Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 12 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425884-2425897--2689-2429163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 12 Seite 91 haus, der damaligen Stadtmauer entlang, in die heutige Hummel- und Huterer?asse. welche die Judeugasse bildeten. Abgesehen von kleineren Plackereien müssen sich die Juden damals in Preßburg so ziemlich wohl gefühlt haben .Im Jahre 1291 erließ König Andreas der III. einen großen Freiheitsbrief, in dem er die Preßburger Juden besonders berücksichtigt und sie den christlichen Bürgern der Stadt Preßburg gleichstellt. Im XIV. Jahrhundert hatte Preßburg bereits eine starke Judengemeinde, die auf zirka 800 Personen geschätzt werden darf. Sie bildete eine politisch gesonderte Gemeinde, über die ein Judenrichter zu verwalten hatte. Wie bereits erwähnt, lebten die Juden in Preßburg so ziemlich friedlich, bis zum Jahre 1360, in welchem Jahre Ludwig I. die Juden aus Ungarn vertrieb. Da mußten auch diePreßburger JudenPreßburg verlassen und ließen sich in Hainburg nieder. Im Jahre 1368 durften sie aber wieder nach Preßburg zurückkehren, wo sie ihre alten Häuser wieder in Besitz nahmen. Sonst hatten die Juden noch im Jahre 1503 und im Jahre 1523 kleinere Verfolgungen auszustehen und hatten sonst Ruhe bis zur unglücklichen Schlacht von Mohäcs im Jahre 1526, in welchem Jahre die Witwe Ludwigs II., Maria, auf Bitten der Bürger der Stadt Preßburg sämtliche Juden aus Preßburg vertreiben ließ. Sie bewilligte ihnen jedoch, daß sie ihre Häuser verkaufen und auch ihr übriges Vermögen mitnehmen können. Hie vertriebenen Preßburger ließen sich in der Umgebung von Preßbiirg in Magyarovär, Bazin, Szeutgyörgy nieder. Hie Wiederansiedlung der Juden in Preßburg wird mit dem Jahre 1599 angegeben, nichtsdestoweniger dürften sich aber schon früher einzelne Juden daselbst niedergelassen haben. Bas Wohnen der Juden in der inneren Stadt wurde jedoch nicht mehr gestattet, sie ließen sich daher außer der Stadtmauer, auf den Pälffyschen Gründen — die der damalige Graf Pälffy den Juden überließ — nieder. Biese Gründe lagen am Fuße des Schlosses, welche eigenartige Lage einen besonderen Einfluß ar-f die Bauart dieses Stadtteiles hatte. Bie meisten Häuser stehen an Felsen angelehnt und sind zumeist am Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut worden, die an der Stadtscite grenzenden Häuser sind bedeutend jünger und zumeist im vorigen Jahrhundert erbaut. An beiden Ausgangsseiten des Ghettos — an der einen Seite beim Wödritzer Tor, wo früher das Sonnenwirt'-haus stand, an der andern Seite beim Kreutzwirtshaus, wo das Banovitzsehe Haus stand, welches erst vor einigen Jahren abgetragen wurde, wurden zwei eiserne Gittertore angebracht, die des Nachts gesperrt waren. Neben diesen Gittertoren stand ein Wachthaus, wo der jüdische Wächter wohnte; wollte man bei der Nacht das Tor passieren, so mußte man den Wächter wecken, der es öffnete. Neben diesen organisierten Wächtern hatte das Ghetto auch eine eigene jüdische Feuerwehr, die so manche gute Dienste leistete. Die sanitären und hygienischen Verhältnisse ließen aber viel zu wünschen übrig. Die Häuser, eines am andern dicht gedrängt, waren alle stark bewohnt und trotzdem die Bewohnerschaft des Ghettos immer mehr und mehr zunahm — so zählte man im Jahre 1735 1996, im Jahre 1750 2350 und im Jahre 