Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-05-23 · Heft 11 (23.5.1913) · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 11 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425896--2680-2429149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mr. 11 ,Neue National-Zeitimg" wäre auch eine entsprechende Anzahl von Pedellen anzustellen. Nach dem jetzigen Stande ist es direkt unmöglich, daß durch die wenigen autoritätslosen Diener auch nur im entferntesten bei Unruhen die Ordnung aufrecht erhalten werden könnte. M. H. KORRESPONbENZEN. Oesterreich-Ungarn. Holrat Josef Kareis. Wien. Der gewesene Reichsratsabgeordnete des Bezirkes Leopoldstadt, Hoirat Josef Kareis, ist im 77. Lebensjahre nach längerem Leiden verschieden. Die Wiener liberale Tagespresse widmet dem Verstorbenen längere Artikel, in welchen seine seltene Karriere, die er unter schwierigen Verhältnissen von einem kleinen Telegraphenbeamten als Selfmademan bis zum Hofrat und dem hervorragendsten Theoretiker auf dem Gebiete des Elektrizitätswesens in Oesterreich gemacht hat, ausführlich gewürdigt wird. Im Vorübergehen wird auch erwähnt, daß er kurze Zeit den Bezirk Leopoldstadt im Gemeinderat und im Reichsrat (1.897—1901) vertreten hat. Ich möchte dieses Bild mit einigen Strichen ergänzen. Kareis war ein Charakter, als Jude und als Politiker. Unter schwierigen Verhältnissen ist er auf <ier Beamtenleiter emporgeklommen, wobei er sein Judentum nicht nur nicht verleugnet, sondern im Gegenteil ostentativ betont hat. Als daher im Jahre 1897 nach dem Rücktritte Prof. Sueß vom öffentlichen Leben die jüdische Bürgerschaft der Leopoldstadt sich zum Entschlüsse aufraffte, einen jüdischen Abgeordneten zu wählen, da schwankten lange Zeit die Chancen der Kandidatur zwischen dem Baurat Stiaßny und Hofrat Kareis. Schließlich erhielt Kareis den Vorzug. Sein Verhalten im Parlamente, insbesondere seine Aversion gegen das deutsch-liberale Cliquentum und seine gerechte unparteiische Stellungnahme gegenüber den nichtdeutschen Nationalitäten im Parlament zogen ihm die Unzufriedenheit der liberalen Wahlmacher in der Leopoldstadt zu. Auch Präsident Dr. Stern hat seinen ganzen Einfluß geltend gemacht, um an Stelle des Juden Kareis den christlichen Liberalen Dr. Vogler zu bringen. Der Verschiedene hat mir sehr oft mit Bitterkeit erzählt, daß es der Kultuspräsident und Juden waren, die ihn um sein Mandat brachten. Leider war Hofrat Kareis nicht das erste und nicht das einzige Opfer des deutschliberalen Strebertums des Dr. Stern und seiner Gesinnungsgenossen, die auch den unsterblichen Fischhof politisch umgebracht haben. Dem verstorbenen Hofrat Kareis wird es aber zur Ehre gereichen, daß er wie seinem Glauben, so auch seinen politischen Ueberzeugungen trotz aller Versuchungen und Anfeindungen stets treu geblieben ist. L. * Eine seltsame Begnadigung. Wien. Von einem hervorragenden Justizfunktionär erhalten wir folgende Mitteilungen: Vor einiger Zeit wurde ein jüdischer Gastwirt namens David Linzer vom Kreisgerichte Sanok wegen Ermordung einer Magd zum Tode verurteilt. Ein direkter Beweis lag nicht vor; es waren lediglich Indizien vorhanden, und diese — wie angebliche intime Beziehungen zwischen dem Wirt und der Magd sowie deren angebliche Schwängerung — veranlaßten die Geschworenen zu dem Schuldspruche: Tod durch den Strang. Zur Kassationsverhandlung infolge der ergriffenen Nichtigkeitsbeschwerde stellte die „Oesterreichische Israelitische Union" den Verteidiger bei: Herrn Dr. Viktor Rosenfeld. Hier ist ein Mißgriff geschehen, und zwar aus folgenden Gründen: Daß Herr Dr. Rosenfeld ein sehr tüchtiger Verteidiger in Strafsachen ist, wird gewiß niemand leugnen. Allein darauf kommt es, das kann ich Ihnen als alter Praktiker sagen, beim Kassationshof nicht an. Schon vor über 20 Jahren, als anläßlich des berühmten Wadowicer Auswanderungsprozesses die ersten Wiener Verteidiger beim Kassationshof mit ihren Plaidoyers brillierten, da sagte mir der damalige Vorsitzende mit Bezug auf einen der ersten dieser Anwälte: „Schade, daß Dr. X. so wenig die Akten studiert hat." Der Senatspräsident meinte damit nicht nur, daß der betreffende vielbeschäftigte Anwalt nicht die genügende Zeit hatte, die Akten genügend zu studieren, sondern dachte offenbar an die mangelhafte Kenntnis der polnischen Sprache bei diesem Herrn, die es einfach unmöglich machte, alle wesentlichen Einzelheiten aus den Akten genau zu erfassen und in seinem Plaidoyer zu verwerten. Aehnlich verhält es sich mit Herrn Dr. Rosenfeld. Der Kassationshof hatte zuerst einen Ex-offo- Verteidiger für Linzer bestellt. Erst einige Tage vor der Verhandlung hat die Union dem Herrn Doktor Rosenfeld die Verteidigung übertragen. Die Akten waren ungeheuer umfangreich; war ja doch die Verhandlung vor dem Kassationshof für einen ganzen Tag ausgeschrieben. Herr Dr. Rosenfeld versteht aber nicht einmal polnisch..... Nun handelte es sich hier um einen Fall, in dem mit der Nichtigkeitsbeschwerde und den formellen Nichtigkeitsgründen von vornherein gar nichts anzufangen war. Die einzige Chance bestand lediglich in der Erschütterung des Beweismaterials und Herbeiführung einer außerordentlichen Wiederaufnahme. Ich weiß genau, daß die Generalprokuratur diese Wendung am meisten befürchtete. Sie trat jedoch nicht ein, denn, um das Beweismaterial mit Erfolg anzugreifen, hätte der Verteidiger nicht besser sprechen, aber besser vorbereitet sein müssen, als es Herr Dr. Rosenfeld war. Da im Vorstande der Union auch einige Advokaten sitzen, so möchte ich ihnen empfehlen, in ähnlichen Fällen künftighin vorsichtiger zu sein. Die Schlußepisode dieses Falles verdient eine besondere Erörterung. Der Kassationshof hat den Beschluß gefaßt, den Linzer zur Allerhöchsten Begnadigung zu empfehlen, und zwar durch Umänderung der Todesstrafe in eine zwanzigjährige Kerkerstrafe. Trotzdem wurde Linzer zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Seit dem Bestände des Kassationshofes hat es sich zum ersten Male ereignet, daß sein Vorschlag unberücksichtigt gelassen wurde. Das läßt tief blicken. Ich glaube jedoch, daß hier jeder Kommentar überflüssig ist.....

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.