Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-05-23 · Heft 11 (23.5.1913) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 11 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425896--2679-2429148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 82 „Neue NationaL-Zeitung" Nr. 11 mit vor der Allgemeinheit preisgibt, trägt nicht allein die Schuld. Die Hauptschuld trifft die Juden selbst, die stumm und feig alles über sich ergehen lassen wie ein unabänderliches Fatum; sie trifft die jüdischen Abgeordneten im österreichischen Parlamente, die nur eine Mandatspolitik treiben und persönliche Ambitionen befriedigen. Mögen sie wie immer heißen, Löwenstein oder Groß, Ofner oder Kuranda, sie sind alle Meister in der Kunst, sich um den Judenstandpunkt zu drücken. Mögen die Staatsgrundgesetze offenkundig verletzt werden, wie es ja tagtäglich geschieht und jüngst bei Besetzung von Hunderten von Auditoriatspraktikantenstellen und zahlreichen Oberarztensstellen im Heere der Fall war — die Herren jüdischen Abgeordneten exponieren sich nicht. Sie haben es nicht nötig, ihre Mandate sind ihnen ohnehin sicher. Und das ist der Hauptunterschied gegenüber Ungarn. Dort haben es die Juden verstanden, sich bei der Regierung Respekt zu verschaffen. Die Abgeordneten sind wohl Assimilanten, aber das ist bei ihnen eine Selbstverständlichkeit, mit der nicht viel Aufhebens gemacht wird; sie verlangen als Ungarn die Gleichberechtigung und sie bekommen sie auch. Bei uns ist die Assimilation ein Geschäft. Die Hausjuden der verschiedenen Nationalitäten, die von jüdischen Majoritäten ins Parlament geschickt wurden, haben nur das Bestreben, sich der Regierung oder den verschiedenen Parteien anzubiedern, um recht viel Ausschußmandate und Referate zu erhalten und sich eine Position zu verschaffen. Welcher Unterschied besteht denn zwischen den getauften Juden Dr. Licht und Dr. Redlich einerseits und dem Vertreter des jüdischen Wahlbezirkes am Kai, Hof rat Kuranda, anderseits? Nur der, daß jene im Deutschen Nationalverband sitzen, und dieser in den Verband nicht aufgenommen wurde. Oder sind die Herren Dr. Groß und Dr. Ofner, die Abgeordneten des Krakauer und Wiener Judenviertels, etwas anderes als ein Vorspann des sozialdemokratischen Verbandes? Die Ernennung eines jüdischen Staatssekretärs in Ungarn wird auf die Frage der jüdischen Gleichberechtigung in Oesterreich ohne Einfluß bleiben. Wenn wir aber im österreichischen Parlamente jüdische Männer hätten, dann würden in dem tiefen Abgrund zwischen dem jüdischen Staatssekretär in Ungarn und dem jüdischen, überall zurückgewiesenen Beamten-Kanditaten in Oesterreich, so manche Vorurteile und deren Träger verschwinden . . . . Rampe und Aula.1) Die jüdischnationalen Studenten haben sich nun auf den Standpunkt gestellt: Jetzt oder nie. Und tatsächlich ist es nun Zeit geworden. Alles aufzubieten, *) Anläßlich der in der Tagespresse bereits ausführlich geschilderten Studentenunruhen an der Wiener Universität erhalten wir von einem jüdischnationalen Juristen, einem ehemaligen Couleur-Studenten, obigen Artikel, dessen sehr beachtenswerte Anregungen wir hiemit zur Diskussion stellen. A n m. der Red. um in der Frage der Waidhofner Beschlüsse etwas Positives vom Senat zu erlangen. Auch die Tagespresse nimmt für die jüd^schnaticnaie Studentenschaft Partei, was uns ja nicht gleichgiltig sein kann. Es ist wohl unnötig, hier zu schildern, wie die ehrenwerten Waidhofner sich benommen haben, denn das ist ja aus der Tagespresse genügend bekannt. Es muß aber schon sehr arg sein. Wie sonst hätte sich das Rektorat zu einem solchen Kommunique und dem Farbenverbot entschließen können? Das ist zwar wenig. — aber immerhin ein Fortschritt. In dieser Richtung haben aber die Jüdischnationalen einen weiteren Schritt zu tun unterlassen. Die Rampe ist seit einigen Jahren nach Auffassung des Rektorates nicht mehr akademischer Boden. Es hat dies aber nur „akademischen" Wert. Die Polizei fürchtet sich noch immer, die letzten Konsequenzen hieraus zu ziehen, die wegelagernden Deutschnationalen ordnungsgemäß auseinanderzusprengen und auf der Rampe keine Ansammlungen zu dulden. Denn sobald der Aufgang zur Universität ein öffentlicher Platz wie jeder andere ist, dann hat doch die Polizei die Pflicht und Schuldigkeit, ihre Amtstätigkeit und ihre Vorschriften auch auf die Rampe auszudehnen. Dies tut sie aber erst dann, wenn die mutigen Teutschen in vielfacher Ueberzahl die Juden aus der Aula herausgedrängt haben. Dann heißt es, „die streitenden Parteien zu trennen". Was geschieht aber? Die sieghaften Teutschen bleiben im Vollgefühl ihrer numerischen Uebermacht auf der Rampe und gröhlen: die Polizei schaut zu. So war es 1908 und so war es 1913. Die Rampe ist also nach der neuen Auffassung kein akademischer Boden mehr. Wie wäre es nun, wenn man dem Rektorat die Anregung gäbe, auch die A u la nicht mehr als akademischen Boden zu betrachten? Stellen wir uns auf den Boden der Tatsachen! Haben die jüdisch-nationalen Studenten irgendeinen Vorteil davon, daß die Aula akademischer Boden ist? Absolut gar keinen. Lediglich die Deutschen, die es von jeher peinlich vermieden haben, Mann gegen Mann gegenüberzustehen, sondern nur in Rudeln gegen eine Minderheit kämpfen, machen sich die Aulaimmunität zu Nutze, um den jüdischen Studenten, die in durchaus ordnungsmäßiger Weise von ihnen für eine Beleidigung Genugtuung verlangen, auf der Aula ihre angemaßten Herrenrechte zu zeigen. Das ist seit jeher so gewesen und hierin haben die allermeisten Judenkrawalle auf der Aula ihren Urgrund gehabt. Diese Möglichkeit, die Juden nach dem Holzkomment auf der Aula zu behandeln, wenn ein Arier wieder einmal feig war, müßte den Deutschen, den Erbpächtern des „Ehrbegriffes", einfür allemal genommen werden; und hiezu wäre es eben notwendig, daß die Aula nicht mehr als akademischer Boden angesehen wird. Jedenfalls ist es aber unerläßlich, daß die derzeitige Universitätspolizei eine umfassende Reform erfahre. Die wenigen von der Universität angestellten Pedelle sind zum Teile von sehr fragwürdiger Qualität, wie ja die letzten Vorgänge bewiesen haben. Einer dieser Herren, die ja schließlich k. k. Beamte sind, nannte einen jüdischen Studenten einen Saujuden. Es wäre doch vom Senate zu verlangen, daß er Männer mit der Rolle von Ordnern betraut* die vertrauenswürdig und hiezu geeignet sind. Ferner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.