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Neue Nationalzeitung · 1913-04-21 · Heft 9 (21.4.1913) · p. Seite 69

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 9 (21.4.1913)
Date
1913-04-21
Page
Seite 69 (sequence 10)
Language
German
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Hr. 9 „Neue National-Zeitung" Seite 69 Gemeindeu. Vereinsnachrichten Wien. Jüdischer Verein „Einheit". Am 31. März d. J. fand im Turnsaale der Talmud-Thorah die diesjährige Generalversammlung des jüdischen Vereines „Einheit" statt. Der Verlauf der Generalversammlung war abermals ein Beweis für die Sympathien, welche dieser so segensreich wirkende Verein sich in den weitesten Kreisen bereits erworben hat. Der Vorsitzende, Herr Bernhard Hofbauer, lebhaft äkklamiert, begrüßte die Versammlung, insbesondere die Herren Rabbiner Schenk und G ol d st ei n, den Vertreter der Wiener israelitischen Kultusgemeiiide und der Armenanstalt, Herrn Adolf S c h r a m e k, das Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde Herrn Dr. Heinrich Schreiber. Ferner begrüßte der Vorsitzende die Delegierten der Schiffschule, Adaß Jisroel, des Bethausvereines „Thorah Ez Chajim", des Tempel- und Schulvereines VI, Stumpergasse, und des Bethausvereines „Agudas Achim". Dem vorgelegten Jahresberichte entnehmen wir, daß der Verein, der nach wie vor unter der rituellen Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners der Schiff schule S. Fürst steht, auch im vergangenen Jahre sich erfreulicherweise weiterentwickelt hat und den Erwartungen vollauf gerecht wurde. In der Debatte gaben sämtliche Redner der Anerkennung für die erfolgreiche Tätigkeit des Vorstandes uneingeschränkten Ausdruck und sprachen insbesondere dem Vereinsobmann, Herrn Bernhard Hof b aue r und dem Oekonom des Vereines, Herrn Adolf Fischer, für deren unermüdliche, zielbewußte und hingebungsvolle Tätigkeit den Dank aus. Hierauf wurde über Antrag der Revisoren, die in ihrem Berichte die vollständige Ordnung der Bücher und Belege konstatierten, dem scheidenden Vorstande das Absolutorium erteilt. Bei der nunmehr vorgenommenen Wahl wurden die zur Ausscheidung gelangenden Vorstandsmitglieder Moritz Felsenberg, Samuel Goldmann, Bernhard Hofbauer, Dr. S. Krenberger, Hermann Kuner, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Wolfgang Pollaczek, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Dagobert Rybaczewski, wieder- und die Herren Bezirksrat Philipp Bäk, Leopold Fürst, Dozent Dr. Heinrich Neumann, Hofrat Dr. Julius Schlag und Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Ignatz Weintraub per Akklamation neugewählt. Zum Schlüsse wird über Antrag des Herrn Professors Antscherl dem Gesamtvorstande der Dank der Versammlung votiert. Namens des Vorstandes dankt Dr. Rybaczewski für dieses Dankesvotum und bittet die Freunde und Gönner des Vereines, deren Opferfreude allein dem Vereinsvorstande die erfolgreiche Tätigkeit möglich machte, auch in Hinkunft dieser heute schon unentbehrlich gewordenen Institution ihre dankenswerte Unterstützung nicht zu versagen, noch weitere Freunde für dieselbe zu werben, um den täglich steigenden Anforderungen auch ganz gerecht werden zu ikönnen. Zeitschriften-Rundschau. Das jüdische Massenelend in Wilna. Ein Mitarbeiter des „Rjetsch" schildert die Eindrücke, die er beim Besuch des Ghetto van Wilna, eines der berüchtigsten Judenviertel des ganzen Ansiedlungsbezirkes, empfing. Hier wohnen die Menschen so enge nebeneinander, daß der Hochbau nicht mehr ausreichte und die Wohnstätten sich in die Tiefe des Bodens eingruben. In über 200 solchen Kellern wohnten mindestens 1500 Juden, in feuchten, schlüpfrigen Räumen mit festgestampftem Erdboden, deren Höhe