Herr werden, dein Gatte, und der Segen des Herrn komme auf Machions, meines Sohnes, Haus. Wie Rachel und Leah, die beide erbauet haben Israels Haus, so sollst auch du werden, meine Tochter, meine Tochter, eine Erbauerin des Hauses Israel, schaffe Macht in Ephratah und habe einen Namen in Bethlehem." (Stolz aufgerichtet steht Noomi da, bewundernd blickt Ruth zu ihr empor. Liebliche Abendröte erleuchtet Noomis armselige Hütte. Die beiden Frauen umarmen sich und Noomi küßt Ruth herzlich. Und Noomi weint.) 3. Szene. (Boas stattliches Haus. Die Sonne erstrahlt im Mittag.) Noomi (zärtlich das Söhnchen Ruths herzend): „Meine Seelenerquickung, Kind meiner Ruth, die für mich besser gewesen als sieben Söhne. Gepriesen sei der Herr, der sich seinem Volke einst geoffenbart und der mir seine Liebe und Treue nicht versagt hat. Ist es nicht, als wäre mir selbst ein Sohn geboren worden? Obed heißt er, aber aus ihm soll das Heil Israels und Judas erblühen. Die Stimme des Herrn hörte ich, die mir von Königen und Propheten und Dichtern kündete, die aus seiner Nachkommenschaft hervorgehen werden. Wie er sich einst offenbarte, soll's geschehen; üben wird er seine Güte bis ins tausendste Geschlecht." Ruth: „Mutter, schwärmst du'wieder? Siehst in die Zukunft, wie die Prophetinnen in unserem Volke, wie Mirjam und Deborah? Ich freue mich der Gegenwart. Boas, mein Gatte, ist gütig und voll Liebe. Und wie freut er sich seines Söhnchens. Nun denk' ich nicht mehr an die Vergangenheit, da meine Zuversicht sich so ganz erfüllte. Wie viel Glück und Freude und Wonne birgt nicht dieses Leben. Der helle Sommersonnenglänz, der uns umgibt, sei uns ein Sinnbild des Glückes. Er offenbart uns, daß wir auch in der tiefsten Finsternis uns nie der Verzweiflung preisgeben sollen. Obed ist der Vater Isais, Knechtschaft jetzt, und aus ihr wird geboren das Heil, wie das Licht hervorgeht aus der Finsternis." Noomi (milde): „Meine Tochter, du sprichst nun selbst, wie eine Prophetin. Siehe die Schicksale des Volkes, dem du jetzt auch angehörst, sind ähnlich der unserer Familie. Wir wanderten in die Fremde, aber mächtig zog es uns wieder zurück in die Heimat, zu unserem Volke. Nur hier sind die Wurzeln unserer Stärke und Kraft zu suchen. Schwere Fehler mag dieses Volk begangen haben. Der schwerste aber ist der, daß es sich immer wieder hinneigte den Fremden. Einem Baume gleichen wir, der auf fremden Boden verdorrt, auf den heimatlichen Boden versetzt, wieder frisch ergrünt, blüht und herrliche Früchte trägt. Warum muß es uns um die Zukunft unseres Volkes nicht bange sein. Wenn es sich nur selbst wieder findet. Es wird viele Leiden, viel Knechtung zu erdulden haben, dieses Volk. Zum Leiden scheint es geboren zu sein. Aber das Leid wird es kräftigen und stählen. Ruth heißt du, Ruth aber bedeutet Brüderlichkeit, Menschlichkeit, Liebe. Vermählt sich diese mit Boas, mit frischer Kraft und unbeugsamer Stärke, dann wird ihm kein Leid etwas antun können. Und unsere eigentliche Kraft liegt in der Lehre, die am Sinai uns zuteil wurde, in der Offenbarung." (Noomi blickt mit unendlicher Liebe auf Ruth, die sich über ihr Söhnchen neigt, das aus ihrer Brust Nahrung empfängt. Die Mittagssonne Bethlehems bestrahlt das schöne Familienbild, Israels Offenbarung.)