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Neue Nationalzeitung · 1913-04-21 · Heft 9 (21.4.1913) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 9 (21.4.1913)
Date
1913-04-21
Page
Seite 70 (sequence 11)
Language
German
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Seite 70 Nr. 9 FEUILLETON. Prof. Dr. M. Grünfeld: Der heilige Wendelin. Eine Pessah-Geschichte aus vormärzlicher Zeit. An dem oberen Ende der alten, hölzernen Marchbrücke, die zur Stadt führt, steht eine Statue des .heiligen Wendelin. Die alte Marchbrücke fiel der Regulierung des Flusses zum Opfer, eine neue, eiserne modernster Konstruktion wurde aufgerichtet. Auch die Stadt, sowie die uralte Juden- Gemeinde in ihr erneuerten sich, wie nicht anders denkbar, in dieser wildstürmenden Gegenwart, aber, merkwürdig — der heilige Wendelin ist geblieben. Und hält noch immer den Stab in der einen und das Buch in der anderen Hand wie ehemals. Heilige bleiben eben konservativ. Noch macht man den alten Witz über den Heiligen wie in alten Zeiten: „Wenn er 12 Uhr schlagen hört, blättert er in seinem Buche um." Aber — er hört eben nicht. Was schwer von einem steinernen Heiligen zu verlangen wäre. Auch weiß ich nicht, ob sie ihn zur Osterzeit mit Perlen und Ketten schmücken, den alten Heiligen, wie sie es ehemals taten. Die Zeit wird auch hier ihr Neuerungswerk vollzogen haben. Das war noch in jener Zeit, da die Judengemeinde der alten Stadt unter der Gerichtsbarkeit des Erzbischofs stand, der sich diese in alten, längst verschollenen Tagen, zur Zeit Karls IV., erworben hatte, als sich die Geschichte zutrug, die erzählen soll, wie der heilige Wendelin, dessen Tag am 20. Oktober gefeiert wird, einem armen Juden der Gemeinde zu einem fröhlichen Pessah-Mahle verholten hatte. Man schüttle nicht ungläubig das Haupt über das zu erzählende Ereignis. Wenn Flugschiffe möglich sind, kann auch ein katholischer Heiliger einem armen Juden zu Mazzot, Wein und üblichem Pessah- Zubehör verhelfen. Der arme Jude, dem eine treue Gattin zur Seite stand und der sechs lebende Kinder zu ernähren hatte, war einstens wohlhabend gewesen oder, was man so in der Killah nannte. Hatte ein gutgehendes Geschäftchen, das eine Familie erhalten konnte, wenn die Familie genügsam war. An dieser Tugend fehlte es unseren Vorfahren, wie bekannt, wenigstens in vormärzlichen Zeiten nicht. Sie machten keine Erholungsreisen, weder im Winter nach Nizza, noch im Sommer in teuere Seebäder. Kannten den Semmering noch nicht, wie dieser überhaupt damals noch nicht als „Luftkurort" bekannt war, und besaßen auch kein Bedürfnis nach Oper oder Operette. Sie lebten von einem erstaunlich geringen Einkommen. Aber, wenn man auch dies nicht besitzt? Unser Held war in seinem Geschäfte herabgekommen, was auch damals schon vorkam. Die Not pochte an seine Türe. Er war aber zu stolz, die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch zu nehmen. Nun war wieder ein kalter Winter vorüber. Ueberstanden hatte man ihn. Pessah stand vor der Türe, und in unseres armen Juden Hause fehlte es am Nötigsten. Gut, man hungert an gewöhnlichen Tagen, manchmal auch an Sabbathen. Wie kann aber der Jude am Pessah ohne Mazzot sein? Und das Gläschen Wein darf doch beim Seder-Mahle auch auf des ärmsten Juden Tische nicht fehlen. Das gebietet die Religion. Woher aber die Mazzot nehmen und den teuren Wein, wenn es dem Menschen am Brote gebricht? Solche und ähnliche Gedanken wälzten sich schon lange, an finsteren Tagen und kummervollen Nächten, durch unseres Juden Gehirn, gaben ihm keine Ruhe, wenn er auf dem Dorfe „hausierte" und hier seinen Kram anbot, und wenn er am Sabbathe den Abschnitt der Thora „leiente". Gesenkten Hauptes ging er an einem feuchtkalten Märzabende über die Brücke, an deren Kopfe der heilige Wendelin stand. Durch die Dunkelheit leuchtete das weiße Standbild. Doch, was war das? Schön geschmückt war es mit Ketten und Perlen. Freilich, die Ketten waren nicht aus Gold und die Perlen nicht echt. Man hatte den Heiligen herausgeputzt, wie es vor Ostern Sitte war. Und jetzt — unser armer Jude schaute auf — war es, als ob der Heilige ihm zugenickt und ihm mit seinem Stabe zugewinkt hätte. Der Jude glaubte eine Stimme zu hören. Bewegten sich nicht auch die Blätter des Buches, das Wendelinus in der Hand hielt? Da geschah ein Wunder, davon war der Jude überzeugt. Der Heilige aber sprach zu ihm: „Ich kenne deinen Kummer und will dir helfen. Wozu soll mir der Firlefanz, mit dem sie mich wie einen heidnischen Götzen herausgeputzt haben? Nimm ihn, bedrücktes und belastetes Menschenkind, verkaufe ihn und bereite dir dein Fest! Wir alle sind Menschen, ich war es auch, als ich lebte. Kinder sind wir alle desselben Vaters." Das klang so schön. Solche Worte hatte der Arme noch nicht gehört. Standen aber sicherlich in der Thorah. Wozu braucht wirklich ein Heiliger noch solchen Tand? Es war tief dunkel, kein Mensch weit und breit zu sehen. Schnell war der Heilige der Ketten und Perlen entkleidet. Es schien dem Juden, als winkte ihm der Wendelinus freundlich zu. Und der Arme grüßte seinen steinernen Wohltäter. Für Pessah war gesorgt. Die Ketten und Perlen waren am nächsten Tage im Dorfe schnell und gut angebracht. Für solchen Zierrat haben die Dorfschönen ein Kennerinnenauge. Der Erlös wanderte zum Mazzotbäcker. Es war höchste Zeit. Pessah stand vor der Türe. Wein gab's auch und ebenso die übliche Zubehör. Wendelin hatte dem armen Juden, seinem Weibe und seinen hungrigen Kindern einen fröhlichen Seder bereitet. Doch das Unheil schritt zu allen Zeiten schnell. Das muß man doch nicht Juden, und armen noch dazu beweisen. Unser armer Jude erfuhr es, als sein Jüngster von dem Sedertische sich erhob, um nach altem Brauche dem Propheten Elijahu die Türe zu öffnen. Merkwürdig, der Jude dachte gerade an den heiligen Wendelin, und siehe, ein „roter Baal- Milchome" betrat die Schwelle der Stube. „Roter Baal-Milchome"? Das wissen wieder die Kinder der jetzigen Welt und Zeit nicht, was ein solcher bedeutet. Ich verüble es ihnen nicht. Um es also kurz zu sagen: das war einer von den erzbischöflichen Gardisten, die eine Uniform trugen wie weiland Napoleons Grenadiere ruhmreichen An-

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