1848 bereits zirka 5000 Juden — Hatte kein einziges Haus einen eigenen Braken. Die ganze jüdische Bevölkerung war auf die zwei (itineiudebrunnen, von Jenen einer in der Mitte der Judeugasse, der andere auf dem Schloßberge war, angewiesen. Anfangs des 17. Jahrhunderts mußte die Gemeinde noch sehr arm gewesen sein und dürfte es bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gedauert haben, bis sich die Preßburger Judenschaft zu einer ansehbaren Gemeinde emporarbeitete. Ben ersten Rabbiner nach der Wiederansiedlung der Juden in Preßburg finden wir erst nach der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erwähnt, und zwar war es ein Schüler des Hohen Rabbi Low in Prag, der Name des Rabbiners ist jedoch nicht genannt. Ihm dürfte sodann Rabbi Jcrntow Lippmann gefolgt sein, der daselbst 20 Jahre, von 1695—1715, wirkte. Derselbe war unter den ausgewiesenen Juden aus Wien nach Preßburg gekommen, wo man ihn zum Rabbiner wählte. Derselbe war auch Rabbiner über die benachbarten Orte. Nach dessen Tode wurde sodann Rabbi Wolf Pollak, oder Wolf Jakerls, wie man ihn allgemein nannte. Rabbiner zu Preßburg. Mit dem Beginne des 18. Jahrhunderts breitet die Preßburger Gemeinde ihre Fittiche aus und erhebt sich bald zu einer der berühmtesten Stätten des damaligen Judentums. Nach den Rabbinern Wolf Jakerls und dem Wanderprediger Rabbi Moses Mochiach, war die Gemeinde unter dem Rabbiner Rabbi Moses Lewuw mit dem Beinamen: Charit (Scharfsinnige), dem der berühmte Vorsteher Abraham Mandl-Theben zur Seite stand, ein hochgeachtetes Gemeinwesen, berühmt durch seine Jeschiba und den mächtigen Schutz des Vorstehers, der beim Wiener Hofe im hohen Ansehen stand. Bie Gemeinde ist die Zentrale für alle ungarischen Gemeinden und auch galizische Gemeinden lassen ihre Bitten durch den Picßburgcr Vorsteher durchführen. Nach Moses Charit gelangen die Rabbiner Akiba Fger (der Aelterc) der bles 11 Tage als Rabbiner lebte und Rabbi Isak-Bukla auf den Rabbinatsstuhl. In dieser Zeit reißt der gräßliche Zwist Fibeuschütz-Fmdeu auch die Preßburger Gemeinde in seinen Wirbel. Der Schwiegersohn des Vorstehers, der Sohn Jouatan Kibenschütz, wird am 7. Tage Pa^-sah vom Rabbinat ins Gefängnis geworfen und das Haus Theben wird durch Intriguen verdrängt. Unter dem Rabbiner Meir Barbi wird der Sohn Abrahams Koppel Theben- Mandl als Vorsteher gewählt. Fr repräsentiert den Gipfel des politischen Ansehens der Preßburger Gemeinde, denn er ist bei den Kaisern Josef, Leopold und Franz sehr gut gelitten. Fr ist der alleinige Verkäufer der kaiserlichen Tuchfabrik in Linz und steht mit allen adeligen Häusern in Verbindung. Von seinen edlen Taten haben Volkslieder in Ungarn und Galizien erzählt. Die stets wachsende Jeschiba erlangt unter Rabbi Meschuliam TyMninietz-lgra, dem Talmud-Phänomen seiner Zeit, die Höhe der Prager Jeschiba. Nach dem Tode Koppel-Thebens sinkt das politische Ansehen der Gemeinde, zumal Preßburgs überhaupt, wozu sich auch der Umstand gesellt, daß die Stadt die Landesführung an Ofen abgeben muß. Aber wenn es nun aufhört, das Jerusalem Ungarns zu sein, so beginnt es als Jahne emporzusteigen. Nach dem Tode Tysminietz wird 1807 Rabbi Moses Sofer (Schreiber) aus Mattersdorf, gebürtig aus Frankfurt, Inhaber des Rabbinatsstuhles. In den ersten Jahren führt derselbe einen harten Kampf gegen seine Widersacher, welche den Geist der Neuzeit