Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 9 (21.4.1913)
- Date
- 1913-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Pessah-Gedanken. Von Dr. Moses Ahronsohn. Das ist so recht ein Fest, an dem man unwillkürlich Rückschau hält. In diesem Jahre werden es die meisten unter uns mit dem Gefühle besonderer Erleichterung tun. Schwere Tage liegen hinter uns, ein schauerlicher Winter in der Tat. Vom Norden tat sich wieder einmal das Unglück auf, wie es schon der Prophet Jeremija vor Jahrhunderten mit Unheil ahnenden Worten ausdrückte. Das Eis hat sich gelöst, die Leichendecke ist geschwunden, das Kriegsgeschrei, das vom Norden her bedenklich in unsere Nähe rückte, hat sich beruhigt. In der Türkei, die allerdings nicht mehr, wie zu Goethes Zeiten, für uns „hinten, weit" liegt, tönt noch Waffengerassel nach, unterbrochen vom Geröchel eines Sterbenden, und das ist die Türkei selbst. Sie wird bald noch weiter, nach hinten gerückt werden. Ihr Schicksal ist besiegelt .... So müssen wir in diesem Jahre unsere Pessah- Betrachtungen einleiten. Wir können uns eigentlich des Frühlings und des schönen Festes nicht recht freuen. Zuviel Greuliches haben wir erlebt. Wir haben wieder einmal die Menschenbestie am Werke gesehen. Menschenopfer fielen unerhört. Freilich, dem Juden erzählt man nichts Neues, wenn man ihm von Menschenbestialität spricht. Er schlägt ein beliebiges Kapitel seiner Geschichte auf und findet darin manche gegen ihn verübte Gewalttat mit blutigen Lettern verzeichnet. Pharao, Haman, Titus, Torquemada, Apion, Chamberlain usw., eine sonderbare Zusammenstellung von Namen, deren jeder eine Niedertracht gegen das Judentum bedeutet..... Der alte Amalek geht noch immer um. Heute nennt er sich Judenboykottierer, Verleumder, Ritualmcrderzeuger und wie alle die Typen des alten, nicht auszurottenden Judenhasses heißen mögen. In drastischer Weise hat Schnitzler in seinem „Professor Bernhardi" das ganze Pack auf die Bühne gebracht, oder bringen wollen, mit dem wir uns heute ebenso herumschlagen müssen, wie einstens zu irgend eines anderen Amaleks Zeiten. Aber die österreichische, speziell Wiener Bühne, für die der tapfere Dichter schrieb, blieb ihm verschlossen. Und, das soll kein Zeichen der Zeit sein? Manche haben wirklich Augen, aber die Zeichen der Zeit vermögen sie nicht zu lesen. Doch, werden viele meiner Leser sagen, wir haben bis nun von allem möglichen gehört, vom Pessah aber sehr wenig. Und doch seien „Pessah-Gedanken" in Aussicht gestellt worden. Sie sollen kommen, wenn sie auch nicht sehr fröhliche sein werden, wie man es billig voraussetzt, wenn von Pessah gesprochen wird. Es war an einem höchst trüben Winterabende des verflossenen und nun glücklich eingesargten Jahres, da nahm ich — es ist mir wirklich unbekannt, aus welchem Grunde — des unglückseligen Otto Weiningers Werk „Geschlecht und Charakter" wieder zur Hand. Vor Jahren hatte ich es gelesen, und ihm, offen gesagt, wenig Verständnis entgegengebracht. Ich las nun das Werk in der Stimmung jenes Alten, der in düsteren Augenblicken das Buch „Hiob" studierte, nicht ohne es mit den Worten zu schließen: „Das Ende des Menschen ist der Tod." Das Buch Weiningers wird von manchen Psychologen und Anthropologen als neue Heilsverkündigung gepriesen, von anderen als das Werk eines geistig nicht ganz Normalen, der aus ihm die letzte unheilvolle Konsequenz, den Selbstmord, zog. Nicht an mir ist es, mich auf die Seite der einen oder anderen Partei zu stellen. Aber das Buch enthält im II. Teile ein Kapitel, das 13. —