Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 8 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Die Protektionswirtschaft des Wiener Kultuspräsidenten. (Präsident Dr. Stern sprengt eine Vorstandssitzung.) Die letzte Vorstandssitzung vom 27. März war der Schauplatz von Vorgängen, die wohl im öffentlichen Leben und in der Geschichte der jüdischen Korporationen vereinzelt dastehen. Sie bewiesen aber nur. wie recht wir haben, wenn wir bereits seit Jahr und Tag darauf hinweisen, daß der senile Starrsinn des Präsidenten eine eminente Gefahr für die Gemeinde zu werden droht. Man pflegt oft Greisen mit Vorliebe die Führung von Kultusgemeinden zu überlassen, da sie mit Wissen Erfahrung verbinden, abgeklärt und friedliebend sind und wegen ihrer vornehmen Ruhe selbst den erregtesten Debatten Stand halten und kalmierend auf die Gemüter wirken. So war es auch immer in der Wiener Kultusgemeinde. Wir nennen nur die Namen Wertheim, Kuranda, Arminio Cohn und Klinger. Seit der Präsidentschaft Dr. Alfred Stern haben sich im Präsidium die Verhältnisse geändert. Doktor S t e r n ist nicht nur das Gegenteil von Vornehmheit und Friedensliebe; er ist die Personifikation schrankenloser Herrschsucht. Daß er bei der Wahl der Mittel zur Befriedigung dieser Herrschsucht nicht skrupellos ist und daß ihm selbst die Würde des von ihm geleiteten Kultusvorstandes gar nichts gilt, hat die letzte Plenarsitzung des Kultusvorstandes bewiesen. Bekanntlich geht der Kultusvorstand an den Bau eines Kinderspitals, welches Millionen kosten soll. Hiebei wurde in Kreisen der Hauptinteressenten, d. i. der jüdischen Architekten, vorerst die Frage ventiliert, ob zur Konkurrenz für die Baupläne alle Architekten ohne Unterschied der Konfession oder nur Juden einzuladen wären. Die jüdischen Architekten ha1/ n sich auf letzteres geeinigt, und zwar daß für den Bau des Spitals eine Konkurrenz auszuschreiben sei, an der sich alle jüdischen Architekten beteiligen dürfen. So denken auch die Mitglieder des Kultusvorstandes in ihrer überwiegenden Majorität. Nur Dr. Stern denkt anders. Er sieht plötzlich, daß bei der Vergebung des Baues sein Machtwort keinen Wert hat. Ein Sachverständigen-Kollegium wird den Bau an den Tüchtigsten vergeben, und er wird nichts dreinzureden haben. Das duldet ein Doktor Stern nicht. Was gelten ihm die Interessen der Gemeinde, wenn es gilt, Eitelkeit und Herrschsucht zu befriedigen und ProtektionsWirtschaft zu treiben? Dem Willen des Kultusvorstandes hat nun Doktor Stern seinen Starrsinn entgegengesetzt. E r will keine allgemeine Beteiligung, e r will keine Förderung junger jüdischer Talente, e r will nicht den Tüchtigsten — er will seine Leute, er will Gnaden austeilen und nur Protektion üben. Nach dem Wunsche des Dr. Stern sollen nur einige jüdische Architekten zur Ausarbeitung von Plänen eingeladen werden, und zwar die er bestimmt. Und da es nicht so einfach geht, so schreckt ein Dr. Stern auch nicht v o r b r u t a 1 e r G e w a 11 zurück. Die Frage wurde zuerst im Vertreterkollegium diskutiert. Von sechs anwesenden Mitgliedern waren drei für allgemeine Beteiligung und drei für die Protektions Wirtschaft! Es war also keine Majorität. Dr. Stern hat als Vorsitzender für die Protektionswirtschaft entschieden. Mit diesem letzeren Antrage kam Dr. Stern in die Plenarsitzung vom 27. März. Aber hier sah er plötzlich, daß er isoliert dasteht. Die meisten Kultusvorsteher, in erster Linie Fachmänner, ließen den Dr. Stern nicht im Zweifel, daß sie sein schändliches Spiel nicht unterstützen wollen und daß sie nicht sein Stimmvieh sind. Das war für Dr. Stern, der ge-