Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-04-11 · Heft 8 (11.4.1913) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 8 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425893--2652-2429114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 58 „Neue jfatiotial-Zeitnn£ Nr. 8 wohnt ist, in den Kultusvorstehern seine Pagoden zu sehen, sehr bitter. Er sah, daß er durchfällt, und daß er dann infolge der Niederlage seine Präsidentenstelle werde niederlegen müssen. Und nun geschah das Schmachvolle, dessen selbst wir, die politischen Gegner des Dr. Stern, von diesem Manne nicht erwartet hätten. Dr. Stern sprengte die Sitzung. Eine abfällige Kritik des Dr. Ehrlich nahm er zum Vorwande, um diesen Redner zu unicrh ecren, sich dann in eine Wut hineinzureden, zu schreien und zu toben und schließlich — „infolge allgemeiner Unruh e" die Sitzung zu schließen. Wohlgemerkt: Die Versammlung war mäuschenstill, nur der 82jährige Präsident schrie und tobte, um einen Anlaß zu haben, die Sitzung zu schließen, und dadurch einer Niederlage zu entgehen. Die Versammlung wurde überrumpelt; niemand hatte die Geistesgegenwart, zu verlangen, daß die Sitzung wenn der Präsident außer Rand und Band war, von einem der beiden anwesenden Vizepräsidenten weitergeführt werde. Dr. Stern wollte offenbar Zeit und damit Alles gewinnen. Zu diesem Zwecke hat er ganz e i g e nm ä c h t i g die Vorlage in das Vertreterkollegium zurückgeschickt. Die einzelnen Vertreter wurden gehörig bearbeitet. Und siehe da. In der vor einigen Tagen stattgehabten Vertreter-Sitzung haben sich alle anwesenden acht Vertreter für die Protektionswirtschaft ausgesprochen. Das sind doch Charaktere! Demnächst wird sich auch das Plenum wieder mit der Frage befassen und wir werden ja sehen, ob der Gewaltakt dem Dr. Stern hier zu einer Majorität verhelfen wird. In jeder Korporation freigewählter Mandatare wäre dieser Mann unmöglich. Sollten sich im Kultusvorstand nicht einige mutige Männer finden, die den Sitzungssaal von diesem Manne nicht mehr schänden lassen? Der Kampf, den Dr. Stern dem Kultusvorstand aufgedrängt hat, darf nicht unterschätzt werden. Dr. Stern hat im Kampfe für die Protektionswirtschaft zu den schändlichsten Mitteln gegriffen, um den von der Wiener Bevölkerung gewählten Kultusvorstand seinen niedrigen Bestrebungen zu unterwerfen. Die Kultusvorsteher sind es ihrer persönlichen Würde und ihren Wählern schuldig, bei ihrem Entschlüsse zu verharren, den Kampf gegen die Protektionswirtschaft ihres Präsidenten fortzusetzen und die Ehre der Wiener Kultusgemeinde zu retten. L. Kais. Rat Dr. Theodor Lieben. Wie unseren Lesern bekannt, hat Dr. Lieben jüngst nebst seinem 70. Geburtstage auch das 40jährige Dienstjubiläum als Beamter der Wiener Kultusgemeinde gefeiert, aus welchem Anlasse ihm nicht nur vom Kultusvorstande, sondern auch von zahlreichen Vereinen und hervrragenden Gemeinde- Mitgliedern besondere Ehrungen erwiesen wurden. In den letzten Tagen wurde Dr. Lieben durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz- Josef-Ordens von Allerhöchster Stelle ausgezeichnet Ueber unser Ersuchen hatte der Jubilar, der trotz Gesinnungsverschiedenheit stets mit unserer Redaktion in bestem Einvernehmen blieb, die Freundlichkeit, nachstehende Autobiographie für uns zu schreiben: Dr. Theodor Lieben, in Prag am 16. März 1843 als Sohn des bekannten Koppelmann Lieben, Herausgebers des „Gal Edu (eines berühmten jüdischen Gelehrten. Anm._ der Red.), geboren, wurde am 15. Dezember 1870 an der Universität in Graz zum Doktor der Rechte promoviert. Am 24. Dezember 1870 begann er seine Rechtspraxis beim k. k. Landesgerichte in Wien, wurde am 24. August 1871 unter Belassung in dieser Dienstverwendung zum n.-ö. Auskultanten ernannt, am 2. Februar 1872 dem k. k. Handelsgerichte Dr. ^Theodor-[Lieben. in Wien zugeteilt, woselbst er bis 17. Februar 1873 verblieb. Von diesem Zeitpunkte ab steht er in ununterbrochenem Dienste der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Am 15. Oktober 1882 wurde er vom Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde als Nachfolger des früheren Sekretärs Dr. Ludwig August Frankl Ritter v. Hochwart zum Sekretär, am 5. Juli 1897 zum ersten Sekretär ernannt. Im Jahre 1898 wurde er von Sr. Majestät durch den Titel eines „kaiserlichen Rates", im Jahre 1913 durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz-Josef- Ordens ausgezeichnet. Dr. Lieben ist seit dem 23. Dezember 1877 mit Sophie geb. Maranz verheiratet, welche der Familie des berühmten Akiba Eger entstammt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.