Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-03-28 · Heft 7 (28.3.1913) · p. Seite 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 7 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425892--2649-2429110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

öeite 56 Nr. 7 Erzbischofs von Salzburg waren. Wir bemerken, daß der Hohenstaufe Friedrich II. der erste Kaiser war, von dein wir es urkundlich wissen, daß er sie als „die speziellen Knechte seiner Kammer" bezeichnete. Den Schutz von Kaisern und Landesherren mußten sich die Juden teuer genug erkaufen. So spricht man von dem „Judenregal", das einzelnen Fürsten vom Kaiser gewährt wurde. Es ist die alte Geschichte, die sich auch in Salzburg wiederholt: Man gestattete den Juden den Wucher, welcher den Christen verboten war, und die ewig Geld bedürftigen Herren erpreßten dann ihren jüdischen Gläubigern das Geld durch Steuern aller Art. Der Erzbischof Ortolph von Salzburg (1344 bis 1365) verfügte über ein Einkommen von rund 30.000 Goldgulden, für die damalige Zeit sehr stattliche Revenuen (etwa eine Viertelmillion Kronen), war aber doch stets Geld bedürftig, mußte Anlehen machen und war auf die Steuerleistungen der Juden angewiesen. Er war vorurteilslos genug, als praktischer und kluger Mann, seinen Juden starken Schutz zu gewähren. Als Kaufleute, Geldverleiher, hie und da auch als Besitzer von Grund und Boden, also lebten die Juden in Salzburg während des Mittelalters. Und doch mußten sie stets den Fanatismus der Menge fürchten, die nur auf eine Gelegenheit wartete, sich ihrer zu entledigen. Da nützte dann auch der Schutz eines Erzbischofs nichts. So kam das Jahr 1349, das Jahr des „Schwarzen Todes". Tod und Verderben verbreitete sich unter den Juden überall. Furchtbarer Greuel machte sich der Pöbel gegen die Juden am Rhein, an der Donau, in Thüringen, Schlesien und Oesterreich schuldig. Kein Kaiser, kein Papst vermochte sie zu schützen. Auch Ortolph konnte seinen Salzburger Juden keinen Schutz gewähren. Feuer und Schwert wüteten gegen sie. Eine Abbildung, die A11 m a n n s Buch reproduziert, und die „Eine Judenverbrennung zur Zeit des schwarzen Todes" darstellt, betrachten wir mit innerem Schaudern. Es hat lange gedauert, bevor sich wieder Juden im Salzburgischen, nach den Schrecken von 1349, niederließen. Nur in Friesach, im heutigen Kärnten, wo auch von A11 m a n n entzifferte, jüdische Grabsteine gefunden wurden, scheinen sie sich schon 1351 wieder angesiedelt zu haben. Indessen hören wir unter dem Erzbischofe Pilgrim II. (1370) von einem „Judenschulmeister" in Salzburg, ein Beweis, daß in diesem Jahre eine stattliche Judengemeinde in der Stadt wieder bestand. 1377 werden eine Judengasse und „die Judenschül" erwähnt. In die Zeit zwischen der ersten und zweiten Judenverfolgung 1404 gehört auch die Anlegung des „Judenfreithofs". Und wieder kam für sie ein schrecklicher Tag. Es war der 10. Juli 1404, da die ganze Judenschaft von Salzburg und Hallein zum Scheiterhaufen geschleppt wurde. Zum „Prennen" war sie verurteilt worden. Man hatte sie der Hostienschändung bezichtigt. Das Bild 9 in Altmanns Buche bietet eine Reproduktion des Originalstiches „Die Judenverfolgung in Salzburg im Jahre 1404" darstellend. Der Stich selbst befindet sich im Besitze des städtischen Museums „Carolino Augusteum" zu Salzburg. Und wieder kamen für die Juden Salzburgs bessere Zeiten, als Johann II. von Reisberg (1429 bis 1441) auf