Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 11 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 87 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425884-2425896--2684-2429157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NjLjj__________ ___________________^..jfei^g^ai^ite^LT_____________ _________ 5eite§7 FEUILLETON. Professor Dr. M. Grünfeld: „Professor Bernhardi." Ein Feuilletonist des angesehensten Wiener Blattes machte vor kurzem aus Anlaß der Besprechung des Stückes von N a t h a n s e n, „Hinter Mauern", die Bemerkung: „Es gibt Stücke und Judenstücke/' Die letzteren sind für ihn solche, in welchen Juden eine Rolle spielen. Von „Nathan, dem Weisen" ging er aus und bis zu Nathansen gelangte er. Wir halten, mit Verlaub, seine Einteilung für keine richtige und stichhältige. Die ewig wiederkehrende Frage, ob ein jüdisches Mädchen einem Nichtjuden die Hand zum Ehebunde reichen soll, auch wenn sich die in anderen Anschauungen aufgewachsenen und lebenden Eltern dagegen sträuben, kann doch wohl ein Theaterstück nicht zu einem Judenstücke stempeln, am allerwenigsten kann der „Nathan" Lessings für ein solches gleichsam zum Vorbilde dienen. Ein Judenstück muß die ganze große Judenfrage auf die Bühne bringen, zeigen, woran wir leiden, alle die Hemmungen und Hindernisse vorführen, die auch im 20. Jahrhundert den Gedanken der Menschengleichheit, der Gerechtigkeit und Freiheit verdunkeln. Zeigen muß es, wie das Vorurteil auf die Entwicklung unseres Volkes einwirkt, und wie verschiedenartig die Gestalten sind, welche diese Einwirkung zur Erscheinung bringt. Betrachten wir von diesem Standpunkte aus die Gegenwart, so erkennen wir in ihr manche Anzeichen, daß für uns die Vergangenheit noch nicht ganz entschwunden ist. Man erhob gegen Juden und Judentum manche Anklagen, die zu Verfolgungen führten. Das Mittelalter sprach von Höhnungen und Lästerungen der Symbole der christlichen Religion. Auch an solchen Anklagen fehlt es heute nicht. Und dazu kommt der Neid, der dem Juden seine gesellschaftliche Stellung verleidet und ihn aus dieser verdrängen möchte. Erst das Aufrollen des Judenproblems in einem Literaturwerke kann uns veranlassen, etwa von einem Judenromane oder von einem Judenstücke zu sprechen. In diesem Sinne ist Nathansens Werk kein Judenstück. Ein Anderer, ein Größerer, der mit weitem Ausblicke alle Erscheinungen, die das moderne Judentum darbietet, ins Auge faßt, der Wiener Arthur Schnitzler, hat das Judenproblem in einem ausgezeichneten, vielgelesenen Romane, den er den „Weg ins Freie" nannte, behandelt. Er hat nun auch die Judenfrage auf die Bühne gebracht in seiner Komödie „Professor Bernhard i",*) die in Berlin und München aufgeführt wurde, während ihr in Wien, ihrem Geburtsorte, der Weg auf die Bretter verboten ist Denn, um mit dem Dichter zu reden, wir leben in einem „christlichen Staate", will sagen in einem katholischen, und in einem solchen ist es dem Dichter verwehrt, über gewisse Dinge, die uns gleichsam auf der Zunge liegen, von der Bühne herab zu sprechen. Denn noch immer beherrschen *) Erschienen im Verlag S. F i s c h e r in Berlin. unsichtbare und höchst sichtbare Mächte unser ganzes soziales und politisches Leben. Und, weh' dem, der an den Schranken rüttelt, die eine längst vergangene Zeit — man nennt sie gern „das finstere Mittelalter" — aufgebaut hat. Damals errichtete man den Juden Scheiterhaufen, „der Jude wurde verbrannt". Jetzt kann er mit der Staatsanwaltschaft in Konflikt geraten, parlamentarische Interpellationen drohen ihm, er hat einen Brand entfacht, den die Antisemiten verschiedener Färbung schüren, und der Rest ist — Gefängnis, Kerker, wenn nicht Vernichtung der ganzen sozialen Stellung. Keine der jetzt sehr gebräuchlichen „Besprechungen" sollen diese Zeilen bieten. Nur eines wollen wir hervorheben: Schnitzlers „Komödie" gibt ein Bild davon, wie viel Heuchelei, Strebertum, Falschheit und Niedertracht wir mit gewissen Anschauungen unserer Zeit verbinden können, die man gewöhnlich mit dem Worte Antisemitismus bezeichnet. Professor Bernhardi ist ein Arzt und ein guter Arzt, von der Art der Heilkünstler, wie sie Nothnagel wünschte, als er sein schönes Wort sprach: „Der gute Arzt soll auch ein guter Mensch sein." Was hat auch der Arzt mit Konfessionalismus und Nationalismus zu tun? Bernhardi liegt nur das Wohl seiner Kranken am Herzen. Da befindet sich nun im „Elisabethinum", einer von ihm geleiteten Krankenanstalt, die durch die Wohltätigkeit von Privaten erhalten wird, ein Mädchen, das infolge einer Fehlgeburt dem Tode verfallen ist. Im letzten Augenblicke tritt bei der Sterbenden „Euphorie" ein, jener rätselhafte Zustand, der den Kranken, wenn schon die Schatten des Todes ihn umfangen, noch Rettung erhoffen läßt. Ein sehr geschäftiger Kandidat der Medizin, der den etwas schwer auszusprechenden Namen Hochroitzpointner führt, und die Krankenschwester Ludmilla schicken urn den Geistlichen, damit er die Sterbende mit den Tröstungen der Religion „versehe". Da dieser kommt, wird er vom Direktor Bernhardi zu der Kranken nicht zugelassen, denn dieser befürchtet, die Aufregungen, die mit der religiösen Zeremonie verbunden sind, könnten den Tod der Sterbenden beschleunigen. Fern liegt es Bernhardi, die Religion, das Sakrament zu verletzen. Was er tut. kommt aus seinem Herzen, entstammt seiner rein menschlichen Erwägung. Aber, er hat etwas vergessen: „daß wir in einem christlichen Staate leben". Würde ihm dies von einem Manne gesagt werden, der davon überzeugt ist, der Professor hätte wirklich die Absicht gehabt, sich einer religiösen Zeremonie gegenüber feindselig zu verhalten, wir würden das Vorgehen Bernhardis verurteilen können. Denn gerade der Jude soll sich hüten, fremde religiöse Gefühle zu verletzen. Und, er hat dies auch immer getan. Aber, der ihm die Worte vcm „christlichen Staate" sagt, — es ist der Professor Dr. Flint, dermalen Unterrichtsminister, hat zu einer Zeit, da er noch schlichter Arzt und Amtsgenosse Bernhardis gewesen, anders gedacht — und geschrieben oder wenigstens schreiben wollen. Ein Artikel sollte es sein über: „Gotteshäuser-Krankenhäuser." Flint ist seitdem aus. einem unklugen Idealisten ein klügerer Politiker geworden.