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Neue Nationalzeitung · 1913-04-21 · Heft 9 (21.4.1913) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 9 (21.4.1913)
Date
1913-04-21
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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oeiie 66 „Neue National-Zeitung" ominöse Zahl — das sich mit dem „Judentum" beschäftigt, welches nach meiner Ansicht das Blindwütendste enthält, was jemals, und noch dazu von einem, der von sich selbst sagt, daß er „jüdischer Abstammung" sei, gegen das Judentum gesagt wurde. Und das Verlogenste. Natürlich ist Weinigers Quelle der famose Chamberlain, dessen „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" in jüdischen Kreisen so viel Verbreitung genießen, jedenfalls mehr von unseren Volksgenossen gelesen werden, als die jetzt erscheinenden, etwas farblosen „Volksschriften über die jüdische Religion", die wahrlich unsere Suppe wenig fett machen werden. Wenn man das Kapitel „Das Judentum" in Weiningers Buch liest, das zum Ueberflusse noch ein Motto aus Richard Wagners „Das Judentum in der Musik" an seinem Eingange führt, dann denkt man an einen Rasenden, der wütend um sich schlägt, nicht weiß, welche Waffe er zur Hand nimmt und wen er trifft. Der richtige Renegat aus den Disputationskämpfen des Mittelalters in unsere neueste Zeit mit ihren chemisch-biologisch-anthropologischen und anderen Forschungen versetzt. Man höre, zu welchem — es werde das starke, aber wahre Wort verziehen — Blödsinn der arme Rasende sich versteigt: „Der Beweis, daß der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen: Der Jude singt nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er sich seinen Gesang nicht glaub t." Wir wollen mit dem Unglücklichen, der sich selbst gerichtet hat, nicht rechten. Der Mann war von jüdischer Abstammung und leugnet es, daß der Jude singt. Der hat kein jüdisches Pessahfest gesehen, saß nie beim trauten Seder-Mahle, hörte nie die uralten Sänge Zions . . . Hat der Arme ein Elternhaus gehabt? Wir wissen es nicht, fast möchten wir es bezweifeln. Schauderhafte Konsequenz, zu der das Renegatentum führt. Und dies wieder: häßliche Spielart von Amalek und Konsorten. Wir denken, nun seien wir in den Pessah- Gedanken drin, wenn sie auch wenig künden von Frühling und Freiheit, Friede und Freude, nichts vom Sprossen und Blühen, von dem man ja so gerne am Pessah spricht und „predigt", sagt und „singt" — trotz Weininger. Wie traurig ists um uns bestellt, wenn der gegen uns wütende Haß täglich schrecklichere Formen annimmt, keine Lüge gegen uns ausgesprochen wird, die man nicht für lautere Wahrheit in vielen Kreisen betrachtete. Das ist's, was uns zu keiner rechten Pessahfreude gelangen läßt. In seiner häßlichsten Gestalt geht der alte Verderber unter uns herum, wühlend, verleumdend, sich mit dem Mäntelchen der Wisserischaftlichkeit keck und frech drapierend und vernichtet die jungen Keime, die wir in den Herzen unserer Jugend emporblühen sehen möchten. „Wenn dich dein Sohn fragen wird," dieses so schöne Pessahwort hat in der Tat in unserer Zeit eine ganz ungeahnte Bedeutung erhalten. Unsere Jugend liest mit Vorliebe Bücher, in denen der alte Amalek sein Unwesen treibt, dem Judentum jeden Sinn für alles Erhabene und Ideale, für alles Schöne und Edle absprechend. Wenn dich dein Sohn nun fragt, allerdings nicht allein über das alte Pessahfest, nicht allein über den alten Pharao, sondern auch über die Verleumdungen der neuen Hamans, dann haben Eltern und Lehrer eine große, eine nicht unabweisbare Pflicht zu erfüllen, mit dem ganzen Rüstzeuge, das uns Judentum und moderne Bildung darbieten, auf die Frage unserer Jugend zu antworten und ihr durch die Tat zu zeigen, daß der Jude durchaus nicht der aller Ideale bare Mensch ist, als den ihn die neueste Literatur gerne hinstellt. Die einstens durch das Rote Meer zogen, waren durchaus keine „flüchtenden Feigen", sondern Sklaven, die sich der schwer errungenen Freiheit freuten, aber ihr „Retter" war in der Tat „mächtig" und ihm dankten sie — in einem Liede. Sie sangen, trotzdem oder weil sie Juden waren. Das Lied, den Ausdruck unserer Wonne, aber auch unseres Leides, das soll man uns nicht nehmen. Der Jude singt, auch wenn es ihm schlecht geht und hängt er auch zeitweilig seine Harfen an die Weiden, und will er auch manchmal nicht singen, weil das Leid ihn übermannt, wenn er sieht, wie er gehöhnt und gelästert wird, eins kann man ihm doch nicht nehmen, eins läßt er sich nicht nehmen: die Hoffnung, daß auch Menschen gezähmt und zu friedlichen Tieren erzogen werden können. Eine schwere, eine mehr als tausendjährige Arbeit wurde auf dieses Erziehungswerk verwendet, schließlich wird sie doch gelingen. Freilich, die Verbreitung ganz unerwiesener Behauptungen und Anschauungen über das Judentum richtet, wer wird es leugnen wollen, furchtbare Verheerungen, besonders unter unserer Jugend, an. Und die Meinungen, wie man alle diese Angriffe zurückweisen könnte, sind sehr geteilt. Spielhagen, der jetzt auch fast schon vergessene, ehemals viel gelesene Romanschriftsteller, der sich wenigstens bemüht, dem Judentum Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, sagt in seinem Romane: „Was will das werden?" Von diesem: „Ich dachte mit Verwunderung, welch sonderbarer Menschenboden dieser jüdische doch sei, der so unschmackhafte Früchte bringe und dann wieder andere von so berauschender Süßigkeit, gerade wie in ihrem heimischen Orient hart am Rande der steinigen Wüste die Zweige der Dattelpalme wehen." Wenn ich nicht sehr irre, findet sich dieses Bild von Gegensätzen, die Erez Israel aufweist, schon irgendwo im Talmud oder Midrasch. Sicher ist, daß Spielhagen, auch ein Verfechter der alten liberalen Ideen, sein Bild aus unserem Schrifttum nicht entnahm. Aber ich glaube: er hat das Richtige getroffen. „Wenn dich dein Sohn" — es kann auch dein Schüler sein — „fragen wird", dann kannst du dich an das schöne Bild des alten Romandichters halten. Kein Volk weist so viel Gegensätze auf wie das jüdische, denn kein Volk ist durch so viele Kulturen gegangen. Da findet man nun herrliche, grünende Oasen und öde, fruchtlose Steppen, dürre Wüstensträucher und üppige, schattige Obstbäume, da findet, man Anschauungen, die im Boden einer überlieferten Religion wurzeln und solche, welche die Sonne einer neuen Zeit zur Reife bringen soll. Schwer allerdings, so verschiedenartige und mannigfaltige Anschauungen zu vereinigen. Und doch nicht unmöglich, wenn der Geist, der uns erhalten hat, noch in uns lebt. Wie schön wäre die Feier des Pessahfestes, wenn es uns einig fände. Das aber ists, was uns zu betrüben vermag. Die Gegensätze zwischen Alt und Jung sind zu groß, zu weit geworden, so daß sie schwer überbrückt werden können. Es wäre das fürs Judentum segensreichste Werk, das Band zu festigen, das

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