Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 10 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 76 .Neue National-Zeitung^ Nr. 10 Die architektonischen Entwürfe sind das Werk des Architekten Bela L a j t a. Der Architekt arbeitet Hand in Hand mit dem pädagogischen Leiter des Baues, Universitätsprofessor Dr. Moritz Kärman, und wird die innere Einteilung des neuen Gymnasiums das Ideal einer modernen Mittelschule sein. Jeder Lehrsaal ist für 35 Schüler bestimmt. Der große Garten wird in zwei Teile geteilt. Diese Maßregel ist deswegen nötig, weil das jüdische Gymnasium neunklassig sein wird. Die Schüler werden schon nach der dritten Elementarklasse aufgenommen werden, und so mußte dafür gesorgt werden, daß die jungen Kuaben von ihren älteren und reiferen Kameraden getrennt ungestört spielen und sich herumtummeln können. Ueber den Lehrplan ist zurzeit nur so viel zu berichten, daß er mit jenem der staatlichen Mittelschulen übereinstimmen wird, natürlich werden daneben auch jüdische Geschichte und Literatur gelehrt werden. Noch eines muß erwähnt werden. Auch Schüler anderer Konfession werden im jüdischen Gymnasium Aufnahme finden. Es ist noch zu bemerken, daß gerade das als assimilatorisch verschrieene Budapest ein jüdisches Gymnasium bekommen wird, während in Wien schon der Gedanke von den „Führern"' als Hochverrat am — Deutschtum verschrieen wird. * Deutsches Reich. Die Generalversammlung des Berliner Hilfsvereines. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hielt am 13. v. M. vormittags seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Dr. James Simon berichtete über die Tätigkeit des Vereines, der über 26.000 Mitglieder mit mehr als 170.000 Mark Jahresbeiträgen zählt. Die einmaligen Beiträge einschließlich der Stiftungen — darunter von Dr. James Simon 100.000 Mark, von den Oskar und Betty Tietzschen Eheleuten anläßlich ihrer silbernen Hochzeit 50.000 Mark, von Herrn Fainberg aus Irkutsk und Direktor Götz aus Moskau je 50.000 Francs — beliefen sich auf rund 975.000 Mark. Der Hilfsverein erhält und unterstützt in Galizien, Bulgarien, Rumänien, der bisherigen europäischen und asiatischen Türkei rund 50 Bildungsanstalten aller Art mit etwa 7000 Zöglingen; nahezu 30 Anstalten — der größte Teil unter eigener Verwaltung des Hilfsvereins — sind in Palästina und Syrien. Durch deutsche, vom Hilfsverein entsandte Lehrer wird an den Schulen, bei denen das Bedürfnis vorliegt, die Kenntnis der deutschen Sprache im Orient vermittelt. Das Technikum in Haifa soll im April 1914 eröffnet werden. Mit ihm ist eine Mittelschule verbunden, die gelernte Arbeiter ausbilden soll. An Technikern wie gelernten Arbeitern, die sehr gut bezahlt werden, ist im Orient großer Mangel. (Für das Schulwerk wurden im abgelaufenen Jahre 280.000 Mark verausgabt. Für die Sanierung Jerusalems, von dessen 95.000 Bewohnern 70.000 Juden sind, hat sich ein internationales Gesundheitsamt gebildet, bei dem die drei bisher in dieser Beziehung tätigen Vereinigungen nach einem gemeinsamen Plan — jede für sich auf einem abgegrenzten Gebiet (Malaria-, Tuberkulose-, Infektionsbekämpfung) — ihre Arbeit fortsetzen. Einen großen Teil seiner Mittel hat der Hilfsverein wiederum für die russischen Juden — im Jahre 1912 rund 215.000 Mark — aufgewandt. Die Bedrückungen und Ausweisungen der Juden im Zarenreiche, gegen die sich die Moskauer Kaufmannschaft in einer besonderen Eingabe wandte, weil das ein „Attentat gegen die Lebenskraft des Landes" bedeute, haben sich im Jahre 1912 noch verschlimmert. Es wanderten 80.000 Juden aus, davon 80 v. H. nach Amerika. Die gesamten