Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 9 (21.4.1913)
- Date
- 1913-04-21
- Page
- Seite 71 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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nr. 9 „Neue National-Zeitung" gedenkens. Nur die Tapferkeit jener Grenadiere fehlte ihnen. Man denke also nicht an Heines Gedicht und die Schumannsche Musik dazu. Der erzbischöfliche Oberamtmann aber verwendete sie zu einer Art Dragonnaden, wenn er vermutete, der Jude bätte den Sabbath-Fisch nicht versteuert oder heimlich, ohne „Familie" geheiratet oder sonst einen Frevel begangen, z. B. sich an einer Lizitation ogne Bewilligung der hohen Behörde beteiligt. Kurz, die „Roten" waren der wahre Schrecken der Juden. War nicht alles gut in der guten alten Zeit. Und hinter dem erzbischöflichen Gendarmen erschien auch nicht der Prophet Elijahu, der Langersehnte, sondern der lange Rosch-Hakohol. Der begann in mächtiger Rede: „Ihr habt was schönes angestellt. Wenn ein armer Jude keine Mazzot und keinen Wein hat, dann geht er zur Gemeinde, die gibt, so lange sie geben kann. Was aber geht Ihr zum Heiligen, nehmt ihm Ketten und Perlen und bringet Juda und Israel in Gefahr?" Das war eindringlich gesprochen, und auch unser armer Teufel konnte sich der Wahrheit dieser Worte nicht verschließen, während Weib und Kinder zitterten und weinten. Das schöne Sedermahl hatte sich in Schrecken und Angst verwandelt, und es war gar nicht abzusehen, wie dies alles enden werde. Was hätte der Heilige zu diesem Werke gesagt, das er, nach des armen Juden Meinung, angerichtet? Und hatte es doch so gut gemeint, der heilige Wendelin! ..... Die Pessah-Tage vergingen, der rote Baal-Milchome blieb bei unserem armen Teufel einquartiert und aß — eigentlich kein Essen, ein Fressen war's zu nennen — auf Gemeindekosten. Inzwischen wurde der Oberamtmann, ein jovialer, Geld und guten Worten zugänglicher älterer Herr, der viel in der Erteilung von „Familien", die bekanntlich zum Eingehen einer rechtskräftigen jüdischen Ehe notwendig waren — auch eine höchst humane Einrichtung des Vormärz — machte zum Wohle des jüdischen Volkes und seiner, des Oberamtmanns, schier bodenlos unersättlichen Tasche, vom langen Rosch-Hakohol bearbeitet. Es wurde auf die Not und Zwangslage des armen Glaubensgenossen hingewiesen, und daß der Diebstahl nicht erwiesen sei. Die Dorfschöne. welche Ketten und Perlen des Heiligen von dem Juden gekauft und mit ihnen geprunkt hatte, zeigte sie einer Freundin, diese, etwas entsetzt darüber, da sie den Schmuck des heiligen Wendelin erkannte, machte die Anzeige beim Dorfkaplan, dieser beim Stadtdechanten, dieser beim erzbischöflichen Oberamtmann. Und — die Affäre war fertig. Dem jüdischen Hausierer wurde der Prozeß gemacht. Alles, was der Rosch-Hakohol bewirken konnte, war, daß dem armen Teufel eine Frist bis zum ersten Tage nach Pessah gegönnt wurde. Auf mehr ließ sich der Oberamtmann nicht ein. Natürlich nach Abgabe der üblichen „Handsalben", mit welcher das Gemeindebudget belastet wurde. Der arme Jude hatte das Zittern und Beben während des Festes und den roten Baal-Milchom im Hause. Der hatte sicherlich während seines ganzen Lebens nicht so viel Mazzot gegessen wie damals. Seine Mitgardisten beneideten ihn aber auch darum. Nicht jeder hat' so gut..... Das Fest ging zu Ende. Der Tag des Gerichtes war gekommen. In seiner ganzen Würde saß der Oberamtmann zu Gericht. Das Verhör, in Anwesenheit des Rosch-Hakohol und der Ausschußleute, begann. Der Angeklagte gestand alles zu. Die Not, die ihm fehlenden Mazzot und der für Pessah notwendige Wein hätten ihn zu der Tat angetrieben. „Und da gehst du, ver — wünschter Jude, hin und nimmst dem Heiligen seinen Schmuck?" fuhr nun den Deliquenten, der sich schier nicht auf den Füßen halten konnte, der zürnende Oberamtmann an. „Schmähst unsere Religion? Versündigst dich am Heiligsten?" Die Versammlung bebte. Auch der Rosch- Hakohol. So hatte er „seinen" Oberamtmann n i e gesehen. Der war doch sonst so mild und leicht zu leiten und zu versöhnen. Der Jude hatte allerdings gefehlt, schwer gesündigt, der Gemeinde und ganz Israel Unannehmlichkeiten bereitet. Aber, der Schmuck des Heiligen war ja wieder zuwege gebracht worden, die Auslösung hatte Geld gekostet, und auch sonst war die Gemeinde bereit, Opfer zu bringen, um den Herrn Oberamtmann zu versöhnen. Die Totenstille, welche in der Versammlung nach den donnernden Worten des Oberamtmannes geherrscht hatte, wurde jetzt unterbrochen. Der Angeklagte erbat sich das Wort. „Was will der noch sagen?" murmelte der gestrenge Richter für sich hin. Er sollte es bald hören. „Erlauben Sie, gnädiger Herr Oberamtmann, „daß ich zu meiner Verteidigung untertänigst mir erlaube, Ihnen zu widersprechen. Herr Oberamtmann haben mir armen Juden zugerufen mit donnernden Worten, daß ich erzitterte und es erbebten meine Gebeine: Du gehst hin und nimmst dem Heiligen seinen Schmuck. Das habe ich auf Ehr' und Glauben nicht getan, ein Dieb bin ich nicht." „Schau einer den Juden an," donnerte der Oberamtmann dazwischen, „am Ende ist er gar ein Ehrenmann?" „Das bin ich auch," erwiderte schüchtern der Jude. „Hören Sie mich nur an, gnädigster Herr Oberamtmann, und dann entscheiden Sie nach Ihrer Weisheit." Der Rosch-Hakohol mußte unwillkürlich lächeln. Aber der Jude redete unbeirrt weiter: „Pessah war ins Land gekommen, unser heiligstes Fest. Das wollte ich mit Weib und Kindern feiern, wie es Sitte und Brauch ist bei uns Juden. Mir fehlte es aber an dem nötigen Gelde für die ungesäuerten Brote und den Wein und was dazu gehört, wie es Sitte ist bei uns und war bei unseren Vätern, mit ihnen sei der Friede. Betteln wollte ich nicht bei der Gemeinde, ich, der ich früher zahlte Steuer für den Kultus und die Wohltätigkeit." „Also bist du stehlen gegangen," lachte der Oberamtmann dazwischen. „Langsam, gnädigster Herr, langsam," fuhr der Angeklagte fort. „Ich ging also an jenem Abende über die Brücke und dachte nach, dachte nach, kam vor dem heiligen Wendelin vorüber, der war so schön geziert mit Perlen und Ketten, und ich hab' auf ihn gesehen und er auf mich, und plötzlich geschah ein Wunder Gottes. Der Herr öffnete den Mund des Heiligen und der tröstete mich und gab mir seine Kleinodien, denn wozu braucht sie solch ein Heiliger, und er sagte mir, ich soll sie verkaufen und wünschte mir einen fröhlichen Feiertag, denn wir sind alle schwache Menschen. Hab' ich also genommen, was mir der heilige Wendelin gegeben hat."