selten über 1,80 Meter beträgt und die, da sie fast immer unter dem Niveau der Straßen liegen, durch Luken in der Decke kümmerlich erhellt werden. Mit Gräbern möchte man diese Höhlen vergleichen, meint der Berichterstatter, wenn nicht für die Toten eine fast doppelt so große Bodenfläche vorgeschrieben wäre, wie sie hier durchschnittlich auf einen Einwohner entfällt. Im ersten Haus fand der Besucher zwei unterirdische Stockwerke untereinander. Im oberen Raum wohnen lauter alte Leute mit einigen kleinen Kindern. Die Erwachsenen sind nach Amerika ausgewandert und lassen nichts von sich hören. Die Erwerbsquelle der Frau, die dieser Haushaltung vorsteht, ist der Ofen, der von früh bis spät geheizt wird. Die armen Nachbarinnen kommen mit Töpfen und Pfannen, die sie am Ofen wärmen, und bezahlen dafür je eine Kopeke. In einer Ecke führt eine Leiter ins untere Stockwerk, in dem zwei Greise, beide Bettler, im Dunkel am Boden lagen, weil gerade Sabbath war und kein Licht angezündet werden durfte. Die übrigen fünf Bewohner waren ausgegangen. Für das Wohnrecht in dieser Höhle zahlt jeder 1.08 Mark wöchentlich oder etwa 20 Pfennig im Tag. Der Hausherr erhält von der Wirtin, die dabei den Raum noch heizen muß, jährlich 100 Rubel (216 Mark). In einem anderen unterirdischen Wohnraum sind drei verschiedene Werkstätten eingerichtet, eine Klempnerei, eine mechanische Strickerei und eine Schneiderbude. Vier Familien wohnen hier zusammen. Die Luft war zum Ersticken, aber die Bewohner vermißten das sonst immer vorhandene Schiebeiensterchen nicht, das im Winter, während die Fenster verkittet sind, eine Lüftung ermöglicht, weil die schlecht schließenden Fensterrahmen die eisige Zugluft nur zu leicht durchließen. Hier wohnen die Aermsten der Juden, Lumpensammler, Bettler, aber auch Handwerker, deren Stand längst den goldenen Boden verloren hat. Die Meister arbeiten allein, ohne Gesellen oder Lehrjungen. Die jungen Leute wandern fast alle aus, die wenigen, die zurückbleiben, besuchen die Handwerkerschule, durch deren Errichtung man die wirtschaftliche Lage des jüdischen Proletariats zu heben hoffte. Aber nach ihrer Ausbildung ziehen fast alle die Auswanderung nach Amerika vor, weil sie dort fast sicher auf bessere Lebensbedingungen hoffen zu dürfen glauben. Im Ghetto bleibt nur der zurück, der nicht einmal die Mittel zur Flucht auftreiben kann. Ein junger, tüchtig geschulter Handwerker kann in Wilna wöchentlich fünf bis sechs Rubel (10 bis 13 Mark), in Ausnahmefällen bis zu 10 Rubel verdienen. Selbst 'bei diesem spärlichen Einkommen opfern einige Handwerker noch ein, zwei Mark im Monat, um einen Turnlehrer zu besolden und ein Lokal zu unterhalten. Dieser erste Anfang bewußter Körperkultur wurde anfangs von den älteren Juden, die in den Ueberlieferungen des Ghetto aufgewachsen sind, verspottet und selbst mit Argwohn beobachtet; seitdem aber die jüdischen Turner einige tüchtige Leistungen aufweisen können, werden sie widerspruchslos geduldet. Die Turnerei hat bereits einen heilsamen Einfluß auf die Pflege der körperlichen und häuslichen Reinlichkeit erzielt, wenn auch bei den entsetzlichen Wohnungsverhältnissen an eine wirklich hygienische Lebensführung gar nicht zu denken ist. Die Kinder, die in den Kellerwohnungen im Ghetto aufwachsen, fand der Berichterstatter des Petersburger Blattes fast ausnahmslos mit bösartigen Hautausschlägen behaftet. Eine wohltätige Gesellschaft ermöglicht zwar die kostenfreie Behandlung mit Röntgenstrahlen, aber die Ansteckung erfolgt immer wieder aufs neue. Der Schluß des Feuilletons von J. L. Perez: „Satje, der Fischer", erscheint wegen Raummangels in der nächsten Nummer.

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