Ausgaben des Hilfsveredns waren 1912 erheblich höher als im Vorjahre, nämlich 664.000 Mark, und erhöhten sich bis zum April d. J. infolge des Balkanhilfswerks, worüber Dr. P. Nathan berichtete, auf mehr als 900.000 Mark. Weitere freiwillige Spenden tun also not. Nach Entlastung der Verwaltung schloß die Generalversammlung. /WS ALLEN WELTTEILEN Ein Jude — Wirklicher Geheimrat. In Oesterreich-Ungarn kann ein Jude bekanntlich nicht Geheimrat werden. Daß er es werden darf, wurde seinerzeit auf Grund eines Studiums des Staatsarchivs in unserem Blatte bewiesen. Das Gesetz gestattet, aber das — Hofzeremoniell steht in Oesterreich höher als das Gesetz. Nun ist gerade in Deutschland, wo ein Jude nicht einmal Leutnant werden kann, ein Jude dennoch dieser Tage zum Wirklichen Geheimrat mit dem Titel Exzellenz ernannt worden. Es ist dies der Präsident der Berliner Handelskammer, Geheimer Kommerzienrat Wilhelm Herz. Der jüdische Exzellenzherr ist im Jahre 1823 geboren und hat somit die höchste bürgerliche Auszeichnung anläßlich seines 90. Geburtstages erhalten. Professor A. Berliner in Berlin, der Nestor der jüdischen Wissenschaft, hat am 1. Mai sein 80. Lebensjahr vollendet. Von seinen zahlreichen Schriften seien besonders erwähnt: „Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter" und „Randbemerkungen zum täglichen Gebet". Von letzterem Werke sind bisher zwei Teile erschienen; der dritte Teil, „Ehrenrettung des Maimonides" soll .demnächst erscheinen. Das 50jährige Jubiläum der Emanzipation werden in diesem Jahre die Israeliten in der Schweiz feiern. Seit dem 16. Jahrhundert waren die Juden nur im Aargau geduldet, später auch in anderen Kantonen, und im Jahre 1863 wurden ihnen die gleichen Rechte wie den übrigen Bürgern der Schweiz verliehen. Die 50. Wiederkehr dieses Ereignisses soll entsprechend gefeiert werden, wozu ein Genfer Komitee Vorbereitungen trifft. Zum Schutze der Gleichberechtigung wurde jüngst im Staate New York ein neues Gesetz erlassen und vom Gouverneur Sulzer bestätigt. Bekanntlich haben sich in den vornehmsten Seebädern wie Atlantic City usw. die Hoteliers geweigert, an jüdische Kurgäste Zimmer zu vermieten oder ihnen Einlaß zu gewähren und haben auch in diesem Sinne Tafeln an ihren Hotels befestigt. Das neue Gesetz verbietet bei Strafe von 100 bis 500 Dollars die Zurückweisung von Gästen in Hotels, Restaurants, Theaters, ja sogar die Ankündigung solcher Zurückweisungen in den Zeitungen usw. aus Rücksicht auf ihre Konfession, Nationalität oder Farbe. Auch in Oesterreich wäre ein solches Gesetz nicht überflüssig. Zahlreiche Hotels und Restaurants in den böhmischen, tirolerischen und galizischen Bädern verwehren Juden den Eintritt, die antijüdischen Inserate in den antisemitischen Blättern sind eine alltägliche Erscheinung. A*ber die Behörden und die gesetzgebenden Körperschaften finden bei uns keinen Anlaß zum Einschreiten. Die Synagoge als Remise. Am 23. April kam es zu einer eigenartigen Versteigerung. Nachdem die israelitische Gemeinde in Muggensturm (Baden) durch Ministerialbeschluß aufgelöst ist, wurde die dortige Synagoge an den Meistbietenden öffentlich versteigert. Um den Preis von 700 Mark erwarb sie ein Landwirt, der die Synagoe als Remise benutzen wird. Minister Klotz in Sachen der rumänischen Juden. Der französische Minister Klotz, bekanntlich ein Jude, hatte jüngst Gelegenheit, in Paris mit dem rumänischen Minister Jonisku zu sprechen und machte ihn bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, daß Rumänien noch immer nicht den Artikel des Berliner Vertrages erfüllt habe, der den Juden Gleichberech-