dem erzbischöflichen Stuhle saß. Er förderte ihre Ansiedlungen in dem von ihm beherrschten Territorium. Aber das 15. Jahrhundert, in dem sich allenthalben eine neue Zeit vorbereitete, bildet für die Juden das Ende des Mittelalters nicht. Der schwache Kaiser Friedrich III. vermochte sie nicht zu schützen, auch sein ritterlicher Sohn Maximilian I. konnte es nicht. Gerade unter seiner Regierung wurden die Juden aus Ulm, Nördlingen und Regensburg vertrieben. Christenmord, Hostienschändung, Gotteslästerung, das waren die Anklagen, die gegen sie erhoben wurden. Nachdem im Jahre 1496 die Juden aus Kärnten, Krain, Steyr vertrieben worden waren, konnten zwar die Salzburgs, wo damals Erzbischof Leonhard von Keutschach regierte, sich noch zwei Jahre halten, aber in dem Jahre 1498, da sie auch aus Portugal vertrieben wurden, mußten sie auf Grund von Anklagen wegen ihres großen Wuchers und der Beschuldigung, eine Monstranz gestohlen zu haben, das schöne Alpenland für immer verlassen. Nach 400 Jahren erst, im Jahre 1867, da das österreichische Staatsgrundgesetz die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich herstellte, erfolgte wieder ihre Ansiedlung in Salzburg. Und immer mehr erblüht die dortige Judengemeinde. Das Buch A 11 m a n n s, das in einem zweiten Teile die „Judenlose Zeit" und die von 1867 bis 1911 schildern will, wird gewiß mit großem und berechtigtem Interesse gelesen werden. Allerdings wundert man sich, daß in einer Zeit, in der gerade in Oesterreich im 13. Jahrhundert das halachistische Studium blühte, kein Name eines Salzburger Juden hervorragt, der durch Gelehrsamkeit sich ausgezeichnet hätte. Und doch wird es an Beziehungen zwischen den Wiener und Salzburger Juden wohl kaum gefehlt haben. Zum Schlüsse möchten wir, ohne dies allzu sehr mit Tadel hervorheben zu wollen, darauf aufmerksam machen, daß der Stil A 11 m a n n s einiger Härten nicht entbehrt. Dazu gehören die grammatischen Inversionen (Seite 4). Ausdrücke wie „die Interessentenwelt der jüdischen Geschichtswissenschaft" wären zu vermeiden gewesen. (Vorwort, Seite XII): Der Komperativ „mehr sagendere" (!). (Seite 22) gehört wohl zu den Druckfehlern, an denen das Buch trotz der „Berichtigungen und Nachträge" (Seite 258—265) noch sehr reich ist. Die gerügten Fehler würden sich, bei der Veranstaltung einer Neuauflage leicht ausmerzen lassen. Dagegen ist der Historiker für die Mitteilung der „Urkundentexte" im Anhang I sehr dankbar. Kein Zweifel: Altmanns Buch wird sicherlich als Beitrag zur Geschichte der Juden Oesterreichs willkommen geheißen werden. Briefkasten der Redaktion. Einsender aus Meran. Wir bitten um genaue Angabe von Namen und Adresse, dann stehen wir Ihnen zur Verfügung. Kultuswähler In Wien. Gewiß ist auch uns bekannt, daß dem Präsidenten Dr. Stern die Möglichkeit geboten wurde, üür 'den Spitalsbau einen um 700.000 K billigeren Grundkomplex anzukaufen, wodurch dem Kinderspital ein um 700.000 K höherer Erhaltungsionds reserviert wäre. Allerdings hätte man es dann nicht mit dem Obersthofmarschallamt und mit einem kaiserlichen Rat als Provisionsagent zu tun. — Mit der „Gewureh" ist es also trotz aller Preßlakeien nicht weit her. Dr. Stern würde, wenn es sich um sein eigenes Geld handelte, es sich zehnmal überlegen, auch nur 700 Heller so zwecklos zum Fenster hinauszuwerfen. Und darf ihm ein Spitalsfonds weniger gelten als sein eigener?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.