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Neue Nationalzeitung · 1913-03-28 · Heft 7 (28.3.1913) · p. Seite 55

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 7 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 »Neue National-Zeitung' Seite 55 FEUILLETON. Prof. Dr. M. Grünfeld: „Geschichte der Juden in Stadt und Land Salzburg." Von den früheste.! Zeiten bis zuf die Gegenwart. Karl Schönherr stellt in einem ergreifenden und erschütternden Drama die Austreibung der Protestanten aus dem herrlichen Alpenlande Salzburg dar. Wer würde nicht in seinem Innersten erschauern, wenn er sieht und hört, wie ein großer Dichter in mächtigen Zügen, in markigen Worten zeigt, wie ein Volk um seines „Glaubens" willen von der Scholle der Heimat in die feindliche Fremde getrieben wird? Und hat nicht schon Ooethe in „Hermann und Dorothea" Einblick gewährt in die Leiden der Auswanderer, die von grausamen Dienern „der Religion der Liebe" aus der geliebten Heimat verbannt wurden? Den wilden Fanatismus des Religionshasses, der sich gegen Unschuldige, Frauen und Kinder wendet, schildert auch Kirchsteiger in seinem „Primas von Deutschland". Baronin Handel-Mazetti gibt in ihrem unvergleichlichen Romane „Jesse und Maria" eine einzig in ihrer Art dastehende Darstellung des Kampfes zwischen bigotten Katholizismus und strengem Protestantismus. Wie viele Opfer kostete der Glaubenswahn? Wer kann sie zählen? W i r J u d e n wissen davon zu erzählen. Wessen wurden nicht unsere unglücklichen Altvorderen beschuldigt? Man klagte sie an, Christenkinder getötet, den christlichen Glauben verhöhnt, Symbole des Christentums geschändet, das Vaterland verraten zu haben. Die Beweise für alle diese Anklagen blieb man allerdings schuldig. Und was der österreichische Volksdichter mit grausamer Wahrheit darstellt, wie oft erlebten es unsere Ahnen? Das Drama „Glaube und Heimat" ist ein jüdisches. Unzählige Male erzählt es unsere Geschichte. Dr. Adolf A11 m a n n, Rabbiner in Salzburg, ein um die Geschichte der Juden in den Alpenländern hochverdienter Mann, unternahm es, ein Bild der „Geschichte der Juden in Stadt und Land Salzburg"*) zu liefern, das auf die ältesten Zeiten zurückgeht, da das alte Juvavum zurzeit der römischen Kaiser erstand, und das bis zum Jahre 1498 reicht, demnach bis zum Ende des Mittelalters. Sagen wir es gleich: eine fleißige Arbeit liegt hier vor. Dem Verfasser entging keine Quelle. Und, wir staunen, wenn wir das Literaturverzeichnis lesen, über die Menge von gedruckten Werken und handschriftlichen Archivalien, die der emsige Bearbeiter dieser jüdischen Provinzialgeschichte zu benützen Gelegenheit hatte. Fast hätten wir gesagt, der Verfasser sei zu weit gegangen. Denn von den Anfängen der Geschichte der Juden Salzburgs wissen wir doch nichts Sicheres. Worte wie: „es dürfte", „es scheint", „vielleicht", sollten in einem G e - *) Nach handschriftlichen und gedruckten Quellen bearbeitet und dargestellt. Mit 14 Abbildungen und einem Faksimile. (1. Band: Bis zur Vertreibung der Juden aus Salzburg 1498.) 1913, Berlin, Verlag Louis Lamm. schichts werke womöglich vermieden werden. Urkundlich wissen wir von der Existenz der Juden Salzburgs doch erst etwas aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, von dem Bestände einer Judengemeinde in der Hauptstadt selbst, erfahren wir aus dem Jahre 1346, zurzeit des Erzbischofs O r t o 1 p h. Die Geschichte der Juden Salzburgs hat sich nicht wesentlich anders abgespielt, als anderwärts. Das jüdische Drama weist in vergangenen Tagen überall dieselben Züge auf. Wie und woher die Juden nach" Deutschland, in unsere Alpenländer und in die anderen österreichischen Kronländer kamen, wer kann dies sagen? Die alten Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz berichten in ihren Satzungen („Tekanoth Schum" Anfangsbuchstaben für die drei Städtenamen), es seien in diesen altehrwürdigen Gemeinden Juden schon zur Zeit der Entstehung des Christentums wohnhaft gewesen. So wollten sich die Unlücklichen während der grausamen Zeit der Kreuzzüge von der Beschuldigung befreien, als seien ihre Ahnen schuld am Kreuzigungstode des Stifters der christlichen Religion. Ob nun die Juden aus Deutschland oder aus Italien in die jetzigen österreichischen Gebiete kamen, wird wohl nie festgesetzt werden können Noch weniger, w ann sie dahin kamen. Die einzige Urkunde, die nachweist, Juden hätten als Kaufleute („Judäi aliique mercatores") in Böhmen, Mähren, Oesterreich am Beginne des 10. Jahrhunderts gelebt, ist der Zollvertrag von Raffelstätten (einem Dorfe in der Nähe von Linz). Die Urkunde stammt aus dem Jahre 906. Sie wird viel zitiert. Ist sie doch das erste Dokument für die Geschichte zum Beispiel der Juden in Mähren. Das Buch A 11 m a n n s ist nun ein weiterer Baustein für die Geschichte der Juden in Oesterreich. Der mährische Historiograph, Christian Ritter d'Elvert, hat, schon vor Jahren, eine solche herbeigesehnt. Er hat sein Teil für die Geschichte der Juden in Mähren beigetragen. Im vorigen Jahre erschien ein großangelegtes Werk von dem mährischen Archivsdirektor Professor Dr. Brettholz: „Die Geschichte der Stadt Brünn" (I. Teil), ein sehr ausführliches Kapitel „Über die Juden in Brünn" enthaltend. Wir besitzen auch einige mehr wohlgemeinte, als wirklich gründliche historische Werke über die Juden in einzelnen österreichischen Städten. Auf archivalischen Grundlagen sind die tüchtigen, wissenschaftlichen Werke von Schwarz, Goldmann, Wachstein über die Juden Wiens aufgebaut, ihnen reiht sich jetzt das Buch A 11 m a n n s würdig an. Und, so werden wir wohl dem Ziele immer näher kommen, endlich eine Gesamtgeschichte der Juden Oesterreichs zu besitzen, da ja auch vortreffliche Arbeiten für die Geschichte der Juden in anderen Kronländern Oesterreichs vorliegen. Freilich, überall gleichen sich die Verhältnisse unserer Ahnen. Ueberall dasselbe Bild, ob sie nun unter der Herrschaft von Markgrafen, Herzogen oder, wie in Salzburg, unter der von Erzbischöfen, die hier seit dem 13. Jahrhundert die Landeshoheit ausübten, standen. Es ist auch ganz gleichgültig, ob sie „Kammerknechte1* des deutschen Kaisers oder des

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