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Neue Nationalzeitung · 1913-04-21 · Heft 9 (21.4.1913) · p. Seite 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 9 (21.4.1913)
Date
1913-04-21
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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hr. 9 ..Neue National-Zeitung" uns umschließen soll. Pessah — ein Fest der Jugend. Sicherlich. Sein Mahnruf erschallt: Entfremden wir uns unserer Jugend nicht, und sie nicht uns. Wird uns dies gelingen, dann werden wir, trotz aller Stürme und Amaleks, ein frohes Pessahfest feiern können. Mit den äußeren Feinden werden wir ja doch fertig. Wie aber mit den inneren Gegnern? Den Abtrünnigen, den Falschen, den Heuchlern, den Feigen und Flüchtigen? Das ist die wichtigste Aufgabe, die wir zu erfüllen haben, diese Elemente zu besiegen und ihrer Herr zu werden. Nicht freudig, wir gestehen es, sind unsere Pessahstimmungen. Doch Pessah ist das Fest der Zukunft. Wollen wir an dieser verzweifeln, uns selbst aufgeben? Dann verdienten wir den Namen Juden nicht. Sprechen wir es vielmehr mutig aus: „Knechte sind wir gewesen, freie Männer wollen wir werden." Pessah, 5673. Isidor Kaufmann: Karaite aus Halicz (Oelgemälde). Dieses Bild unseres hervorragenden Meisters Isidor Kaufmann gehört zu den schönsten Kunstwerken der diesjährigen Frühjahrs-Ausstellung im Künstlerhause. Es wurde bereits von einem Kunstmäcen, einem bekannten Wiener Cafetier, angekauft. Dank dem Wohlwollen des Künstlers, das unserem Blatte zur Ehre gereicht, sind wir zuerst in der Lage, das Bild zu reproduzieren. Bei dieser Gelegenheit wollen wir ein Geheimnis verraten: Isidor Kaufmann hat jüngst im engsten Kreise seiner Familie den sechzigsten Geburtstag gefeiert. Wir und mit uns gewiß die große Schar der Verehrer dieses echten Repräsentanten jüdischer Kunst wünschen dem Meister noch Dezennien ungeschmälerter Schaffenskraft. öeite 67 Die Niederlage des Dr. Stern. Der Starrsinn des Präsidenten ist an der Unbeugsamkeit des Kultusvorstandes zerschellt. Die Majorität des Wiener Kultusvorstandes ist bisher in Vielem, wenn nicht in Allem den Wünschen des Präsidenten gefolgt, seine letzte Marotte war aber zu stark. Dem Herrn Dr. Stern galten aber seine Machtgelüste offenbar mehr als der Rui eines objektiven und gerechten Kultuspräsidenten. Die Majorität des Kultusvorstandes sah aber ein, daß sie das Ansehen des mißge leiteten Vorstandes noch mehr herabsetzt, wenn sie offen die Flagge der Protektionswirtschaft auf dem Geueindehause in der Seitenstettengasse hißt. Als daher in Fortsetzung der vom Präsidenten selbst gesprengten Sitzung die Beschlußfassung über den Antrag des Präsidenten Dr. Stern auf Einladung der von ihm begünstigten Architekten zur Bewerbung um den Bau des Kinderspitals zu erfolgen hatte, wurde dieser Antrag mit 18 Stimmen abgelehnt, resp. ein Antrag des Architekten Gärtner angenommen, der dahin geht, allen jüdischen Architekten die Möglichkeit zu geben, sich an d ie s e r Bewerbung zu beteiligen. Damit war gegen den Willen des Präsidenten die Ehre der jüdischen Gemeinde gerettet. Und nun beginnt die Sache komisch zu werden. Der Präsident empfindet die Niederlage und damit die Notwendigkeit, zu demissionieren. Er ist aber nicht sicher, daß seine Demission nicht doch zur Kenntnis genommen werden könnte. Die Demissicnskomödie des Präsidenten. Hat Dr. Stern demissioniert oder nicht? das ist die Frage. Im „Neuen Wiener Tagblatt" vom 16. d. M. war von der Demission als einer tatsächlich erfolgten berichtet. Die beiden offiziösen Gemeindeblätter vom 18. d. M. erklären wiederum, daß Dr. Stern nicht demissioniert habe. Dr Stern selbst ist am Tage nach seiner Niederlage im Leopoldstädter Tempel erschienen und hat sich, wie man uns mitteilt, statt in der für den Vorstand reservierten Bank absichtlich in der 11. Bank niedergesetzt. Offenbar in der Absicht, Sensation zu machen. Er hat auch diesen Zweck erreicht. Er wurde im Tempel von allen Seiten mit Fragen bestürmt, warum er nicht in der Vorstandsbank Platz nehme, worauf er jedermann unverhohlen erklärte, daß er nicht mehr Präsident sei und demissioniert habe. Unserem Redakteur erzählte der Vizepräsident, Herr Dr. Gustav K o h n, auf eine Anfrage, der Präsident habe nicht demissioniert und es bestehe keine Präsidentenkrise. Tatsächlich ist Dr. Stern jetzt wiederum Präsident der Gemeinde und leitet ihre Geschäfte. Wie es dazu kam. ist eben nicht ohne Pikanterie und ist nicht nur für die Person des Präsidenten, sondern auch für die Verhältnisse in unserer Gemeinde ungemein charakteristisch. Nach unserer Information, die wir aus den Kreisen des Kultusvorstandes selbst haben, steht es fest, daß der Präsident tatsächlich seine Demission gegeben hat, weil er sich das offenbar nach seiner Niederlage schuldig zu sein glaubte. Diese Demission geschah in einem Schreiben an seinen Vizepräsidenten, Dr. Gustav Kohn, dem er gleichzeitig die Geschäfte übertrug. Die Sache ist noch interessanter. Da Dr. Kohn die Führung der Geschäfte übernahm, allein vom Demissionsschreiben des Präsidenten keinen amtlichen Gebrauch machte, sendete Dr. Stern neuerlich eine Demissionszuschrift u. zw. nunmehr eine ganz offizielle an den Kultusvorstand selbst. Damit war einmal die Demission gegeben und die Mitteilung des „Neuen Wr. Tagblattes", deren Urheber in einem gewissen jüdischen Vereine zu suchen sind, beruht daher auf Richtigkeit.

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