Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 11 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 88 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 88 ,Neue National-Zeitung^ Nr. 11 der es jetzt ausspricht, er wisse: „daß in den Gotteshäusern manches Leid geheilt wird, dem \vir in den Spitälern, vorläufig machtlos gegenüberstehen''. — Die Menschen ändern sich und ihre Meinungen mit ihnen, besonders wenn die Menschen das Glück haben — Unterrichtsminister zu werden. Viel krasser noch tritt uns die Heuchelei und die ungeschminkte Streberei in dem Dr. Ebenwald entgegen. Der Mann ist Professor für Chirurgie und Vizedirektor des „Elisabethinums." Sollte man es wirklich glauben, daß ein Chirurg, ein Vertreter der Naturwissenschaften, sich für das katholische Dogma, das angeblich verletzt wurde, außerordentlich begeistert? Schwer anzunehmen. Aber was tut man nicht alles für die Karriere, besonders, wenn man an Stelle des Juden, selbst Direktor werden möchte. Da mobilisiert man, als Verwandter eines christlichsozialen Parteiführers den antisemitischen Heerbann, diese mächtigste aller Parteien. Nebenbei sucht man auch sein Geschäft zu betreiben. Der biedere Ebenwald möchte den Professor Bernhard! aus der Gefahr retten, die ihn bedroht, wenn die „Religionsverletzung" an die große Glocke der parlamentarischen Behandlung gehängt würde. Wie aber will er diese Rettung herbeiführen? In seiner Art. Am Elisabethinum wird die Stelle eines Professors für Hautkrankheiten frei. Zwei Bewerber stehen einander gegenüber. Hell, ein Nationaler, — sprich Antisemit aus Graz — der seine praktische Fähigkeit erst zu erweisen hätte, und der Dr. Wenger, der dies schon als Assistent des früheren Professors getan hat. Aber Wenger ist Jude. Und das „Elisabethinum", zu dessen Kuratoren ein Prinz, ein Erzbischof, ein Bankdirektor, Veith heißt der Mann, gehören, ist schon ganz verjudet. Soll Wenger die Zahl der jüdischen Professoren noch vermehren? Bernhardi hat bei der Besetzung der Stelle die entscheidende Stimme anzugeben, zu dirimieren, wie man es im Amts-Jargon nennt. Kein Zwreifel, er wird für Wenger stimmen, nicht weil er Jude, sondern, was für Bernhardi das Entscheidende ist, weil er ihn als den Tüchtigeren unter den Bewerbern erkannt hat. Ebenwald möchte nun den Kollegen veranlassen, daß er für Hell stimme, dadurch könne er sich aus seiner fatalen Situation retten. Die gefürchtete Interpellation im Parlamente würde dann unterbleiben, dafür werde schon Ebenwald sorgen, man hat ja seine Verbindungen und ist nicht umsonst Vetter eines mächtigen klerikalen Parteiführers. Bernhardi geht, wer würde daran zweifeln, auf die Vorschläge des verschlagenen „Kollegen" nicht ein. Die Interpellation erfolgt, großer Lärm. Im Parlamente, in dem doch auch Freisinnige sitzen sollen, erhebt sich keine Stimme für den „Religionsverletzer", — denn wer würde es sich wegen eines Juden mit den Mächtigen verderben? — und Bernhardi wandert ins Gefängnis. Hat zwei Monate Zeit, darüber nachzudenken, was besser sei, das heißt vorteilhafter, im Leben: Der Stimme der edelsten Menschlichkeit zu folgen, oder klug gefährlichen Konflikten auszuweichen. Warum will Bernhardi die Wahrheit der Worte des Professors der Nervenkrankheiten, des Dr. Cyprian, nicht anerkennen: „Ja die Menschen sind ein Gesindel, aber wir müssen damit rechnen." Menschen wie Bernhardi, mit