Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 10 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 74 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 iiung der Juden gerühmt hat, um schließlich den Landtagsinterpellanten seine tiefste Verachtung auszusprechen. Das war aber auch alles. Für etwas mehr sind die Herren Dr. Stern und seine Kultusvorsteher nicht zu haben. Wollen sie es nicht oder können sie es nicht? Wir behaupten das erstere, und wir werden es beweisen. Wir fragen vorerst: Wo bleibt denn die Wiener liberale Presse, zu der Herr Dr. Stern in so guten Beziehungen steht? Warum hat es kein dazu gehöriges Blatt der Mühe für wert gefunden, die jüdischen Richter und Offiziere gegen die Lügen und Verleumdungen eines Wohlmeyer und seiner Genossen in Schutz zu nehmen? Ist die überreichte Interpellation überhaupt ernst zu nehmen, daß im Kultusvorstande darüber eine Debatte abgeführt wird, dann hätten Herr Dr. Stern und seine Freunde, sowohl vom Kultusvorstand als auch von der Israelitischen Allianz, denen beiden er als Präsident vorsteht, dafür sorgen müssen, daß die öffentliche Meinung, die durch die Interpellation eines Wohlmeyer irregeführt wird, von anderer Seite an der Hand positiver Daten über den wahren Sachverhalt aufgeklärt wird. Denn darin besteht ja die Schmach für die Wiener Judenschaft und die Schande für deren Führer, daß, mögen die Antisemiten im Wege der Presse oder der Parlamentstribüne die haarsträubendsten Lügen über die Juden verbreiten, kein Wi en er T agb 1 a 11 zu finden ist, das diesen Verleumdungen wenigstens eine objektive Richtigstellung entgegensetzen würde. Wie oft findet man die Herren Dr. Stern, Hofrat Kuranda und wie die liberalen Judengrößen heißen mögen, als Verfasser von volkswirtschaftlichen oder kommunalen Artikeln in gewissen Wiener Tagesblättern abgedruckt; im Interesse der jüdischen Wähler, denen diese Herren ihre Mandate verdanken, haben sie noch nie zur Feder gegriffen..... Deshalb war auch die Erklärung des Dr. Stern nichts als Heuchelei. Sie war eine saft- und kraftlose Enunziation innerhalb der vier Wände. Sie war weiters eine Heuchelei deswegen, weil Dr. Stern nicht den Mut gefunden hat, den Namen desjenigen zu nennen, dessen moralische und politische Pflicht es gewesen wäre, im Landtage die Interpellation Wohlmeyers nicht unerwidert zu lassen. Ich meine damit das einzige jüdische Mitglied des n.-ö. Landtages, den Abgeordneten der n.-ö. Handelskammer, Herrn Cornelius Spitzer. Dieser Herr hat allerdings bereits vor Jahren, als dieses Blatt seine Wahl begrüßt hat, ausdrücklich erklärt, er betrachte sich nicht als jüdischen Abgeordneten, resp. sei er nicht zum Schutze jüdischer Interessen, die er nicht anerkenne, gewählt worden. Er steht in dieser Ansicht nicht allein da, denn die Abgeordneten Hofrat Kuranda und Doktor Omer wollen eine Vertretung jüdischer Interessen ebenfalls nicht anerkennen. Nichtsdestoweniger können wir nicht annehmen, daß selbst diese Heren, wenn sie im Landtage wären, die Interpellation Wohlmeyers stillschweigend hingenommen hätten. Denn durch diese Interpellation ist nicht etwa die jüdische Nationalität, sondern direkt die jüdische Konfession beleidigt worden; es wird in dieser Interpellation verlangt, daß solche Elemente, die dem christlichen Volke konfessionell feindlich gegenüberstehen, vom Richterstande ferngehalten werden. Und dazu hat Herr Cornelius Spitzer geschwiegen. Das ist tief beschämend für den Herrn Spitzer und seine Wähler, die Mitglieder der Wiener Handelskammer! Warum hat aber Herr Dr. Stern nicht den Mut gefunden, in seinem gerechten Zorne den Herrn Cornelius Spitzer und die Handelskammer, die diesen Mann gewählt hat, zur Rede zu stellen? Weil diese ganze Gesellschaft aus Gesinnungsgenossen des Dr. Stern besteht. Das sind eben die letzten Ueberbleibsel jener morschen liberalen Clique, die es höchstens dazu gebracht hat, einen rabbinischen Kämpen zu dingen, aber nicht den Mut fand, selbst für die Rechte der Juden einzutreten. Selbst der getaufte Dr. Benedikt ist seinerzeit als Landtagsabgeordneter den Wutausbrüchen eines Schneiders entgegengetreten. Cornelius Spitzer, Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde, sitzt nun das sechste Jahr im Landtag und bemüht sich, sein Judentum totzuschweigen, indem er die feigen Angriffe der Christlichsozialen gegen die Juden überhört. Dieser Cornelius Spitzer ist eben für alle seine jüdischen Kollegen in der Handelskammer typisch. Da sitzen sie beisammen die Herren Dr. Hammerschlag, Jonas Weil, Samuel S t e i n b ü h e 1, Arthur Leraberger u. a., die auch in jüdischen Korporationen Ehrenämter bekleiden, und sind froh und glücklich, wenn ihnen der antisemitische Schuster Zesewitz oder der antisemitische Schneider Weger-Leckl die Hände reichen. Und sie sollten einen Mann in den niederösterreichischen Landtag entsenden, damit er mit den Antisemiten den Kampf aufnehme? Das kann man von ihnen wirklich nicht verlangen. Aber ihre Gesinnungsgenossen im Kultusvorstande sollten sich auch endlich ihre Krokodilstränen ersparen. Die jüdische Oeffentlichkeit nimmt sie ja nicht ernst; sie läßt sich durch Phrasen nicht mehr täuschen, und mag die Mache noch so fein sein. Dr. Alfred Stern und Cornelius Spitzer gleichen sich; sie haben wohl das Amt, aber nicht das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung. L. Die Juden in Adrianopel. Die „Gazette de Lausanne" veröffentlichte in Nr. 92 vom 7. April 1913 einen sehr interessanten Artikel von ihrem Korrespondenten Herrn F a r d e 1 in Adrianopel, in dem er u. a. schreibt: „Dans cette guerre si meurtriere les juifs environ trois mille se sont fort bien battu et plusieurs ont recu la croix de bravoure." Der Fall von Adrianopel hat nicht nur die Christen neu belebt, sondern auch die Juden und andere Nationalitäten. Die arme jüdische Bevölkerung hatte sehr gelitten. Die Juden in West-Europa, speziell in England, Deutschland und Oesterreich, haben vor Monaten Sammlungen veranstaltet, um ihren Glaubensgenossen in der belagerten Stadt zu Hilfe zu