Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1913-03-28 · Heft 7 (28.3.1913) · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 7 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2425679-2425884-2425892--2644-2429105
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 7 „Neue National-Zeitung" in den Kreisen der freien Berufe nicht auch seine ruthenischen Landsleute dorthin übersiedeln .würden, um sich eine gute Existenz zu verschaffen. „Was glauben Sie denn", sagte er, „wir haben selbst in Galizien noch keine genügende Anzahl von Intelligenzlern. An Advokaten allein fehlen uns mindestens 100." „Wollen Sie also", erwiderte ich, „den jüdischen Advokaten Konkurrenz machen? Also ein ruthenischer Asemitismu s?" „Jedenfalls etwas Aehnliches. Wir sind gewiß keine Judenfeinde, aber wir müssen doch in erster Linie unsere Leute versorgen. Und dann sind ja unsere Advokaten auch unsere nationalen Agitatoren. Das begreifen ja die jüdischen Advokaten in Ostgalizien schon langsam und nehmen immer mehr ruthenische Konzipienten in ihre Dienste. Allein auch das wird uns nicht genügen; wir werden verlangen, daß der jüdische Advokat, der Rutheneri vor Gericht vertritt, auch ruthenisch vor Gericht plädiere und ruthenische Eingaben bei Gericht überreiche. / Ich hoffe, daß wir in zehn Jahren unsere Bevölkerung schon so weit haben werden." „Das sind ja", meinte ich, „sehr schlechte Auspizien für die jüdische Intelligenz". „Gewiß", erwiderte der Abgeordnete. „Das jüdische Problem in Galizien, dessen Gegenstand über 800.000 Menschen bilden, ist ein ungeheuer schweres. Jene Männer die an der Spitze der jüdischen Gesellschaft stehen, begehen ein schweres Verbrechen, wenn sie nicht rechtzeitig irgendeine Losung oder einen Abfluß schaffen." Darauf habe ich gar keine Antwort mehr gegeben; es ist dies nämlich auch meine Ansicht. L. „Romanows und Rothschilds". Wir erhalten zum Leitartikel unserer letzten Nummer von einer in der Wiener Gesellschaft sehr bekannten Persönlichkeit, die uns wiederholt Beweise ihrer Sympathie gegeben hat, nachstehende Zuschrift: Geehrter Herr Doktor! Ihr Artikel „Romanows und Rothschilds" wurde in meinen Kreisen viel besprochen: für und wider. Es überwog, „selbstverständlich", die Ansicht, daß Ihr Artikel ein Eingriff in das Privatleben und in die persönliche Sphäre sei, da es den betreffenden Baronen nicht benommen werden 'kann, nach ihrem Belieben an gesellschaftlichen Festlichkeiten teilzunehmen. Ich habe diese Ansicht bekämpft und bitte ich Sie, mir zu gestatten, meine Argumentation an dieser Stelle wiederzugeben. Ich gehe weiter als Sie. Sie meinen, die Rothschilds hätten bei Erfüllung ihrer repräsentativen Pflichten darauf Rücksicht zu nehmen, daß sie durch ihren Beamten im Kultusvorstand vertreten sind, daß sie freiwillig eine höhere Kultussteuer leisten und am langen Tag im Tempel „schnödem", (d. h. spenden. Anm. d. Red.) Allein das verpflichtet ja höchstens den Kultusvcrstand, aber nicht die Rothschilds. Also nicht erst diese Umstände machen das Vorgehen der Rothschilds würdelos. Für mich ist lediglich der Umstand maßgebend, daß ein Jude, der auf seine Zugehörigkeit zum Judentum Gewicht legt, beim Botschafter jenes Reiches, wo Juden straflos geplündert und massakriert, in Tausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben werden, keine repräsentativen Pflichten zu erfüllen hat; einerlei ob es Rothschild oder jemand anderer ist. Tut er es dennoch, dann verdient er unsere Verachtung. Haben Sie jemals einen Polen bei einem Rout des russischen oder deutschen Botschafters gesehen? Und doch haben wir polnische aktive Minister, die ihre repräsentativen Pflichten hiezu veranlassen müßten! Sie wissen eben ganz gut, daß sie sich dadurch politisch und gesellschaftlich unmöglich machen würden. Und finden Sie es vielleicht in Ordnung, daß der Abgeordnete der jüdischen Majorität vom Kai und Vorstands-Mitglied der „Israelitischen Allianz", Hofrat K u r a n d a, am Ball der Stadt Wien teilnimmt, dessen Veranstalter sich öffentlich zum antisemitischen Programm bekennen? Es wird in Kreisen der „Allianz" und der „Union" so viel davon gesprochen: „Ja, Kuranda ist kein Jüdischnationaler, aber er ist ein warmer Jude. Wenn der vom Antisemitismus hört, da wird er — wild. Man muß die Messer wegräumen." Vielleicht war er einmal so. Jetzt aber, wenn Kuranda einen Antisemiten nur sieht, steckt er das Messer ein und frißt ihm aus der Hand. Das alles, was Sie in Ihrem Leitartikel und ich liier sagen, ist doch eigentlich selbstverständlich. Und doch müßte man es hundertja tausendmal sagen, bis es in das Bewußtsein der jüdischen Bevölkerung von Wien dringt. Wir leben ja in einer Stadt, wo Kurandas jüdische Mandatsbesitzer sind und Rothschilds den Kultusvorstand kommandieren...... Mit aufrichtigem Gruß. Die Tagung des jüdischen Frauenbundes in Leipzig. Leipzig, 21. März. In der Zeit vom 18. bis 21). März taste im Hotel de Prusse die IV. Delegierten- und Mitgliederversammlung des Jüdischen Frauenbundes. Am Dienstag vormittag 11 Uhr fand die Begrüßung der Delegierten statt. Die Vorsitzende Frl. Pappenheim (Frankfurt a. M.) begrüßte besonders das Ehrenmitglied des Jüdischen Frauenbundes, Frau Henriette Qoldschmidt, die einzige noch lebende Mitbegründern des Deutschen Frauenvereines. Der Vorsteher der Leipziger Gemeinde, Dr. M a gn u s, entbot als Vertreter der Leipziger Organe der jüdischen Wohlfahrtspflege den Erschienenen herzlichen Willkommengruß. Frau H. Qoldschmidt dankte in kurzer Ansprache, in der sie ausiührte: Der Lebensinhalt eines Volkes ist die von ihm geschaffene Kultur. In Deutschland gibt es kein Gebiet — nicht nur materieller, sondern auch geistiger Art — auf dem das Judentum nicht tätig wäre. So sind auch die jüdischen Frauen eingetreten als Mitarbeiterinnen in die gemeinsame Arbeit der deutschen Frau. Möge jedem jüdischen Frauenvereine, so schloß die Rednerin, der Wunsch vor Augen schweben: Heilig sei die Geschichte der Väter, heilig aber auch die Zu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.