einer ethischen Ueberzeugung und unbeugsamer Charakterstärke, können, v/o sie sich von den edelsten Gefühlen leiten ließen, selbst der „Religionsstörung" überführt werden. Da gibt es nun unter den Aerzten am „Elisabethinum" einige jüdische Kollegen Bernhardis, die schon in ganz anderer Weise der Zeit und den Forderungen der „kompakten Masse" Rechnung zu tragen wissen. Vor allen der famose Dr. Schreimann, Dozent für Halskrankheiten. Sein Großvater hat Samuel geheißen und hat sich immer ausgeschrieben, nicht für Samuel nur ein S. gesetzt. Der Dr. Schreimann heißt schon „Siegfried und schreibt sich auch immer aus." Er bekennt sich als Deutschen und versichert Dr. Ebenwald gegenüber: „Wenn sich einer von meiner Abstammung heutzutage als Deutscher und Christ bekennt, so gehört dazu ein größerer Mut, als wenn er das bleibt, als was er auf die Welt gekommen ist. Als Zionist hätt' ich's leichter gehabt." Ein köstliches Geständnis in der Tat, das an Aufrichtigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Ob es auch der Wirklichkeit entspricht? Das möchten wir schon mehr bezweifeln. — Eine andere, nicht minder häufig vorkommende Sorte: Der Dozent für pathologische Anatomie, Dr. Adler, der, sehr beflissen, dem Pfarrer seine Komplimente macht und überzeugt ist, daß „die letzte Oelung" dem Kranken die Kraft, den Mut zum Leben wiedergeben kann . . . Ergötzliche Figuren sind: der Dr. Goldenthal, Berhardis Verteidiger vor dem Geschwornengerichte, und der Journalist Kulka. Der erstere ist „ein Getaufter. Seine Frau trägt s o ein Kreuz. Seinen Sohn läßt er in Kalksburg erziehen"! Für weniger Eingeweihte sei gesagt, daß Kalksburg bei Wien eine in gewissen feudal-klerikalen Kreisen besonders bevorzugte Jesuitenanstalt besitzt, deren Vorzüge der Getaufte nicht genug zu rühmen weiß. „Kalksburg", meint er, „ist eine der vorzüglichsten Schulen, die Oesterreich besitzt. Und ich konstatiere bei dieser Gelegenheit gern, daß auch unter den von mancher Seite so sehr verlästerten Klerikalen Männer von geistiger Bedeutung zu finden sind." Im Gegensatze zu diesem moluskenhaften Menschen steht der treue, unerschütterliche Dr. Löwenstein, der fest und tapfer zu seinem Direktor hält. Im ganzen: ein Stück, das nicht nur das gesamte Judenproblem, sondern auch gar manche andere, uns heute viel beschäftigende Frage vor Augen führt, z. B. die, wie man mit wenig Talent, aber mit viel Schmiegsamkeit und durch die alle Schwierigkeiten überwindende Protektion es zum Hofrate, zum Minister gar bringen kann. Sehr belehrend darüber klingt der letzte Dialog zwischen Bernhardi und dem Hofrate im Unterrichtsministerium, Doktor Winkler. Zwei Anschauungen stehen da einander gegenüber: die eine, welche erklärt, daß man nur das tun soll, was man für das Richtige hält — dies die Meinung Bernhardis; und die des Hofrates, der Menschen wie Bernhardi für ein „Vieh" erklärt. Der Ausdruck mag nicht sehr ästhetisch klingen, drückt aber die Wirklichkeit menschlich, nur allzu menschlich aus ... Es* ist österreichisches, speziell Wiener Milieu, in dem die Komödie Schnitzlers spielt. Und indem er die Judenfrage, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, uns vor Augen führt, hat er uns die Wiener Gesellschaft eigentlich gezeigt. Freilich, es ist kein schönes Bild, das er vor unserem Auge entrollt, aber wahr; nicht erfreulich, aber der Wirklichkeit entsprechend.